Wissen Sie, wo wir das alles bauen?
Die deutsche Rüstungsindustrie steht im Fokus, als Wirtschafts- und Innovationstreiber, als Arbeitgeber – und als Ziel, wie aktuelle Drohungen und Anschläge zeigen. Aber wo in Deutschland werden denn Panzer und Co. überhaupt produziert?
In der deutschen Rüstungsindustrie arbeiten einschließlich ihrer Zulieferer schätzungsweise 150.000 Menschen. Diese Größenordnung nannte das Institut der deutschen Wirtschaft im März 2025 – wegen des Rüstungsbooms dürften die Zahlen aktuell deutlich höher liegen. Mit knapp 31 Milliarden Euro Umsatz aus dem Jahr 2022 liegt die Branche weit hinter den Daten von Auto-, Maschinenbau-, Elektro- sowie Chemie-Industrie. Dennoch zählt der BDSV, der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie über 400 Unternehmen, einschließlich Tochtergesellschaften. Und am Beispiel des Leopard 2 lässt sich eindrucksvoll nachvollziehen, wie komplex die Produktion organisiert ist.
Ein Leopard aus mehreren Werken
Der Leopard 2 wird nicht vollständig in einem Werk hergestellt. KNDS baut die neuen Leopard 2A8 für die Bundeswehr in München zusammen, während das Werk in Kassel die Turmsysteme fertigt. Aus Görlitz kommen Wannen und Turmgehäuse. Dort hat KNDS ein ehemaliges Alstom-Bahnwerk übernommen und für die Herstellung von Panzerteilen umgebaut. Die Wanne bildet den gepanzerten Fahrzeugkörper, in dem unter anderem Antrieb und Fahrer untergebracht sind. Das Turmgehäuse nimmt später die Bewaffnung und weitere Ausrüstung auf.
Wesentliche Komponenten liefern andere Unternehmen. Der Dieselmotor stammt von Rolls-Royce Power Systems mit Sitz in Friedrichshafen und trägt die Marke MTU. KNDS bestellte dort Ende 2025 mehr als 300 Motoren des Typs MB 873 Ka-501 für neue Leopard verschiedener europäischer Streitkräfte. Rheinmetall liefert die 120-Millimeter-Glattrohrkanone.
Land: Panzer, Haubitzen und Militärlastwagen
Bei den Landfahrzeugen gehören KNDS und Rheinmetall zu den großen Herstellern. Kassel ist neben der Leopard-Turmfertigung auch ein Standort für den Radpanzer Boxer und das Geschützmodul der Radhaubitze RCH 155. In Unterlüß arbeitet Rheinmetall an gepanzerten Fahrzeugen und Artilleriesystemen. Spezialfahrzeuge kommen unter anderem von FFG aus Flensburg. In Kaiserslautern fertigt GDELS militärische Brückensysteme, während Mercedes-Benz in Wörth auch Lastwagen für Streitkräfte baut.
Wasser: U-Boote und Korvetten
Der Bau von Kriegsschiffen konzentriert sich auf die norddeutschen Werften. TKMS fertigt in Kiel konventionelle U-Boote, darunter die neue Klasse 212CD für Deutschland und Norwegen. In Hamburg und Wolgast entstehen Überwasserschiffe und deren Bauteile. Blohm+Voss und die Peene-Werft gehören inzwischen zum Rheinmetall-Konzern und sind am Korvettenprogramm K130 beteiligt. Auch im Schiffbau werden einzelne Abschnitte an unterschiedlichen Standorten gebaut und anschließend zusammengefügt. In Wismar bereitet TKMS zusätzliche Kapazitäten für U-Boot- und Überwasserschiffprojekte vor.
Luft: Eurofighter, Hubschrauber und F-35
Im militärischen Flugzeugbau übernimmt Airbus in Manching die Endmontage der Eurofighter für die deutsche Luftwaffe. Dazu kommen Systemtests, Flugerprobung und Wartung. In Donauwörth baut Airbus militärische Hubschrauber wie den H145M und den NH90. Bremen liefert Rumpfkomponenten für das Transportflugzeug A400M. Ein weiterer Standort ist Weeze am Niederrhein. Dort fertigt Rheinmetall Rumpfmittelteile für den US-Kampfjet F-35. Die fertigen Flugzeuge entstehen anschließend in der internationalen Produktionskette von Lockheed Martin.
Luft 2.0: Drohnen
Bei militärischen Drohnen reicht die deutsche Produktion von kleinen Aufklärungssystemen bis zu Fluggeräten mit Sprengladung. Rheinmetall entwickelt und fertigt in Penzberg und Iffeldorf unter anderem die Systeme Aladin, Luna und Luna NG. Sie dienen der Aufklärung aus der Luft. Helsing produziert dagegen mit der HX-2 eine Angriffsdrohne. Für deren erstes deutsches Werk nennt das Unternehmen öffentlich lediglich Süddeutschland als Standort.
Neue Aufträge bringen zusätzliche Industriearbeitsplätze
Die wirtschaftliche Bedeutung der Rüstungsproduktion lässt sich auch an einzelnen Werken ablesen. KNDS kündigte für Görlitz bis Ende 2026 eine Belegschaft von 400 Mitarbeitern an. TKMS will in Wismar abhängig von der Auftragslage schrittweise bis zu 1.500 Arbeitsplätze bis Ende 2029 schaffen. Dort nahmen Anfang Januar 2026 mehr als 140 neue Mitarbeiter ihre Arbeit auf. In beiden Fällen werden frühere zivile Produktionsstandorte für militärische Aufträge umgebaut. Aktuell steht auch das VW-Werk in Osnabrück im Fokus, hier soll nach dem Produktionsende des VW T-Roc Cabrios, Elemente des israelischen Iron Dome entstehen.
Ein erheblicher Teil des deutschen Rüstungsgeschäfts entfällt indes auf ausländische Streitkräfte. Nach Angaben des Friedensforschungsinstituts SIPRI war Deutschland zwischen 2021 und 2025 der weltweit viertgrößte Exporteur größerer konventioneller Waffensysteme. Der Anteil am erfassten internationalen Transfervolumen lag bei 5,7 Prozent. Hinter den Aufträgen stehen neben den Fahrzeug-, Flugzeug- und Schiffbauern auch Unternehmen für Antriebe, Elektronik, Sensoren und Fertigungstechnik. Die SIPRI-Rangliste misst dabei Waffenlieferungen nach einem eigenen Bewertungssystem, keine Exportumsätze in Euro.
