Der 1980er-US-Camper war seiner Zeit weit voraus
Camping in den USA der 80er-Jahre: Weites Land, blubbernde V8, gelassenes Cruisen von Florida bis Kalifornien. Der Sprit war billig, die Straßen breit! Und dann hebt plötzlich ein Raumschiff namens Vixen ab.
Wer Bilder US-amerikanischer Highways der 1980er betrachtet, der sieht sie allenthalben: Motorhomes! Gelassene Macht, Wohnräume auf Rädern, oft eine rollende Heimat, pendelnd von Küste zu Küste. Dass die Mühle derweil 30 Liter süffelt, stört nur wenige. Einen jedoch stört es sehr. Er heißt William T. Collins, als Entwickler war er schon für Pontiac oder DeLorean tätig. Also wirft er alle Konventionen über Bord und kreiert sein ganz persönliches Reisefahrzeug der Zukunft.
Dieses soll kein klassisches Nutzfahrzeug sein, das Fernwehsüchtige als Ware transportiert, sondern ein konsequent entwickelter Camper. Leicht, wendig, sparsam. Anders! Eine Gallone Sprit soll für 30 Meilen reichen, und in eine us-amerikanische Normgarage muss die leichte Fuhre auch passen – ohne, dass es innen eng wird. Das Ergebnis taufte er auf den Namen "Füchsin", womit gleich mal der leicht frivole Name "Vixen" übersetzt wäre.
BMW-Diesel trifft amerikanisches Motorhome
Und ausgefuchst war auch die Konstruktion – das merkt man schon beim Betreten. Denn hier steigt man über den massiven Schweller "hinein-hinunter", der Wohnraum liegt nur 20 Zentimeter überm Asphalt. Diese spezielle Wannenarchitektur erzielt Steh- ohne überbordende Außenhöhe, die Aerodynamik profitiert obendrein. Für Schub sorgt anfangs ein BMW-Reihensechszylinder, der platzsparend – Vorbild VW Bulli – unters Heckbett verschraubt wird.
Der aus der damaligen 5er-Serie gezerrte 2,4-Liter-Diesel wurde mit einem Fünfganggetriebe von Renault verkuppelt. Verbräuche von deutlich unter zehn Litern waren schier unglaublich. Rund um die europäische Schubabteilung versammeln sich Achsen, Bremsen & Co. aus US-Regalen, eine GFK-Hülle bildet die schnittige Außenhaut. "Der cW-Wert liegt bei 0,29, das ist für die 1980er-Jahre regelrecht sensationell", meint Markus Böhm, Sammlungsleiter des Erwin-Hymer-Museums in Bad Waldsee. Dort trafen wir den US-Camper, der erst vor kurzem aus Weimar ins Allgäu rollte.
Er unterscheidet sich von den frühen Modellen – und das hat mit dem Geschmack der Kunden zu tun, die die geniale Konstruktion nicht zu goutieren wussten. "Vielleicht hätte Collins mal besser nach Europa geschielt", meint Vorbesitzer Johannes Borowski lächelnd. Er ist nach wie vor fasziniert: "Das Auto ist eine Legende", erkannte aber dann doch, dass die verlebte Technik eine privat kaum stemmbare Generalsanierung nötig machte. Glück für unsere Leser: Wir durften die Füchsin im "Werkstattzustand" ausführen, und dafür bedanken wir uns ausdrücklich!
Ein Faltdach macht den Vixen zur Kathedrale
Doch zurück ins Jahr 1986: Collins ersann auch ein pneumatisches Dach, das den Camper zur Kathedrale macht, denn die Wände des Dachs bestehen aus Plexiglas. Ein Klavierband sorgt für die passende Faltung beim Herunterfahren. Darunter findet sich der beliebte Grundriss mit fahrerseitiger Küche, an die sich die Nasszelle anschließt, während gegenüber das (Schlaf-)Sofa wohnt. Geschlafen wird aber vor allem im Heck, im Türdurchgang steht der Kühlschrank. Betreten wird die Fuhre durch die beifahrerseitige Campertür, der Fahrer hat zudem eine eigene, das vordere Gestühl ist drehbar. "Es gab aber auch eine Version mit zwei Längsbänken", erklärt Johannes Borowski, "die hieß dann nicht TD, sondern XC. Dieser Neunsitzer kam auf 39 Exemplare, beim TD waren es 376."
Auf dem Museumsmodell wiederum steht "SE" – und das hat mit dem raschen Niedergang der Füchsin zu tun. Denn amerikanische Camper mögen Diesel noch weniger als ein Schaltgetriebe, und sei es noch so knackig. Bald waren Investoren am Steuer, deren Antwort "war der 172-fach gebaute SE mit Benziner und Automatik – aber ohne das feine Faltdach, das Alleinstellungsmerkmal", meint Johannes Borowski.
Die US-Kundschaft wollte Benziner und Automatik
Der 3,8-l-V6 von GM, er stammt eigentlich aus dem Buick LeSabre, wurde mit der GM 440-T4-Automatik kombiniert. Leider aber ist diese Kombination in dem gewichtsmäßig denn doch deutlich über dem Niveau eines PKW liegenden Vixen etwas überfordert, es kommt gelegentlich zu Überhitzungsproblemen. Das defekte Getriebe war denn auch ein Grund, warum er die Füchsin nach diversen Werkstattaufenthalten, die stetig neue Fehler generierten, wieder abgab, "Ich konnte es nicht übers Herz bringen, das Auto in diesem Zustand an eine Privatperson zu verkaufen – das Museum war die Lösung, um meine innere Ruhe wieder zu finden", meint er lakonisch.
Warum der Vixen nach nur drei Jahren verschwand
Für die Besucher freilich ist dies ein Glück, wird doch die Sammlung in Bad Waldsee nun durch ein ebenso spezielles wie rares Fahrzeug bereichert. "Nach nur drei Jahren und knapp 600 Exemplaren war der Stern schon wieder verglüht – vielleicht kam die Füchsin einfach ein paar Jahre zu früh, wer weiß", mutmaßt Markus Böhm. Dessen ungeachtet steht das Raumschiff nun an einem Ort, an dem jeder einen Blick darauf werfen kann. Ein tröstlicher Gedanke.
Technische Daten Vixen 21 SE
- Baujahr: 1989
- Motor: flüssigkeitsgekühlter 3,8-l-V6 (GM) im Heck, 138 kW/188 PS bei 4.800 U/min
- Getriebe: 4-Gang-Automatik (GM 440-T4), Heckantrieb
- Leergewicht: 2.520 kg
- zul. Gesamtgewicht: 3.148 kg
- Fahrwerk und Aufbau: Wannenrahmen mit hoch liegendem Schweller, LM-Felgen, Zusatz-Luftfederfahrwerk (Firestone Ride Rite), Einzelradaufhängung, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer, Querlenker/Längslenker (VA/HA), GFK-Karosserie
- Länge/Höhe/Breite/Radstand/Wendekreis: 6,26/2,15/2,3/3,76/ca. 11,6 Meter
- Reifen: 235/75-R15 109T
- Vmax: 160 km/h
- Campingausstattung: Küchenzeile mit Dreiflamm-Gaskocher, Edelstahl-Doppelspülbecken, Mikrowelle, Kühlschrank, Standheizung, Dachklimaanlage, Heckbett (195 × 135 cm), Couch (ausziehbar zum Doppelbett), Nasszelle mit Kassettentoilette, 4 Sitz- und Schlafplätze. Das gezeigte Modell steht im Erwin-Hymer-Museum, Bad Waldsee (www.erwin-hymer-museum.de).
