Wenn Effizienz und Emotion um die Führung ringen
Ja, wir könnten auch mit "Born to Run" von Bruce Springsteen titeln, beim Vergleichstest zwischen Cupra Born und Alfa Junior. Aber ein Hit von AC/DC erscheint uns wegen der Bedeutung "Gleichstrom/Wechselstrom" elektrisierender für die beiden Rotorsportler.
Freuen sich, denkst du dir, als sich die Straße in einer letzten Serpentine am Berg entlang auf die Hochebene hangelt, Pessimisten in Summe womöglich mehr als Optimisten? Da sie ja gar nicht erwarten, dass etwas gelingen oder schön werden wird, sind sie andernfalls sicher besonders freudig überrascht. Wohingegen Optimisten ohnehin von Erfreulichkeit ausgehen. Oder ist die Summe der Freude gleich, nur dass Optimisten einen Teil davon schon für Vor-, Pessimisten alles für Nachfreude aufwenden? Wenn Sie, hochverehrte Leserschaft, sich nun bitte immer in Paaren zusammenfinden könnten, je ein Optimist*in, ein Pessimist*in, dann finden wir das in einer Gruppenarbeit heraus. Denn für freudige Stimmung ist gesorgt beim Test zwischen den Rotorsportlern Alfa Junior Elettrica Veloce und Cupra Born VZ. Und an alle Pessimisten: Freuen Sie sich ruhig mal zu früh, denn da ist für alle Watt dabei.
Ein Alfa aus dem Baukasten
Ein Alfa ist seit langem, was die Anonima Lombarda Fabbrica Automobili zu einem Alfa adelt. In den letzten zwei Jahrzehnten gibt es nur zwei eigens entwickelte Plattformen: 2005 für den 159 die Premium Plattform, die man sich mittels eines gut terminierten Trennungskrachs mit GM von den Amerikanern bezahlen und als Teil der Alimentation überlassen lässt. Und 2016 für Giulia/Stelvio die Giorgio-Plattform. Letzter eigenständiger Kompakt-Alfa ist 1983 der 33, alles danach (145/146, 147, Giulietta) fußt auf Fiat-Fundament. Der Junior, das Kompakteste, was Alfa derzeit führt, basiert auf der Common-Modular-Platform(CMP) von Stellantis.
So kommt es, dass Citroën C4, Fiat 600, Jeep Avenger oder Opel Mokka zum CMP-Clan des Junior zählen. Was kein Grund für Pessimismus ist, versteht man die CMP als Theaterbühne: Alle stehen im selben Scheinwerferlicht auf denselben Brettern, nutzen dieselbe Technik hinter/unter/über den Kulissen. Aber vor einem individuellen Szenenbild führen die Marken ihre eigene Inszenierung auf. Damit: Bühne frei für den Alfa!
Schon der Name des jungen Helden, Junior Elettrica Veloce, klingt so viel jungheldenhafter als in der deutschen Synchronstimme"der Jüngere, elektrisch, schnell". Dann die Kunstfertigkeit des Designs, das auf wenig anmutsfördernden Maßvorgaben einen alfafantasievollen SUV formt. Das Team der Raumausstatter drapiert das Interieur im Stil des Hauses. Nur bei Details wie Wählhebel- und Fahrmodusschalter oder der Grundarchitektur zeigt sich der Modulbau: Andere Tapete und klammerige, dabei bequeme Sabelt-Schalensitze lassen sich reinräumen, doch du kannst jetzt nicht die tragende Schottwand versetzen oder die steillehnige kurzflächige Rückbank rauskloppen. Aber geteilt umklappen, denn die alltagsgeschickte Variabilität samt höhenflexiblem Zwischenboden mit Kabelunterkunft bewahrt der Junior.
Bekannte Technik mit eigenem Auftritt
Auch die Bedienerei von der eingängigen Basisstruktur aus richtigen Tasten und etwas vielschichtigen Touchscreen-Ebenen bis zur wenig eloquenten Sprachassistenz stammt aus dem CMP-Fundus. Zu dem zählt zudem der beim Veloce wie bei Opel Corsa/Mokka GSE und Peugeot E-208 GTi auf 207 kW hochtransformierte Synchronmotor, entwickelt mit Emotors. Die auf 15.200/min tourende Maschine verkabeln die Ingenieure mit dem 51 kWh(netto) großen Lithium-Ionen-Akku. Der speichert mit 11 kW an Wallboxen Wechsel-, mit 100 kW (Messwert 105 kW) Gleichstrom an Schnellladern. Ein Vollhub genügt für 297 km bei so zurückhaltender Fahrt wie auf der Eco-Runde.
