Dieser Bentley bezwingt sogar Laguna Seca
Rücksitzanlage raus, Elektrounterstützung raus: Der Bentley Supersports setzt auf Hinterradantrieb und 666 PS aus dem vier Liter großen V8. Auf der Rennstrecke von Laguna Seca zeigt das zweisitzige Coupé, wie viel Dynamik im Gentleman steckt.
Sie haben es wieder getan: Bentley haut einen Supersports raus. Zum insgesamt vierten Mal in der bewegten Firmengeschichte. Deshalb gehen sie beim aktuellen, auf 500 Stück limitierten Supersports technisch in die Vollen. Besser gesagt ans Leeren. Keine Rücksitze, Hinterrad- statt Allradantrieb.
Und: raus mit jeglicher Elektrounterstützung für den vier Liter großen Crossplane-V8 mit verstärktem Kurbelgehäuse, modifiziertem Kopf und größeren Turboladern aus dem Konzernregal (Porsche). Er erarbeitet sich seine 666 PS allein durch die Verquickung von Luft und Benzin. Unter stimmiger Mithilfe der vollflutigen Titan-Auspuffanlage von Akrapovic, die sich intensiv dem Sound widmet. Tief und bassig grollend rollt die auf maximal 800 Newtonmeter gebettete Powerwelle an, entfaltet sich fett durch die Mitte, dreht freudig obenraus.
Codename Mildred
Glaubt man dem Narrativ zu diesem Supersports, dann startete die Idee eines unter zwei Tonnen schweren, hinterradgetriebenen Continental GT im September 2024, bollerte nur sechs Wochen später als Muletto. Entwickelt von einem kleinen, fokussierten Team unter Geheimhaltung, weshalb der Apparat sogar einen Codenamen erhielt: Mildred. Zu Ehren von Mildred Mary Petre, die im frühen 20. Jahrhundert Rekorde zu Lande, zu Wasser und in der Luft brach. 1929 war sie 24 Stunden in einem 4,5-Liter-Bentley auf der Rennstrecke von Montlhéry unterwegs. Solo, in einem einzigen Stint. Schnitt 90 Meilen. Noch Fragen?
Okay, dann ab auf die Strecke. Laguna Seca statt Montlhéry, und auch keine 24 Stunden am Stück. Dafür mit dem bestens aufgelegten Supersports, der auf geschmiedeten und gefrästen 22-Zoll-Rädern steht, entwickelt in Kooperation mit Manthey Racing. Standard sind Pirelli P-Zero, hier jedoch steigern die optionalen Trofeo RS die Dynamik beträchtlich: Bentley verspricht bis zu 30 Prozent höhere Kurvengeschwindigkeiten als beim Continental GT Speed sowie Querbeschleunigungen bis 1,3 g.
Könnte klappen, bei einem Gewicht knapp unter zwei Tonnen (eine halbe Tonne weniger als der Conti GT), tieferem Schwerpunkt dank Carbondach und reinem Hinterradantrieb. Und durch den Rausschmiss einiger Assistenzsysteme, die man für den Sportstyp als überflüssig identifizierte.
Alltagstauglicher Speed
Wichtiger: das schneller und sportiver schaltende Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe und das elektronisch gesteuerte Hinterachs-Sperrdifferenzial, das gemeinsam mit der Bremse Torque-Vectoring ermöglicht. Stets nach dem Geschmack des Fahrers, der den Supersports mittels dreier Modi konditionieren kann, während er in seinem bequemen Sportsitz lümmelt. Ist halt immer noch ein Bentley, auch als Supersports, wie CEO Frank-Steffen Walliser unterstreicht.
Der Supersports ist das erste Modell, das komplett unter seiner Ägide entstand. Und das Marken-Credo vom immer noch alltagstauglichen, fahrfreudigen Coupé scheint auch bei den Modi Touring, Bentley oder Sport immer durch. Der Supersports bleibt Gentleman, macht es seinem Fahrer leicht, das Potenzial zu genießen. Hilfselektronik deaktivieren geht ebenfalls, der Apparat dann entsprechend quer.
Mehr Anpressdruck und Alu-Fahrwerk
Doch eine Portion sorgfältig applizierte Traktionskontrolle schadet nicht, wenn es frisch auf die Strecke von Laguna Seca mit ihrer fordernden Topografie geht, samt der Corkscrew-Corner, die schwer einsehbar als Links-Rechts in die Tiefe fällt. Kein Problem für den Bentley: 300 Kilogramm mehr Anpressdruck dank diverser Aero-Anbauteile aus Carbon inklusive feststehendem Heckspoiler verbinden ihn gemeinsam mit dem Alu-Fahrwerk mit der Piste. Bentley belässt es bei der Einkammer-Luftfederung mitsamt Zweiventil-Dämpfern, die Zug- und Druckdämpfung getrennt regeln. Hinzu kommt die bekannte 48-Volt-Wankstabilisierung.
Fühlbar, denn der Supersports gibt nur so viel Bewegung weiter, wie der Fahrer zum Einschätzen der Dynamik braucht, die er nach wie vor mit der feinfühlig-satt arbeitenden Allradlenkung befehligt. Den Tempoabbau erledigt eine Keramikbremse, die mit 440er-Scheiben und Zehnkolben–Zangen vorn (410er mit vier Kolben hinten) Standfestigkeit verspricht. Und die hält sie in Laguna Seca auch. Schade, dass Mildred Mary Petre das nicht mehr erleben durfte.
