Sind 3 Euro für Benzin und Diesel möglich?
Drei Euro für einen Liter Benzin oder Diesel hat es im bundesweiten Durchschnitt in Deutschland noch nie gegeben. Doch wie weit sind wir noch von dieser Grenze entfernt?
Brent kostet aktuell rund 108 Dollar je Barrel. Der Ölpreis liegt damit deutlich über dem Niveau der vergangenen Monate, während gleichzeitig mehrere wichtige Transportwege für Rohöl unter Druck stehen. Neu hinzugekommen ist die Lage am Bab al-Mandab zwischen Jemen und Dschibuti. Die Huthi haben ihre Position in der Region ausgebaut und gefährden damit die Route vom Golf von Aden durch das Rote Meer zum Suezkanal. Noch ist die Meerenge nicht vollständig gesperrt. Schon das höhere Risiko kann jedoch Transport- und Versicherungskosten steigen lassen.
Gleichzeitig ist die saudische Ost-West-Pipeline nach Drohnenangriffen geschlossen. Sie führt Öl vom Persischen Golf zum Roten Meer und dient damit als wichtige Ausweichroute für die ebenfalls beeinträchtigte Straße von Hormus. Damit stehen derzeit sowohl die zentrale Ölroute aus dem Persischen Golf als auch wichtige Alternativen unter Druck.
Ölpreis nicht nur für hohe Spritpreise verantwortlich
Der Rohölpreis allein bestimmt allerdings nicht, was Benzin und Diesel an der Tankstelle kosten. Entscheidend sind zusätzlich die Preise für die fertigen Kraftstoffe, Raffineriemargen, Transportkosten und der Euro-Dollar-Kurs. Gerade Diesel kann sich deshalb deutlich stärker verteuern als Brent, wenn das Angebot auf dem europäischen Markt knapp ist.
Auch Steuern und Abgaben machen einen erheblichen Teil des Endpreises aus. Deshalb lässt sich aus einem Brent-Preis von beispielsweise 120 oder 150 Dollar nicht automatisch ein bestimmter Spritpreis ableiten. Für die Frage, ob drei Euro möglich sind, müssen mehrere Faktoren gleichzeitig betrachtet werden.
Szenario 1: Die Lage entspannt sich wieder
Im günstigsten Szenario bleiben die Störungen zeitlich begrenzt. Die saudische Ost-West-Pipeline nimmt den Betrieb wieder vollständig auf, die Lage am Bab al-Mandab verschärft sich nicht weiter und der Schiffsverkehr durch die Region stabilisiert sich. In diesem Fall dürfte auch die Risikoprämie auf dem Ölpreis zurückgehen. Brent könnte wieder unter 100 Dollar fallen. Gleichzeitig würden sich Tanker- und Versicherungskosten entspannen.
Für Benzin und Diesel würde das zunächst bedeuten, dass der Druck auf weitere Preissteigerungen nachlässt. Je nach Entwicklung der Raffineriemargen wäre bei Brent zwischen 75 und 90 Dollar für Super E10 ein Bereich von ungefähr 1,90 bis 2,15 Euro denkbar. Diesel könnte sich etwa zwischen 1,95 und 2,20 Euro bewegen.
Allerdings würden niedrigere Ölpreise nicht zwangsläufig sofort vollständig an der Zapfsäule ankommen. Kraftstoffpreise reagieren häufig schneller auf steigende als auf sinkende Beschaffungskosten. Dieses Verhalten wird als Rocket-and-Feather-Effekt bezeichnet. Der Preis steigt bildlich wie eine Rakete und fällt anschließend langsamer wie eine Feder.
Fazit: Ein Drei-Euro-Preis wäre unter diesen Bedingungen weder für Benzin noch für Diesel zu erwarten.
Szenario 2: Die aktuelle Krise hält länger an
Das zweite Szenario entspricht weitgehend der derzeitigen Situation. Die Straße von Hormus bleibt beeinträchtigt, am Bab al-Mandab besteht weiterhin ein erhöhtes Risiko und alternative Transportwege können die Ausfälle nur teilweise ausgleichen. Brent könnte sich dann länger im Bereich von ungefähr 105 bis 120 Dollar bewegen. Das allein würde allerdings noch keinen Dieselpreis von drei Euro bedeuten.
ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski hält einen solchen Preis bei einer länger anhaltenden Hochpreisphase dennoch für möglich. "Wenn wir länger über 110 Dollar bleiben, dann kommen wir den drei Euro beim Diesel leider gefährlich nahe", sagte Brzeski der "Bild". Bei Benzin erwartet er unter diesen Bedingungen einen Preis von etwa 2,50 Euro je Liter. Der Unterschied zwischen beiden Kraftstoffen hat einen weiteren Grund. Deutschland ist bei Diesel stärker auf Importe angewiesen, gleichzeitig ist fertiger Diesel auf dem Weltmarkt knapp. Dadurch kann sich Diesel stärker verteuern als Rohöl oder Benzin.
Für dieses Szenario erscheint deshalb eine große Preisspanne möglich. Super E10 könnte sich bei Brent zwischen 105 und 120 Dollar grob zwischen 2,20 und 2,50 Euro bewegen. Bei Diesel wären etwa 2,30 bis 2,65 Euro denkbar. Bei zusätzlichen Ausschlägen des Produktpreises wären höhere Dieselpreise möglich.
Fazit: Ein bundesweiter Durchschnitt von drei Euro wäre damit noch kein zwangsläufiges Ergebnis. An einzelnen Tankstellen könnte die Marke dagegen wesentlich früher auftauchen.
Szenario 3: Mehrere Transportwege fallen gleichzeitig aus
Das kritischste Szenario entsteht, wenn sich die verschiedenen Probleme gegenseitig verstärken. Die Transporte durch Hormus würden weiter zurückgehen, gleichzeitig würde die Schifffahrt am Bab al-Mandab erheblich beeinträchtigt und die saudische Ost-West-Pipeline stünde länger nicht vollständig zur Verfügung. Damit würde nicht nur weniger Öl den Weltmarkt erreichen. Ein Teil der verfügbaren Mengen müsste über längere Routen transportiert werden. Tanker würden knapper, Frachtraten und Versicherungsprämien könnten weiter steigen.
Brent könnte in einem solchen Szenario zunächst in Richtung 120 bis 150 Dollar steigen. Bei einer schweren und länger anhaltenden Versorgungskrise wären auch 150 bis 180 Dollar denkbar.
Dann verändert sich auch die Rechnung an der Tankstelle. Bei Brent zwischen 120 und 150 Dollar könnte Super E10 grob in einem Bereich von 2,40 bis 2,75 Euro liegen. Für Diesel wären unter angespannten Produktmärkten etwa 2,55 bis 2,90 Euro denkbar.
Fazit: Ab etwa 150 bis 180 Dollar würde die Drei-Euro-Marke vor allem beim Diesel zu einem realistischen Szenario. Für Super E10 wäre wahrscheinlich eine noch stärkere Kombination aus hohem Rohölpreis, teurem fertigem Benzin, hohen Raffineriemargen und gestiegenen Transportkosten erforderlich.
Diese Bereiche sind bei Benzin und Diesel denkbar
Eine feste Umrechnung zwischen Brent und Tankstellenpreis gibt es nicht. Die folgende Tabelle zeigt deshalb keine Prognose, sondern mögliche Bandbreiten unter jeweils passenden Marktbedingungen.
Die Bandbreiten werden umso unsicherer, je weiter sich der Ölpreis vom aktuellen Niveau entfernt. Der Grund liegt im Aufbau des Tankstellenpreises. Energiesteuer und andere Bestandteile verändern sich nicht automatisch mit dem Rohölpreis. Gleichzeitig können Raffineriemargen und die Preise für fertiges Benzin und Diesel stark schwanken.
Drei Euro an einer Tankstelle sind etwas anderes als drei Euro im Durchschnitt
Hinzu kommt der Unterschied zwischen einzelnen Tankstellen und dem bundesweiten Durchschnitt. Gerade Autobahntankstellen liegen teilweise erheblich über dem allgemeinen Preisniveau. Dort könnte die Drei-Euro-Marke deshalb früher auf der Preistafel erscheinen. Auch innerhalb eines Tages sind inzwischen erhebliche Unterschiede möglich. In einer der vorliegenden Meldungen wird beim Diesel eine Tagesspanne von bis zu 18,4 Cent je Liter genannt.
Für einen neuen deutschen Preisrekord wäre jedoch der bundesweite Durchschnitt entscheidend. Drei Euro im Durchschnitt würden bedeuten, dass auch zahlreiche normalerweise günstigere Tankstellen bereits deutlich oberhalb der bisherigen Rekordpreise liegen.
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