„Wir sind absolut wettbewerbsfähig!“
Olaf Lies (SPD) ist Ministerpräsident von Niedersachsen und damit auch Mitglied im VW-Aufsichtsrat. In dieser Funktion hat er jetzt auch den VW-Zukunftsplan mitbeschlossen, der einen massiven Stellenabbau und enorme Einsparungen vorsieht. Im Interview erklärt er, warum er dennoch ein zukunftsfähiges Konzept bei VW sieht.
Wieso haben Sie im Aufsichtsrat dem Sanierungsplan des VW-Vorstands zugestimmt?
Es ist gelungen, dass Werkschließungen erstmal vom Tisch sind. Die Herausforderungen für Volkswagen und die deutsche Automobilindustrie sind angesichts des internationalen Wettbewerbs enorm. Umso wichtiger ist, dass wir jetzt einen gemeinsamen Weg für die notwendige Transformation gehen. Von dem Beschluss gehen wichtige Signale aus: Wir investieren kräftig in Zukunftsfähigkeit und wir verbessern die Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig werden wir für unsere Standorte langfristige Perspektiven entwickeln.
Die Entscheidung, welche Werke geschlossen werden sollen, wurde vertagt. Verlängert das nicht nur das Leiden der Beschäftigten?Ich darf einmal deutlich sagen, wo wir noch am Mittwoch vor der Sitzung waren. Da standen wir noch komplett mit leeren Händen da – kurz vor einem Weg in die Eskalation und drohenden Monaten der Selbstbeschäftigung, Werkschließungen, Aushöhlung von Mitbestimmung und VW-Gesetz. Das ist jetzt erstmal vom Tisch. Jetzt gibt es ein klares Konzept. Aber die echte Arbeit liegt jetzt vor uns.
Befürchten Sie, dass einzelne VW-Werke gegeneinander ausgespielt werden und es zu einem Gezerre um Modelle kommt?Ich mache das nicht mit, das wäre fatal. Ich sehe in meiner Rolle als Ministerpräsident eine Verantwortung für Deutschland, nicht nur für Niedersachsen. Und deswegen habe ich zuletzt auch Gespräche mit Verantwortlichen an Standorten des VW-Konzerns in anderen Bundesländern z.B. Zwickau und Neckarsulm geführt. Was uns insgesamt eint: Wir müssen Industriearbeitsplätze in Deutschland stabilisieren. Der Eindruck, Industrie wäre in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig, treibt am Ende Menschen, die sich zu Recht Sorgen machen, in eine ganz falsche Richtung. Und das verstehe ich. Meine Aufgabe ist, eine Antwort darauf zu geben. Die lautet: politisch alles tun, damit wir eine starke Industrienation bleiben. Dem müssen wir alles andere unterordnen. Und zu VW konkret: Wir sind absolut wettbewerbsfähig, bauen fantastische, innovative, hochwertige Autos! Bei den Elektrofahrzeugen sind wir aus guten Gründen Marktführer in Europa. Das ist ein sehr guter Absprungpunkt in eine erfolgreiche Zukunft.
Ja, das tut emotional weh. Alles andere wäre nicht aufrichtig. Seit meiner Jugend bin ich Bulli-Fan. Und ich denke, dass es richtig wäre, den Bulli mit der typischen VW-Qualität "made in Hannover" im zentralen Markt der leichten Nutzfahrzeuge zu platzieren. Marke bleibt immer auch Emotion und da zahlt allein schon der Name Bulli einfach ein. Ein Bulli kommt aus Hannover. Das ist die Tradition und die ist ein harter Wert. Aus heutiger Sicht war es keine kluge Entscheidung, diese Kooperation in dieser Form einzugehen, weil Ford ja mehr von diesen Fahrzeugen verkauft als VW. Es ist wichtig, daraus zu lernen und es ist gut, dass sich alle darum bemühen, den Bulli wieder in Hannover zu bauen.