Also eigentlich nie. Wie willst du dich auch zurück- oder an dich halten in so einem mitreißenden Auto? Das gleiche Team, das Giulia und Stelvio Quadrifoglio entwickelte, habe sich, informiert Alfa, des Junior angenommen. Sollte es je Unmut verspürt haben, nach diesen Heldenwagen eine CMP-Elektrobude in Balocco velocisieren zu müssen, so muss der schnell in stürmischen Tatendrang umgeschlagen sein. Das neue Set-up drückt die Karosserie 25 mm tiefer, steifere Stabis vorn/hinten halten den Aufbau fester im Griff, die Techniker straffen die Dämpfer, schnallen vorn die Sportbremse mit 382-mm-Scheiben und Vierkolben-Sätteln an die Naben der MacPherson-Aufhängung und stimmen die Lenkung direkter ab(14,6 statt 15,8: 1), für beherzteres Ansprechen aus der Mittellage. Und dann ist da das Torsen-Sperrdifferenzial, das in mittlerweile d-ter Generation bei geringerem Gewicht höhere Wirkungskraft erlange.
Na, bereit für eine Runde D-ter und Mordio? Also einsteigen, in den engen Schalensitzen zurechtruckeln, Startknopf drücken. Der Junior beginnt stets im Normal-Modus, in dem sich die Antriebssteuerung um Ausgleich zwischen Leistungsbedürfnis und Reichweitenerwartung bemüht – das lässt sich per B-Modus für innigere Rekuperation unterstützen. Es gäbe auch eine Eco-Kennlinie für maximierte Reichweite.
Ein Romeo der Landstraße
Hm, aber der Dynamic-Modus ist auch nur einen Tastendruck entfernt. Der gibt alles an Leistung und Drehmoment frei und an die Vorderräder weiter – eben über das Sperrdiff. Das zieht den Junior mit Wucht und radiuswegs (das Wort brauchen wir, "geradewegs" passt ja nicht) in Kurven, ohne Schubbern oder Untersteuern, dafür mit viel Gezerre in der ungestüm ansprechenden, dafür gar nicht mal so präzisen Lenkung. Das Diff zieht den Alfa auch flugs auf die nächste Gerade raus, die er mit relativ geringem Gewicht und ohne Reibungsverluste entlangspurtet. Das Zwischendrin der Kurve? Prächtig, neutral, schnell, sicher. Auch dieser Alfa: ein Romeo der Landstraße.
Geradeauslauf? Hibbelig. Komfort? Holperig. Geräusch? Rumpelig vom Fahrwerk, sirrig vom Antrieb. Assistenz? So lala. Bremse? Vehemente Verzögerung bei unpräziser Dosierbarkeit. Preis? Gewagt (beim Testwagen 54.675 Euro). All die Schwächen? Egal. Wir Optimisten finden gar, dass der Veloce Elettrica trotz knapper Reichweite zu den besten E-Autos zählt für den Erfolg der Mobilitätswende. Weil du ihn möchtest, einfach aus Vor-, Währenddessen- und Nachfreude am Fahren.
Cupra Born: Mut zur Tücke
Was Cupra ist? Nach den Regeln der o-Deklination der Nominativ Plural des lateinischen Wortes Cuprum, Kupfer. Doch da es "die Kupfer" nicht gibt, ist Cupra das, worauf ein Cupra-Schriftzug prangt. Dabei ist es bemerkenswert, wie erfolgreich sich die Autos unter Seats Ex-Sportlabel (Abkürzung für Cup Racing) verkaufen. Als der Born 2021 startet, hat er kein Seat-, sondern nur ein VW-Schwestermodell, den ID.3. Beide laufen im VW-Werk Zwickau vom Band.
