So lassen sich Mängel tatsächlich „erfahren“
Stramm und weitgehend spielfrei, dabei jedoch leise und komfortabel, das sind die subjektiven Grundeigenschaften der guten Mercedes-Fahrwerke. Stimmt einer dieser Faktoren beim Gebrauchtwagencheck nicht, sollte man näher nachsehen.
Manche Mängel sind im Stand schwierig aufzudecken. Umso wichtiger ist die Probefahrt. So finden Sie alle möglichen Schwachstellen an der C-Klasse W 205.
Bei der gebrauchten Mercedes-Benz C-Klasse W 205 sollte die Probefahrt nicht mit einem kurzen Rundkurs um das Gelände des Autohändlers oder im Wohnsträßchen des Vorbesitzers erledigt sein – wobei diese Weisheit auch für jeden anderen Gebrauchten gilt. Ebenso: Am besten das Auto zunächst ganz kalt starten (um möglichem Steuerketten-Rasseln auf die Spur zu kommen), dann auf unterschiedlichen Straßen bewegen und anschließend noch einmal bei warmem Motor prüfen. Auf glattem Asphalt werden andere Auffälligkeiten hörbar als auf Kopfsteinpflaster oder über kurzen Unebenheiten. Nehmen Sie sich Zeit, schalten Sie das Radio aus und achten Sie auf Geräusche, die bei normaler Fahrt leicht überhört werden.
Nicht alle bekannten Schwachstellen lassen sich während der Fahrt zuverlässig erkennen. Besonders Rost am Hinterachsträger ist ein Fall für die Hebebühne. Die Probefahrt kann Hinweise auf Fahrwerksverschleiß, Motor- oder Getriebeprobleme geben, ersetzt aber keine technische Prüfung. Wie bei jeder Preisverhandlung ist es außerdem hilfreich, eine gewisse Grundahnung von den Eigenschaften des Wagens zu besitzen, anstatt völlig ahnungslos daherzukommen.
Fahrwerk und Lenkung
Fahren Sie zunächst langsam über eine Straße mit kleinen Unebenheiten. Poltern oder Klopfen von der Vorderachse kann auf verschlissene Gelenke oder Lager hindeuten. Ein ausgeschlagenes Traggelenk am Querlenker macht sich nicht immer mit lauten Geräuschen bemerkbar, sondern eher mit leisem Knacken beim langsamen Überfahren abgesenkter Bordsteine und ähnlichem. Deshalb sollte man zusätzlich auf ein unruhiges oder unpräzises Fahrgefühl achten.
Prüfen Sie auf einer geraden, möglichst ebenen Strecke, ob der Wagen sauber geradeaus läuft. Muss das Lenkrad ständig korrigiert werden oder wirkt die Lenkung schwammig, können die Lager der Querlenker selbst verschlissen sein – das dauert aber für gewöhnlich mindestens 100.000 Kilometer, allerdings gibt's immer wieder mal Ausreißer. Auch einseitig abgefahrene Reifen können einen Hinweis auf Fahrwerksprobleme oder eine falsche Achseinstellung geben. Sie sind kein eindeutiger Beweis, sollten aber Anlass für eine genaue Kontrolle sein.
Fahren Sie anschließend langsam über einen abgesenkten Bordstein oder eine Bodenwelle. Dabei ist nicht die Höhe des Hindernisses entscheidend, sondern ob die Achse sauber und ohne Nachschwingen arbeitet, wenn möglich, auch mal mit eingeschlagenen Vorderrädern. Lautes Knacken, starkes Nachwippen oder ein deutliches Ziehen beim Bremsen sollte man nicht als normale Alterserscheinung abtun. Lassen Sie die Vorderachse im Zweifel von einer Werkstatt prüfen.
Luftfederung und Geräusche im Innenraum
Hat der Wagen eine Luftfederung, sollte sie auf eine gleichmäßige Fahrzeughöhe und einwandfreie Funktion geprüft werden. Die Karosserie darf nicht sichtbar schief stehen. Beim Verstellen der Höhe sollten keine ungewöhnlichen Geräusche auftreten; auch Warnmeldungen im Kombiinstrument sind ein Grund für eine Diagnose. Falls möglich, lassen Sie das Auto nach der Probefahrt einige Zeit abgestellt stehen und prüfen Sie erneut, ob eine Ecke abgesunken ist. Ein kurzer Test kann einen beginnenden Defekt allerdings nicht sicher ausschließen.
Auch die Innenraumgeräusche verdienen Aufmerksamkeit. Fahren Sie mit ausgeschaltetem Radio über Unebenheiten und hören Sie auf Knister- und Schwirrgeräusche aus Armaturenbrett, Türen und Mittelkonsole. Testen Sie danach das Gebläse auf mehreren Stufen. Spürbare Vibrationen am Lenkrad oder auffällige Geräusche können vom Lüfter oder dessen Umfeld kommen. Bei Fahrzeugen mit Burmester-Soundsystem sollten Sie verschiedene Lautstärken und Musikstücke testen. Scheppern aus den Tieftönern kann auf ein Problem mit Lautsprecher, Befestigung oder Verkleidung hindeuten.
Im Motor alles fit?
