Ring of Feier
Zum 24h-Rennen oder während Rock am Ring ist der NÜRBURGRING eine einzige Partymeile. Doch auch außerhalb der Großevents lohnt sich ein Besuch in der Eifel. Wir haben den Roadtrip mit drei Corvette-Modellen.
Abendstimmung auf der Nordschleife mit drei Corvette -Modellen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber nein, wir sind nicht für den drölfzigsten Rundenzeitenvergleich hier, bei dem am Ende herauskommt, dass – welch eine Überraschung – das High-Performance-Modell am schnellsten ist.
Wir sind zur Nordschleife gefahren, weil wir uns das Drumherum genauer anschauen wollten. Denn in den seltensten Fällen fährt man zur Nordschleife, spult ein paar Touri-Runden ab und macht sich gleich wieder auf den Heimweg. Um die Eifel zu genießen, sollte es mindestens eine Übernachtung sein – damit es sich lohnt sogar mindestens zwei. Was also braucht es für das perfekte Nürburgring-Wochenende und was können Sportwagenfreunde neben der Nordschleife noch so erleben?
Aber zunächst brauchen wir einen fahrbaren Untersatz. Wir haben uns für Corvette als Protagonisten entschieden. Gleich drei begleiten uns in die Eifel: Stingray, E-Ray und Z06. Und mit ihnen auch die Fragen: Wie sieht der perfekte Wochenendtrip an die Nordschleife aus? Welche Talente werfen die einzelnen Corvette-Varianten in die Waagschale?
Wir starten unseren Streifzug durch die Modellpalette mit der Stingray. Jenem Modell also, das die Corvette-Ultras vor rund fünf Jahren schlicht damit erzürnte, dass der Fahrer den Small Block nicht mehr vor sich herschiebt, sondern im Kreuz hat. Wer sich jedoch auf diesen Kulturschock eingelassen hat, merkt schnell: Das war bitter nötig. Die Frontmotor-Vette war nach sieben Generationen ausentwickelt – um aber nicht die treuen Bestandskunden zu verprellen, wurde das Herzstück so urwüchsig wie möglich belassen. Der 6,2 Liter generiert seine 482 PS und 613 Nm klassisch über eine zentrale, untenliegende Nockenwelle und zwei Ventile pro Zylinder. Die Leistungscharakteristik könnte corvettiger kaum sein: Für einen Sauger viel Punch von unter, aber wer eine Drehorgel sucht, muss sich anderswo umsehen. Dabei haben sie den Smallblock so gut es geht an die heutige Zeit angepasst: Zylinderabschaltung im Teillastbereich, Trockensumpfschmierung inklusive Ölspritzkühlung der Kolben. So archaisch die C8 also klingt, so modern ist sie im Verborgenen. Betrachtet man das Designkonzept, so hat sich von der C7 zur C8 gar nicht so viel verändert – bis auf das grundlegende Fahrzeugkonzept natürlich. Und genau das ist es, was die neue Generation so radikal gewandelt wirken lässt. Herausgekommen ist ein fahrerisch reizvoller Sportwagen, der mit viel querdynamischem Talent gesegnet ist, dabei aber nur einen Bruchteil der Konkurrenz kostet und einen bemerkenswerten Alltagsnutzen mitbringt.
Thema Kosten: Frühere Knallerpreise sind heute freilich nicht mehr zu halten – alles wird teurer, auch Mittelmotor-Sportwagen –, aber eine Stingray gibt es immer noch ab 106.900 Euro. Das sind exakt 20.000 Euro über dem Basispreis von vor fünf Jahren. Mit dabei ist auf dem europäischen Markt das Z51-Performance-Paket, das mit Brembo-Bremsanlage, Sportauspuff, anderer Hinterachsübersetzung, elektronischem Sperrdifferenzial sowie optimierten Kühlsystem einiges an Glaubwürdigkeit auf der Rennstrecke gewinnt.
Und genau dort sind wir nun angekommen. Der Nürburgring empfängt uns bei bestem Hochsommer-Wetter. Erster Stopp: die Ring-Kartbahn. Wer sich mit seinen Kumpels im direkten Wettbewerb messen möchte, kann das hier auf einer 400 Meter langen und für eine Indoor-Kartbahn erstaunlich abwechslungsreichen Strecke tun. Zwar müssen sich Motorsport-Fans damit abfinden, dass es sich hier um Elektrokarts handelt. Ein bisschen Atmosphäre fehlt, aber dem Spaß tut das aber keinen Abbruch.
Deutlich schneller, aber im virtuellen Raum geht es in der eSports Bar zu. Ganze elf Rennsimulatoren bilden jede Bodenwelle realitätsnah ab. Ein echtes Erlebnis und zudem eine Top-Gelegenheit, sich die Streckenführung der Nordschleife vor den anstehenden Runden noch mal zu verinnerlichen. Und wenn die Hände danach nicht genug zittern, lockt das Ring-Bowlingcenter mit acht Bahnen, Gastronomie und weiterem Kneipensport, wie Billard, Dart und Kicker.