Sie sagen, die Größe des VW-Konzerns sei eine Zukunftschance. Wie meinen Sie das?Das ist eine Chance! Ich habe ein wenig die Sorge, dass wir nur noch übers Gesundschrumpfen reden. Da gibt es viele schlechte Beispiele von Unternehmen, die sich am Ende zu klein geschrumpft haben und damit auch ihre Relevanz verloren. Gerade im Bereich der E-Mobilität wird der Markt immens wachsen wird und da muss der VW-Konzern als Marktführer in Europa doch die Ambition haben, diese Position noch weiter auszubauen. Und für andere Geschäftsmodelle und Wirtschaftszweige ist es doch eine ideale Voraussetzung, wenn man -wie VW- bereits weltweit produziert und globale Logistik- und Vertriebsketten schon hat.
Wie könnten Überkapazitäten konkret genutzt werden?Am VW-Standort Osnabrück zum Beispiel wurden bisher Cabrios gebaut, doch der Markt dafür ist nicht mehr vorhanden. Da kann nun Defense eine Option werden. Um dort schnell im notwendigen Umfang zu fertigen, braucht es ein Unternehmen wie VW, das industrialisiert in großer Stückzahl produzieren kann. Außerdem könnte man chinesische Volkswagen-Modelle, für die es hier einen Markt aber kein Angebot gibt, auch in deutschen VW-Werken bauen. Zum Beispiel ein Modell oberhalb des Tiguan, da will ich aber gar nicht vorgreifen. Es geht mir um Perspektiven für die Werke und die Industriearbeitsplätze in Deutschland. Da sehe ich meine Verantwortung gerade auch als Ministerpräsident.
Sind Privilegien wie die 35-Stunden-Woche noch haltbar? Mercedes will zur 40-Stunden-Woche zurückkehren...Das ist eine Aufgabe der Tarifpartner. Diese müssen sich dazu austauschen, wer zu welchen Zugeständnissen bereit ist. Da ist die Politik gut beraten, nicht alles besser zu wissen. Aber: Die VW-Betriebsräte haben 2024 eine Reihe von Zugeständnissen gemacht, um die Standorte zukunftsfähig zu machen. Das wurde vereinbart, die Beschäftigten haben geliefert. Seitens der Beschäftigten in Emden zum Beispiel sind die eingegangenen Verpflichtungen eingehalten worden und da geht es nicht, dass auf der anderen Seite die Belegung mit neuen Modellen in Frage gestellt wird. Jetzt ist es die Aufgabe des Vorstandes, für eine Perspektive zu sorgen. Das muss gelingen.
Wie stehen Sie zur fortschreitenden Automatisierung in Autowerken?Wo man automatisieren kann, wird man das machen müssen, weil es natürlich die Wettbewerbsfähigkeit und damit auch die Sicherheit für den Standort erhöht. Das geht aber nicht zwangsläufig zu Lasten der Beschäftigten, denn vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stellt sich doch in ganz Deutschland in allen Branchen die Frage: Wie können wir mit weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter mehr Wertschöpfung generieren? Automatisierung wird zwar Beschäftigungsmöglichkeiten reduzieren, am Ende wird sie aber die Standorte und die vorhandene Beschäftigung mit helfen zu sichern.
Hybridfahrzeuge aus China unterliegen nicht den hohen EU-Einfuhrzöllen wie rein elektrische Autos. Ist das sinnvoll?Nein. Wir brauchen für die aus China importierten Hybridfahrzeuge die gleichen Regeln wie für die batterieelektrischen. Sonst gibt es keinen fairen Wettbewerb. Wenn wir versuchen, einen Wettbewerb zu gewinnen, bei dem es nicht fair zugeht, dann gehen wir unter. Mit unserer eigenen Stärke, Innovationskraft und fairem Wettbewerb haben der Industrie- und der Automobilstandort Deutschland eine echte Perspektive. Davon bin ich überzeugt.
