So hängen die Chinesen den Rest der Welt ab
Chinas Hersteller entwickeln neue Autos in rund zwei Jahren, teils in unter 18 Monaten. Das setzt deutsche Hersteller bei Plattformen und Software enorm unter Zugzwang.
Autohersteller in China entwickeln neue Fahrzeuge inzwischen in rund zwei Jahren – und peilen teils unter 18 Monate an. Dahinter steckt ein System aus Standards, Modulen und Software-Tempo, das deutsche Hersteller unter Druck setzt.
Der Zeitvorteil in Zahlen
Bei den Entwicklungszyklen fällt vor allem die Spanne auf: Westliche Hersteller brauchen für eine neue Plattform im Schnitt mehr als vier Jahre, während chinesische Hersteller bei rund zwei Jahren liegen. Perspektivisch sollen die Zyklen dort sogar unter 18 Monate sinken.
Diese Geschwindigkeit ist mehr als nur eine interne Kennzahl, weil sie direkt über Marktfenster entscheidet. Wer schneller ist, kann Antriebs-, Batterie- oder Software-Updates früher in neue Modelle und Ableitungen bringen.
Parallel verschiebt sich auch die Gewichtsverteilung im chinesischen Heimatmarkt: Für 2024 prognostiziert das Beratungsunternehmen FTI Consulting 20,6 Millionen in China produzierte Fahrzeuge chinesischer Marken, gegenüber 9,7 Millionen von internationalen Marken. Hohe Stückzahlen wirken dabei wie ein Turbo, weil sie schnelle Iterationen wirtschaftlich absichern.
Warum Standards und Module helfen
Ein zentraler Hebel ist Standardisierung: Chinesische Hersteller setzen laut FTI Consulting konsequent auf vorgefertigte Lösungen und Off-the-Shelf-Komponenten. Das wirkt wie ein Baukastensystem im Möbelhaus – mehr Kombinieren, weniger Neuentwicklung.
Hinzu kommt die Nutzung nationaler GB/T-Standards, die technische Schnittstellen und Anforderungen vereinheitlichen können. Wenn weniger Sonderlösungen nötig sind, werden Entwicklung und Absicherung planbarer und lassen sich parallelisieren.
FTI Consulting beschreibt außerdem eine enge Verzahnung von Design-, Test- und Entscheidungsprozessen. Kurze Wege in der Organisation reduzieren Schleifen – und damit genau jene Monate, die in klassischen Plattformprojekten häufig "versanden".
Software bestimmt das Entwicklungstempo
Die Geschwindigkeit zeigt sich besonders beim Software-defined Vehicle: Neue Funktionen rund um Connectivity, Infotainment und Software kommen in China schneller in die Breite. FTI Consulting beschreibt, dass Features dort mit hohem Tempo direkt in den Massenmarkt gebracht werden, statt zunächst in teuren Topmodellen zu landen.
Der Effekt ist auch in der Wahrnehmung messbar: In einer Civey-Umfrage unter 5.000 deutschen Bürgern trauen 42 Prozent chinesischen Herstellern mehr digitale Innovationskraft zu als deutschen; 25 Prozent sehen Deutschland vorn. Software wird damit vom "Nice-to-have" zum Kaufargument.
Für deutsche Hersteller ist das heikel, weil längere Plattformzyklen Software- und Hardware-Entscheidungen früher festzurren. Je schneller sich digitale Funktionen entwickeln, desto stärker wirkt ein Vier-Jahres-Rhythmus wie ein Klotz am Bein – selbst dann, wenn einzelne Updates später per Software nachgereicht werden.
