Von 35 auf 40 Stunden – bei gleicher Bezahlung
Mercedes verlangt von vielen Beschäftigten in Deutschland den Sprung von 35 auf 40 Wochenstunden – ohne Gehaltsanpassungen. Dazu schiebt der Konzern eine Sonderzahlung auf und verschärft damit den Konflikt mit Betriebsrat und IG Metall.
Mercedes fordert von Mitarbeitern in Deutschland eine 40-Stunden-Woche, obwohl Tarifverträge in vielen Bereichen 35 Stunden vorsehen – umgerechnet entspräche dies einer Senkung des Stundenlohns um 12,5 Prozent. Der Konzern koppelt die Forderung an das Ziel, die Arbeitsstunde billiger zu machen – in Produktion, Entwicklung, Verwaltung und Vertrieb.
Ein Vorstandsschreiben an die Belegschaft nennt zudem Überkapazitäten an deutschen Standorten und vergleicht den Krankenstand mit Werken im Ausland. Mercedes setzt außerdem den Personalaufwand in Relation zur Produktion: Pro Fahrzeug beschäftige der Konzern in Deutschland mehr Mitarbeitende als andere Hersteller. Daraus leitet das Management den Auftrag ab, Strukturen zu verschlanken und Abläufe zu beschleunigen.Mehr Stunden ohne Ausgleich senkt den Stundenlohn
Wer fünf Stunden pro Woche länger arbeitet und am Monatsende das gleiche Gehalt bekommt, verdient pro Stunde weniger. Die Mercedes-Verantwortlichen bezeichnen diesen Schritt im Schreiben als "fairsten Weg". Die Formulierung sorgt intern für Ärger, weil sie die Mehrarbeitslast bei der Belegschaft ablädt.
Mercedes verschiebt zudem eine Sonderzahlung, die 18,4 Prozent eines Monatsverdiensts ausmacht. Sie sollte ursprünglich im Juli fließen und wandert nun "zunächst" ins Jahr 2027. Für viele Beschäftigte ist das ein zweites Sparsignal neben der Forderung nach längeren Arbeitszeiten.
Betriebsrat kontert: Kritik an Strategie und Lastenverteilung
Der Gesamtbetriebsrat weist den Ansatz zurück und kritisiert längere Arbeitszeiten ohne Ausgleich. Die Arbeitnehmervertreter verweisen auf Management-Entscheidungen der vergangenen Jahre und verlangen, dass der Konzern die Folgen nicht einseitig auf Beschäftigte verteilt. Auch die IG Metall stellt sich gegen die Pläne.
Laut einem Bericht der WirtschaftsWoche soll Mercedes in Gesprächen mit Betriebsräten mit einem neuen Werk in Osteuropa argumentiert haben – und damit, dass ein deutsches Werk dann entfallen könnte. Mercedes äußerte sich dazu nicht im Detail und verweist auf laufende Gespräche. Ein Dementi blieb aus.
Ungarn als Vergleich: Kecskemét wächst, Kosten sind deutlich niedriger
Mercedes baut das Werk im ungarischen Kecskemét seit Längerem aus und verdoppelte die Kapazität inzwischen auf bis zu 400.000 Fahrzeuge pro Jahr. Dort laufen unter anderem GLB und eine elektrische C-Klasse vom Band, später soll auch eine kleine G-Klasse-Version kommen; perspektivisch plant Mercedes dort auch den elektrischen GLC ein. Den Kostenabstand beziffert Mercedes selbst hoch: Die Faktorkosten (Gesamtkosten für den Einsatz aller Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden, Kapital und Wissen) in Ungarn rangieren demnach rund 70 Prozent unter deutschem Niveau – inklusive Energie, Infrastruktur, Logistik und Instandhaltung.
Altbekanntes MittelGehaltssenkungen über Mehrarbeit sind in der Autoindustrie nichts Neues, sondern gelten als eines der Mittel der Wahl, wenn sich ein Unternehmen in einer kritischen Phase befindet. So hatte beispielsweise der damals zum malaysischen Automobilkonzern Proton gehörende englische Hersteller Lotus Ende der Nuller-Jahre Mehrarbeit bei gleichem Lohn eingeführt. Lotus gibt es immer noch – seit 2017 als Teil des chinesischen Geely-Konzerns. Ob auch wegen der Gehaltssenkungs-Maßnahmen ist nicht bekannt.
