4 Werke weg, 120.000 Jobs weg, Seat und Ducati weg?
Vor der heutigen Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen sind neue Details zum geplanten Sparkurs bekannt geworden. Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat aus Kreisen des Aufsichtsrats erste Details erfahren, auch die "Bild" konnte weitere Infos vorab erhalten. Kurz: Es sieht nicht gut aus für Werke, Jobs, Marken, Modelle und Manager.
Volkswagen selbst hat die Berichte bisher nicht kommentiert. Die verschiedenen Szenarien werden am Donnerstag (9.7.2026) im Aufsichtsrat beraten werden, das Ergebnis dieser Sitzung ist aber ernüchternd.
Jobs
Der Personalabbau gehört zu den zentralen Bestandteilen der diskutierten Sparmaßnahmen. Nach Informationen des "Spiegel" sollen konzernweit bis zum Jahr 2030 rund 50.000 Stellen entfallen.
Nach einem inzwischen bekannt gewordenen internen Konzeptpapier, über das die "Bild" berichtet, könnte der Stellenabbau noch deutlich größer ausfallen. Demnach plant Volkswagen zusätzlich eine Anpassung der Personalkapazitäten um weitere 55.000 bis 70.000 Mitarbeiter.
Zusammen mit den bereits vereinbarten Maßnahmen könnten damit insgesamt bis zu 120.000 Arbeitsplätze wegfallen. Dem Papier zufolge sollen dafür zunächst freiwillige Instrumente wie Altersteilzeit, Freiwilligenprogramme, Ausgliederungen und Transfergesellschaften genutzt werden. Gleichzeitig sollen bestehende Beschäftigungssicherungen überprüft und Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern aufgenommen werden.
Zunächst soll der Stellenabbau nach den Informationen der "Bild" möglichst über freiwillige Maßnahmen erfolgen. Genannt werden Altersteilzeit, Abfindungsprogramme, freiwillige Austritte sowie Ausgliederungen. Gleichzeitig gilt Deutschland wegen bestehender Beschäftigungssicherungen und der Mitbestimmung als besonders schwierig für tiefgreifende Einschnitte.
Werke
Nach Informationen des "Spiegel" soll die Fahrzeugproduktion in mehreren deutschen Werken schrittweise eingestellt werden. Demnach könnte die Fertigung in Zwickau und Emden bereits 2031 auslaufen. Das Werk Hannover würde 2032 folgen, das Audi-Werk Neckarsulm 2034.
Von den vier Werken wären rund 40.000 Beschäftigte betroffen. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins hatte der Vorstand dem Aufsichtsrat bisher Szenarien vorgestellt, bei denen ein Produktionsauslauf erst ab 2032 vorgesehen war. Der nun diskutierte Zeitplan würde den Konzernumbau beschleunigen.
Nach Informationen der "Bild" begründet Volkswagen die Pläne mit Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen in Europa sowie deutlich höheren Produktionskosten deutscher Werke im Vergleich zu anderen europäischen Standorten.
Einem Bericht der "Wirtschaftswoche" und der "New York Times", auf den sich die "Bild" bezieht, zufolge soll Niedersachsen im Aufsichtsrat grundsätzlich bereit sein, einer Umwidmung oder einem Auslaufen einzelner Werke zuzustimmen. Die niedersächsische Landesregierung wies diese Darstellung jedoch zurück und sprach von "komplettem Unsinn".
Auch für das Werk Osnabrück zeichnet sich nach keine langfristige Perspektive im Pkw-Bau ab. Dort soll die Produktion des T-Roc Cabrio 2027 enden. Als mögliche Nachnutzung werde unter anderem eine Übernahme durch ein Unternehmen aus der Rüstungsindustrie geprüft. Rund 2.000 Arbeitsplätze hängen nach Angaben der Zeitung von der Zukunft des Standorts ab.
Milliarden
Neben möglichen Werksschließungen und dem Stellenabbau soll Volkswagen auch bei den Investitionen deutlich sparen. Der "Spiegel" berichtet, dass das Investitionsvolumen für den Zeitraum von 2027 bis 2031 von bisher 180 auf 135 Milliarden Euro sinken. Das entspricht einer Kürzung um 45 Milliarden Euro.
Die "Bild" berichtet ebenfalls über Einsparungen in diesem Bereich. Demnach sollen die Ausgaben für Investitionen sowie Forschung und Entwicklung im Vergleich zu den bisherigen Planungen um insgesamt 50 Milliarden Euro reduziert werden. Gleichzeitig soll die operative Umsatzrendite des Konzerns bis 2030 wieder auf neun Prozent steigen. Außerdem sollen die Gemeinkosten auf 37 Milliarden Euro beziehungsweise rund zwölf Prozent des Umsatzes im Automobilbereich sinken.