Was erwarten Sie von der Bundesregierung?Ein großer Teil der deutschen Industrie steht im internationalen Wettbewerb. Energiepreise sind hier von fundamentaler Bedeutung. Da müssen wir wieder wettbewerbsfähig werden. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass ein Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mal ein guter Ansatz war und einer rechtschaffenen Idee folgt. Aber es ist die falsche Zeit dafür. Die Sicherung von Beschäftigung muss die allerhöchste Priorität haben. Menschen, die keine Arbeit haben, können auch nicht konsumieren.
Sind CO2-Strafzahlungen der richtige Weg?Das funktioniert so nicht, wir beschädigen unsere eigene Industrie damit. Ein Transformationsprozess muss funktionieren. Mit neuen Elektroautos Geld zu verdienen ist gerade am Anfang schwieriger als mit Verbrennern, die am Markt sind. Man muss es Unternehmen ermöglichen, die Transformation zu finanzieren. Wir wollen ja nicht Klimaziele erreichen, indem wir die Industrie aus Deutschland herausdrängen.
Sie wirken verärgert über den VW-Vorstand. Welche Fehler wurden dort gemacht?Wir sind jetzt zu einer gemeinsamen Zielvorstellung gekommen und wir werden diese auch gemeinsam tragen. Und wir müssen fair miteinander umgehen. Bei allem Verständnis, aber: Die Kommunikation des Vorstandes muss als Erstes immer auch die Mitarbeiter mitdenken. Da wurde zuletzt viel zu viel über die Medien ausgetragen. Das geht so nicht. Aber schauen wir nach vorne und lernen aus diesen Fehlern.
Muss Deutschland über kurz oder lang Teile seines Wohlstands aufgeben?Wir haben seit sechs Jahren kein Wachstum mehr, brauchen es aber. Auf Wachstum fußt die Finanzierung unseres Gemeinwesens. Und natürlich brauchen wir Wohlstand. Unsere Demokratie lebt davon, dass es sich für die Menschen lohnt, zu arbeiten und sich anzustrengen.
Wird es der Autoindustrie ähnlich gehen wie anderen Industriezweigen, deren Produktion komplett nach Asien gewandert ist?Das ist nur dort passiert, wo Innovation verpasst wurde. Nokia ist da ein Beispiel. Auf die Autoindustrie übertragen heißt das, jetzt effiziente Batteriezellen zu entwickeln – wie zum Beispiel bei VW in Salzgitter. Oder beim autonomen Fahren vorn dabei zu bleiben oder im besten Falle Pace Maker zu werden. Und KI ist eine Chance, um die Industrie deutlich effizienter und wettbewerbsfähiger zu machen.
Ist die Zeit von VW in China vorbei?Nein. Im Gegenteil. Wir werden auch in China weiterhin einen starken VW-Standort brauchen, der vielleicht nicht nur für den Markt dort produziert, sondern für internationale Märkte, die wir aus Europa nicht erreichen können. Und hier schließt sich der Kreis doch auch zu den Vorteilen der Größe eines Weltkonzerns. Wir bedienen da nicht nur Märkte, wir lernen und können das in Vorteile für den Gesamtkonzern umwandeln.
Kurzvita Olaf Lies
Olaf Lies (SPD) übernahm im Mai 2025 das Amt des Ministerpräsidenten von Niedersachsen von Stephan Weil. In dieser Funktion ist er seit dem 20. Mai 2025 auch wieder im Aufsichtsrat von Volkswagen vertreten. Diesem Gremium gehörte er bereits vom 19. Februar 2013 bis zum 14. Dezember 2017 schon einmal an.
Das Land Niedersachsen hält einen Anteil von 20 Prozent an den Stimmrechten der Volkswagen AG und ist damit der zweitgrößte Aktionär nach der Porsche Automobil Holding SE. Zudem besitzt Niedersachsen über das sogenannte VW-Gesetz ein Vetorecht und kann damit bestimmte Entscheidungen blockieren.