Seit April steht der aufgefrischte Born bei den Händlern. Neben den üblichen Fassadenarbeiten an Bug, Scheinwerfern, Flanken und Heck bekommt er die neu sortierte Bedienung mit größerem Instrumenten-Display und Infotainment-Touchscreen (Navi mitbestellen, da es sich zweckdienlich um die Ladeplanerei kümmert). Dazu gibt es mehr richtige Schalter und Tasten statt Tastflächen, vier Fensterheberschalter an der Fahrerseite und hinter dem Lenkrad zwei Wippen für die Rekuperation (drei Stufen und der ungeschickte Automatik-Modus). Neben E-Kompetenzen wie B-Rekuperationsmodus und bidirektionalem Laden(V2L) steigert der Born die Attraktivität durch die optionale Hängerkupplung zur Fahrradträgermontage sowie gewiss durch die "neu abgestimmte Innenraum-Klangsignatur". Dingdong!
Damit alle mal einsteigen und einrichten. Das geht im geräumigen Fond auf der kuschligen Bank ebenso bequem wie im sportsitzmöblierten Cockpit. Die umgeräumte Bedienung erleichtert einiges, doch die exakte Klimaregelung oder auch die Helligkeitseinstellung der Instrumente gilt es, in den hochgestaffelten Touchscreen-Menüs zurechtzufingern.
Kraft trifft auf Reichweite
Dreh am Wählhebel, Fuß von der Bremse, und es geht voran, voranner gar noch als im Junior Veloce. Denn im VZ drängt wie im ID.3 GTI der APP 550 Heck. Mit 240 kW/545 Nm stemmt der Permanentsynchro den stärksten Born über seine Zwei-Tonnen-Moppeligkeit hinweg in fünf-fünf auf Tempo 100. Auch danach hält die Vehemenz an, wie beim Alfa bis 200 km/h. Ebenso die Zwischenspurtzeiten – noch einen Tick eilfertiger als beim Junior. Ginge es nur immer so weiter, alles wäre bestens für den Cupra. Dann stürmte er auf einer Erfolgsgeraden einem sicheren Sieg entgegen – da ihm die 28 kWh nettokapazitätsreichere Batterie(79 zu 51 kWh) bei minimal niedrigeren Verbrauchswerten(20,9 kWh/100 km im Testschnitt, 17,6 auf der Eco-Runde zu 21,5 und 18,5 beim Alfa) eine 417 bis 496 und nicht nur 255 bis 297 km weite Reichweite verschafft.
Dazu lädt er mit viel höherer Maximal- und Durchschnittsleistung Gleichstrom. Mit 15-fach feinjustierbaren Adaptivdämpfern schafft er eine Bandbreite im Umgang mit Unebenheiten von Drüberbolzen bis Abdimmen – soweit das eben geht mit flachflankigen 20-Zoll-Rädern. Doch dann macht die Straße einen unverhofften Schwenk. Na, wunderbar, denkst du dir, schließlich alles da: die Sportabstimmung bis hin zum direkt am Lenkrad anknipsbaren Cupra-Modus, die variabel übersetzte, serienmäßige, feinfühlig-präzise Progressivlenkung und das aufwendigere Fahrwerk mit MacPhersons vorn, aber Mehr- statt Verbundlenkerachse hinten. Aber, hm, war da nicht etwas mit den Geschwindigkeiten bei Slalom und Spurwechsel? Doch, beide lagen unter denen des Alfa. Aus Gründen, plötzlichen.
HPC-Ladetest
Wo die Sportlichkeit Grenzen findet
Im Grenzbereich, einem bei all der überbordenden Leistung eilig und auch mal ungewollt erreichten, weiß das Fahrwerk nicht recht, wohin mit all dem Tempo. Beim Spurwechsel entgleitet dem Born das Heck, bevor das ESP regeln kann. Beim Rausbeschleunigen aus Kurven versetzt die Leistung das Heck ins Ausschwenken, bevor die Regelelektronik einsatzbereit ist. Da greift kein Ist-halt-ein-echter-Sportwagen-Argument: Der Born ist kein Renn-, sondern ein Alltagswagen, der seine Leistung auch und gerade in der stärksten Version stets im Griff haben muss.
Es liegt im Wesen einer Punktewertung, dass der Born VZ dennoch gewinnt, durch andere Stärken, die ihn zu einem kompetenteren Erst-/Einzig- und Elektrowagen als den Alfa küren. Aber stehst du oben am Berg und kannst dir aussuchen, mit welchem du nun diese Straße zurückfährst, die sich in engen Schleifen runterhangelt, dann schnappst du den Schlüssel mit dem Biscione, dem Wappentier der Visconti. Weil du weißt, dass es der Junior Elettrica Veloce ist, bei dem die Freude ganz auf deiner sicheren Seite ist.
