Politische Winkelzüge sollen Produktion retten
Für das VW-Werk Osnabrück zeichnet sich eine neue Perspektive ab. Nach dem Ende der Produktion des T-Roc Cabriolet 2027 könnte der Standort anderweitig genutzt werden – mit einigen politischen Winkelzügen.
Volkswagen, das Land Niedersachsen und der israelische Rüstungskonzern Rafael verhandeln nach Informationen von Bloomberg erneut über eine Lösung, den Standort für Rüstungsproduktion zu nutzen. Eine Vereinbarung könnte bereits in den kommenden Wochen erreicht werden.
Für die rund 2.300 Beschäftigten wäre das eine Perspektive über das bisher festgelegte Ende der Fahrzeugproduktion hinaus. Volkswagen hatte bisher kein neues Konzernmodell angekündigt, das den T-Roc in Osnabrück ersetzen soll. Das Werk ist innerhalb des Konzerns auf Kleinserien und Spezialprojekte ausgerichtet.
In Osnabrück sollen Teile für Iron Dome entstehen
Im Mittelpunkt der Gespräche steht Rafael. Der israelische Rüstungskonzern will den Standort für die Produktion von Ausrüstung für das Luftverteidigungssystem Iron Dome nutzen. Dabei geht es nach den bisher bekannten Plänen nicht um die Herstellung kompletter Waffensysteme oder Abfangraketen.
Vorgesehen ist vielmehr die Fertigung von Komponenten und Unterstützungsausrüstung. Nach Bloomberg-Informationen könnten dazu unter anderem schwere Lastwagen für den Transport von Raketen, Abschussvorrichtungen und Stromgeneratoren gehören. Damit würde ein Teil der bisherigen Kompetenzen des Werks im Fahrzeugbau und bei der Fertigung kleiner Stückzahlen weiter genutzt.
Iron Dome ist ein mobiles Luftverteidigungssystem zur Abwehr von Kurzstreckenraketen, Artilleriegeschossen und Drohnen. Zum System gehören unter anderem Radar, Feuerleittechnik und mobile Startgeräte.
Niedersachsen könnte zwischen VW und Rafael treten
Noch offen ist, wie die neue Produktion organisiert werden soll. So könnte inzwischen über ein Modell verhandelt werden, bei dem das Land Niedersachsen eine wichtige Rolle übernimmt.
Denkbar ist, dass Niedersachsen den Standort beziehungsweise Teile davon übernimmt und anschließend gemeinsam mit Rafael eine Produktionsgesellschaft bildet oder Flächen und Anlagen für die Fertigung zur Verfügung stellt. Volkswagen wäre damit nicht unmittelbar an einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem israelischen Rüstungskonzern beteiligt. Wie das Modell konkret aussehen wird und wie viel Geld das Land investieren müsste, ist noch nicht entschieden.
Land prüft Beteiligung am Standort
Dass Niedersachsen grundsätzlich über einen Einstieg nachdenkt, ist inzwischen bestätigt. Die Landesregierung prüft unterschiedliche Beteiligungsmodelle für das Werk. Bloomberg beruft sich auf mit den Gesprächen vertraute Personen und weist darauf hin, dass die Verhandlungen weiterlaufen und ein Abschluss nicht garantiert ist.
Parallel wird die Situation bei Volkswagen zum Thema im Bundestag. Grüne und Linke haben eine Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses beantragt. Dabei soll sich das Bundeswirtschaftsministerium unter anderem zur wirtschaftlichen Lage des Konzerns und zu möglichen staatlichen Maßnahmen äußern.
Zur Diskussion steht dabei auch die Frage, ob der Bund grundsätzlich eine Beteiligung an Volkswagen oder Hilfen für gefährdete Standorte in Betracht zieht. Einen konkreten Plan für einen Einstieg des Bundes beim Werk Osnabrück gibt es derzeit jedoch nicht. Anders als der Bund beschäftigt sich Niedersachsen bereits konkret mit einer möglichen Beteiligung am Standort.
Katar hatte die Rafael-Pläne ausgebremst
Die Gespräche über eine Rüstungsproduktion in Osnabrück laufen bereits seit mehreren Monaten. Rafael hatte sich früh für das Werk interessiert und eine Absichtserklärung zur möglichen Übernahme beziehungsweise Nutzung des Standorts unterzeichnet.
Im Juli gerieten die Verhandlungen jedoch ins Stocken. Nach Reuters-Informationen hatte die Qatar Investment Authority Einwände gegen eine direkte Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und Rafael erhoben. Katar hält 17 Prozent der Stimmrechte und 10,4 Prozent des Aktienkapitals von Volkswagen und stellt zwei Vertreter im Aufsichtsrat.
Hintergrund sind die schwierigen politischen Beziehungen zwischen Katar und Israel. Zeitweise stand deshalb infrage, ob Volkswagen den Rafael-Plan überhaupt weiterverfolgen kann. Das nun diskutierte Modell mit Niedersachsen könnte eine Möglichkeit sein, eine direkte Beteiligung Volkswagens an der späteren Rüstungsproduktion zu vermeiden.
Vom Karmann-Werk zum Rüstungsstandort
Volkswagen übernahm das Werk 2009 nach der Insolvenz des Karosserie- und Cabriospezialisten Karmann. Seither wurden dort verschiedene Kleinserien und Modelle mehrerer Konzernmarken gefertigt. Aktuell ist das T-Roc Cabriolet das einzige Fahrzeug des Standorts.
Mit dessen Produktionsende 2027 läuft die reguläre Fahrzeugfertigung nach der derzeitigen Planung aus. Kommt eine Vereinbarung mit Rafael zustande, würde Osnabrück anschließend nicht mehr hauptsächlich Autos bauen. Stattdessen könnte das ehemalige Karmann-Werk zu einem Produktionsstandort für militärische Fahrzeuge und Komponenten des Iron-Dome-Systems werden.