Als Belastungsfaktoren gelten nach den Medienberichten der Absatzrückgang in China, der zunehmende Wettbewerb durch chinesische Hersteller wie BYD sowie die US-Autozölle, die den Konzern jährlich mit rund fünf Milliarden Euro belasten sollen. Gleichzeitig investiert Volkswagen weiterhin sowohl in Elektromobilität als auch in Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Die existenzielle Bedrohung des Konzerns sehen auch Wirtschaftsexperten. Moritz Schularick, Leiter des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, hält Volkswagen sogar für einen Übernahmekandidaten durch einen chinesischen Hersteller wie BYD.
Manager
Nicht nur Produktion und Entwicklung sollen verschlankt werden. Auch soll Volkswagen einen deutlichen Abbau im Management planen. Die Zahl der Führungspositionen soll weltweit von rund 21.500 auf 16.000 sinken. Das entspräche einem Abbau von rund 5.500 Managementstellen.
Darüber hinaus sollen Hierarchieebenen reduziert, Führungsspannen vergrößert und Zuständigkeiten neu geordnet werden. Entwicklungsarbeit soll stärker an kostengünstigere Standorte verlagert werden. Gleichzeitig soll Künstliche Intelligenz Test- und Entwicklungsprozesse beschleunigen und damit weitere Einsparungen ermöglichen.
Modelle
Nach dem internen Konzeptpapier soll das weltweite Modellangebot außerhalb Chinas bis 2035 um rund 50 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig soll die Variantenvielfalt mit unterschiedlichen Motorisierungen, Ausstattungen und technischen Versionen um bis zu 75 Prozent sinken. Ziel ist es, Entwicklungsaufwand und Komplexität deutlich zu reduzieren.
Marken
Auch das Marken- und Beteiligungsportfolio könnte sich nach den Planungen deutlich verändern. So werde Seat in den internen Zielplanungen für das Jahr 2030 nicht mehr als eigenständige Marke geführt. Demnach könnte die spanische Marke ab spätestens Ende 2029 auslaufen. Cupra soll dagegen als eigenständige Wachstumsmarke erhalten bleiben.
Darüber hinaus sollen nach Angaben der Zeitung auch Ducati, Europcar sowie Aktivitäten aus den Bereichen Ladeinfrastruktur, Mobilitätsdienste und Venture Capital auf den Prüfstand gestellt werden. Sogar Beteiligungen an den Fußballvereinen VfL Wolfsburg, FC Bayern München, VfB Stuttgart und FC Ingolstadt sollen überprüft werden.
Der Volkswagen-Konzern umfasst demnach mehr als 2.000 Gesellschaften. Rund 35 Prozent davon könnten überprüft, zusammengelegt, verkauft oder abgewickelt werden. Dadurch sollen bis 2030 zusätzliche Mittel von zehn bis 15 Milliarden Euro freigesetzt werden.
Zudem soll die Konzernstruktur neu organisiert werden. Nach dem internen Konzeptpapier soll die Volkswagen AG künftig vor allem als Holding fungieren. Die Ausgliederung der Pkw- und Komponentensparte soll Entscheidungswege verkürzen und Doppelstrukturen abbauen. Für die Arbeitnehmerseite würde eine solche Neuordnung zugleich geringere Einflussmöglichkeiten auf operative Entscheidungen bedeuten.
Politik
Neben den Sparmaßnahmen könnte sich auch die Konzernstruktur verändern. Nach dem "Spiegel" könnte die Marke Volkswagen künftig als eigenständige Tochtergesellschaft unter dem Konzerndach geführt werden. Auch die interne Zuliefersparte "Komponente" könnte organisatorisch eigenständiger werden.
Dadurch könnte sich auch der besondere Einfluss des Landes Niedersachsen verändern. Das Volkswagen-Gesetz sichert dem Land mit seinem Anteil von rund 20 Prozent eine Sperrminorität bei wichtigen Unternehmensentscheidungen und gilt seit Jahrzehnten als Besonderheit innerhalb des Konzerns.
Mit einer schnellen Zustimmung zu den Vorschlägen wird jedoch nicht gerechnet. Widerstand wird sowohl von der Arbeitnehmerseite als auch vom Land Niedersachsen erwartet. Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte Werksschließungen bereits mehrfach abgelehnt. Nach Angaben des "Spiegel" wurde bereits im Präsidium des Aufsichtsrats intensiv über einzelne Formulierungen einer möglichen Beschlussvorlage beraten. Dies gilt als Hinweis auf erhebliche Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Gremiums.
