Dieser Rekord-VW weckt XL1-Erinnerungen
Auf Basis des neuen ID. Polo haben VW-Entwickler in knapp drei Jahren ein Fahrzeug auf die Räder gestellt, das neue Effizienzmaßstäbe setzt – den Mission Efficiency. Der hat gleich drei Rekorde eingefahren, auch für einen fulminant niedrigen cW-Wert von nur 0,158.
Es soll ja Leute geben, die sagen, VW wäre langweilig, die Entwickler dröge, und überhaupt fehle es an Emotionen. Nun, wenn dieser Umstand seit Jahrzehnten zu Produkten führt, die teilweise ihr Segment dominieren oder sogar definieren: geschenkt. Außerdem sind diese Unterstellungen natürlich blanker Unsinn, weil Volkswagen bei aller Bodenständigkeit, die der Markenname halt mit sich bringt, auch emotional sein kann. Beispiele? Golf Country, Passat W8, Phaeton V10 TDI oder der schlanke Effizienzkönig XL1, das damals sparsamste Serienauto der Welt.
Der verschlang ein hübsches dreistelliges Entwicklungs-Millionensümmchen, wurde nur 200 mal gebaut, besteht aus exklusiven Materialien wie Carbon, hat einen speziellen PHEV-Antrieb (0,9 l/100 km) und erreicht einen cw-Wert von 0,189.
Aerodynamik-Rekord trotz Polo-Serienspiegeln
Über ein Jahrzehnt später geht die Effizienz-Mission in eine neue Runde, mit dem – Achtung! Zungenbrecher – Mission Efficiency. Der sieht ein bisschen nach XL1 aus, orientiert sich aber technisch ganz nah am neuen VW ID. Polo (siehe Video weiter unten). Batterie (NMC, hier mit 54,9 kWh netto), Motor und Vorderachse kommen vom Kleinwagen.
Statt ein aufwändiges und wenig alltagstaugliches Kamerasystem zu verwenden, haben die Aerodynamiker sogar die Polo-Außenspiegel übernommen. Trotzdem erreicht der rund 4,78 Meter lange Stromlinienwagen einen sensationellen cw-Wert von nur 0,158. Rekord! Kein Auto mit Zulassung war jemals windschlüpfiger. Und weil wir schon bei Rekorden sind: Der Mission Efficiency ist das sparsamste seriennahe E-Auto mit 6,89 kWh/100 km ohne Ladeverluste auf einer im öffentlichen Straßenverkehr gefahrenen Strecke von 1.278 Kilometern bei 67,7 km/h im Schnitt und höchstens 138 km/h. Rekord Nummer drei: ein Energieverbrauch von 6,48 kWh auf 100 km bei einer sogenannten "Idealfahrt" bei konstant 68 km/h, ohne Steigungen sowie ohne Klimaanlage oder andere Verbraucher.
17 Zentimeter schmalere Hinterachse
Um solche Werte zu erreichen, wurde die extrem tief liegende Karosserie lang und tropfenförmig gestaltet. Front, Unterboden, Felgen vorn und Räder hinten sind vollverkleidet, die Hinterachse baut 17 Millimeter schmaler als beim ID. Polo. Außerdem verschwinden die Scheibenwischer unter der vorn angeschlagenen Fronthaube und die Türgriffe vom Cupra Tavascan klappen ein.
Ziel all dieser Maßnahmen: Reduzierung von Luftangriffsfläche und bremsenden Verwirbelungen. Im Gespräch mit VW-Aerodynamik-Spezialist Dr. Sven Lange wird nicht nur klar, wie sehr sich das Team während unzähliger Windkanal-Stunden reingekniet hat (z. B. nahtloser Übergang von Windschutzscheibe zum Scheibenrahmen oder je nach Kühlluftbedarf einstellbare Kühlluftklappen in der Frontpartie), sondern auch, dass Wolfsburger Ingenieure genauso für ihre Projekte brennen wie vielleicht die Kollegen bei Autoherstellern aus Süddeutschland oder Norditalien.
Extrem niedriger Reifenrollwiderstand
Effizienzfördernd sind auch die von Continental speziell auf den Mission Efficiency zugeschnittenen Eco-Contact-7-Reifen mit einem Rollwiderstand von nur 4,6 kg/Tonne. Bedeutet, dass pro Tonne Fahrzeuggewicht eine Widerstandskraft wirkt, die einer Masse von 4,6 kg entspricht. Sehr gute Werte bei Serienreifen liegen ab fünf Kilogramm aufwärts.
Doch nicht nur über die Aerodynamik hat sich VW den Kopf zerbrochen, sondern auch auf Serien- und Alltagstauglichkeit geachtet. So erfüllt erstens die Karosserie sämtliche Schutz- sowie Crashanforderungen, wurde das Coupé zweitens in Fahrdynamik und -Stabilitätstests geprüft und bietet es drittens allerlei pfiffige Lösungen. Zum Beispiel ein Solardach, das aktuell zwar nur das Bordnetz stützt, aber auch dem Hochvoltakku Energie liefern könnte. Oder die (Kabel-)Fächer unter der Motorhaube sowie rechts und links hinter den wie ein großer Tankdeckel auf Fingerdruck öffnenden Hinterradabdeckungen (je 16 Liter mit Platz für Ladekabel, Reifen-Reparaturkit, Verbandstasche oder Abschlepphaken). Der Kofferraum ist mit 481 Litern besonders groß, außerdem schluckt die tiefe Wanne (mit Abfluss!) weitere 120 Liter. Klappt man auch noch die Fondlehnen um, ergeben sich 1.090 Liter Gepäckraumvolumen.
Cooles Cockpit, kurze Fondbank
Die Rücksitze taugen nur für Kinder, wobei das vor allem an der kurzen Beinauflage liegt (mit kleinen Schubladen darunter). Innenhöhe und -breite sowie Fußraum genügen auch für Personen bis etwa 1,60 Meter Größe. Vorn sitzt man wie in einem ganz normalen Auto. Das Cockpit ist exklusiv designt mit 3D-Druck-Kopfstützen und im Armaturenträger ist eine Schiene installiert, auf der das abnehm- und verschiebbare Tablet für die Infotainment-Steuerung steckt. Allein Lenkrad und Klima-Tasten kommen vom neuen Strom-Polo. Was noch fehlt? Die Serienfertigung und ein Effizienztest in auto motor und sport. Beides schließt VW nicht aus. Wir bleiben dran. Von wegen langweilig …