Am Ende kommen die meisten Ring-Besucher aber wegen der Touristenfahrten – und das ist auch unser nächstes Ziel. Am Eingang zur Strecke lohnt es sich früh da zu sein und vorher noch mal vollzutanken und alle wichtigen Bauteile am Auto zu checken. Nicht nur, um eine peinliche Panne zu vermeiden, sondern auch weil die Warteschlangen am Kreisverkehr vor dem Devil‘s Diner teils nervenzerreißend lang sind. Von 17:00 bis 19:30 Uhr kann jeder auf die Nordschleife, der ein straßenzugelassenes Auto und ein gültiges Ticket hat. Es gelten die Regeln des öffentlichen Straßenverkehrs, das bedeutet zum Beispiel: überholt wird nur links. Doch so oft von Nürburgring-Seite zur Vernunft gemahnt wird, die Realität sieht anders aus. Kaum ein Auto geht unmodifiziert auf die Strecke, nur wenige Besucher fahren ohne das sprichwörtliche Messer zwischen den Zähnen. Daher muss auch die Streckensicherung in schöner Regelmäßigkeit ausrücken. In unseren drei Runden kommen wir an sechs Gelb-Sektoren durch Unfälle oder Liegenbleiber vorbei.
Als Tool für diesen Abstecher haben wir eine brandneue Corvette Z06 dabei. Anders als die Stingray ist sie voll auf Performance fokussiert. Hinter dem Fahrer werkelt ein neu entwickelter 5,5-Liter-V8 mit obenliegenden Nockenwellen und Flatplane-Kurbelwelle, der sein Debüt einst im GT-Sportler C8.R gab – vom Motorsport auf die Straße also. Den Sound knallt sie einem so unamerikanisch heiser fauchend um die Ohren, dass wir uns kurz vergewissern müssen, dass wir in einer Corvette sitzen. Ihre Drehfreude macht uns noch stutziger. Während bei der Stingray oberhalb von 5.500 Touren anklingende Lethargie übernimmt, geht in der Z06 dort erst so richtig die Post ab. Bis deutlich über 8.000 Touren können wir den Vierventiler drehen und über die Carbonwippen am Lenkrad blitzschnell den nächsten der acht Gänge scharf schalten. Auf der Strecke ist es ein einziges Fest mit der Z06: Die aufgezogenen Michelin Pilot Sport Cup 2 R haften wie vom anderen Stern, sobald sie auf Temperatur sind, die fein ansprechende Vorderachse scheint Richtungswechsel vorherzuahnen. So unangenehm das ganze Konstrukt auf der Landstraße ist, weil die Z06 jeder noch so kleinen Spurrille hinterherwieselt, so perfekt passt es hier. Doch genau das ist ihr Konzept: Die Z06 will intern der möglichst große Gegensatz zur Stingray sein.
Nach diesem wilden Ritt machen wir uns auf den Weg zum Hotel mit dem schönen Namen "am Tiergarten" – besser bekannt unter dem Namen des angeschlossenen Restaurants: Pistenklause. Die Zimmer sind im Motorsport-Look ausstaffiert, die italienische Küche verwöhnt den Gaumen. Zurück nach Hause müssen wir leider am nächsten Morgen und dafür picken wir uns den dritten im Bunde heraus. Die E-Ray verbindet Klassik und Moderne, indem sie den 6,2-Liter-Stoßstangen-V8 mit E-Antrieb an der Vorderachse kombiniert. Der so entstandene Allrad leistet 644 PS im System und katapultiert die E-Ray so in 2,9 Sekunden auf Tempo 100. Solch ein Launch-Start käme vor dem Hotel aber gar nicht gut an, denn in der Eifel haben sie jüngst eine Kampagne gestartet, mit der die Besucher der Region zur Rücksicht auf die Anwohner aufgefordert werden. "No place for posers and idiots" steht auf einem Aufkleber, den man sich vielerorts kostenlos mitnehmen kann – auch in unserer Hotellobby.
Zum Glück hat die E-Ray einen Stealth Mode, mit dem wir vollelektrisch vom Hof schleichen können. Das Ganze funktioniert bis 72 km/h und circa sieben Kilometer weit. Optisch trägt sie die verbreiterte Widebody-Karosserie der Z06 und verfügt über eigenständige E-Ray-Performance-Komponenten und ist somit für das ungeschulte Auge viel näher am Track-Tool als an der Stingray. Am klassischen Timbre des LT2-V8 erkennt man sie dann aber doch: Metallisch-massiv und bassig-dumpf grollt es mittschiffs und selbst bei höheren Drehzahlen bleibt der Sound stets kernig und driftet nie in die erwähnte Heiserkeit der Z06 ab.
Und damit wären auch die Rollen in diesem Trio geklärt: Wer auf Hightech steht und den E-Punch aus dem Keller zu schätzen weiß, der greift zur E-Ray. Wer jeden Curb im Visier hat und Querdynamik vom Feinsten erleben will, die Z06. Für uns der perfekte Mittelweg ist jedoch die Stingray. Hier schwingt der Geist der Vorgänger in jeder Faser mit, durch das serienmäßige Performance Paket ist sie jedoch voll Track-tauglich.