Starten Sie den Motor möglichst im kalten Zustand. Ein rauer Lauf ist nicht zwingend unnormal, ungewöhnliche metallische Geräusche oder eine verzögerte Gasannahme sollten dagegen genauer untersucht werden. Bei Dieseln ist ein kurzes Nageln im Kaltlauf nicht automatisch ein Defekt; entscheidend sind Auffälligkeiten, die anhalten, stärker werden oder von Warnmeldungen begleitet werden.
Bei frühen OM-654-Dieseln ist die Steuerkettenhistorie besonders wichtig. Der Umstand, dass ein Motor auf der Probefahrt unauffällig klingt, schließt einen beginnenden Schaden nicht aus. Fragen Sie nach dokumentierten Arbeiten und prüfen Sie, ob relevante Rückrufe oder Serviceaktionen erledigt wurden. Häufige Kurzstrecken und lange Leerlaufphasen können außerdem die Belastung des Motoröls erhöhen. Ein plausibler Wartungsnachweis ist deshalb wichtiger als eine bloße Aussage, der Wagen sei "scheckheftgepflegt".
Beim älteren OM 651 sollte man ebenfalls auf einen sauberen Kaltstart, gleichmäßigen Lauf und lückenlose Wartung achten. Achten Sie darauf, ob die Motorkontrollleuchte nach dem Start erlischt und ob während der Fahrt Warnhinweise erscheinen. Bei Benzinern gilt das Gleiche: Ruckeln, Aussetzer oder eine ungleichmäßige Leistungsabgabe sind kein Anlass, den Kauf mit einem schnellen Neustart abzuhaken. Der Fehlerspeicher sollte ausgelesen werden, wenn sich Auffälligkeiten zeigen.
Getriebe und Bremsen
Automatikgetriebe sollten beim Anfahren und Rangieren ohne starke Verzögerung oder harte Schläge arbeiten. Testen Sie sowohl das vorsichtige Anfahren als auch etwas kräftigere Beschleunigung. Beim Wechsel zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang darf es nicht zu heftigen Stößen kommen. Auf der Landstraße sollten Gangwechsel gleichmäßig und ohne auffälliges Rucken erfolgen. Ein einzelner Schaltvorgang lässt sich nicht immer sicher beurteilen; wiederholte Schläge, Schlupf oder stark schwankende Drehzahlen sind jedoch Gründe für eine Werkstattprüfung. Zugegebenermaßen: Solche Probleme kommen bei den sehr robusten Mercedes-Getrieben selten vor. Wichtiger bei Laufleistungen ab etwa 60.000 Kilometern: Ein Ölwechsel nebst Spülung wirkt wie ein Jungbrunnen für das Getriebe. So hält es ewig und der Schaltkomfort bleibt gewohnt hoch.
Bremsen Sie auf freier, sicherer Strecke zunächst sanft und anschließend etwas kräftiger. Das Auto sollte dabei stabil bleiben und nicht zur Seite ziehen. Rubbeln oder pulsierende Kräfte im Bremspedal können auf ungleichmäßige Bremswirkung oder verzogene Bremsscheiben hindeuten. Kontrollieren Sie nach der Fahrt auch, ob ein stechender Geruch oder starke Hitze an einem Rad auffällt – das kann auf eine schleifende Bremse hinweisen. Auch diese Ausführungen sind prinzipiell allgemeingültig für alle Gebrauchtwagen. Bei der C-Klasse ist Bremsverschleiß jedoch ein Thema, wenn es sich um ein Exemplar handelt, dass auf der Autobahn ständig mit viel Tempo und wenig Weitsicht bewegt wurde.
Rost lässt sich nicht wegfahren
Der rostende Hinterachsträger ist eine der wichtigsten Schwachstellen der Baureihe, lässt sich durch keine Probefahrt zuverlässig ausschließen. Hier kommt es aufgrund fehlerhafter Beschichtungen in Einzelfällen zu starken Rostproblemen. Das austauschbare Teil sieht dann auf den ersten Blick tadellos aus, weil die Korrosion hinter der formstabilen Beschichtung wütet. Aus diesem Grund stochert der Prüfer bei der Hauptuntersuchung an den neuralgischen Punkten und sucht nach Rost.
Die gute Nachricht: In fast allen Fällen tauscht Mercedes einen fehlerhaften Hinterachsträger auf Kulanz. Hier wird das Markenimage hochgehalten, zumal es selbst bei sehr gepflegten und kaum gefahrenen Exemplaren zu Mängeln kommen kann.
Nach der Probefahrt
Zugegeben: all diese Hab-Acht-Punkte stellen Extremfälle dar, die den meisten halbwegs gepflegten Exemplaren fremd sein dürften. Dennoch ist es wichtig, alle möglichen Schwachstellen im Hinterkopf zu haben, speziell, weil Themen wie Vorderachsverschleiß oder rostige Hinterachsträger nicht unbedingt mit nachlässigen Vorbesitzern oder rüpeligem Fahrverhalten zu tun haben. Beginnender Verschleiß ist je nach Laufleistung normal und kein Grund zur Sorge. Vielmehr lässt sich mit diesem Fachwissen noch verhandeln und an der Preisschraube drehen. Denn die Auswahl an gepflegten Exemplaren ist groß – je nach Laufleistung finden sich immer auch Exemplare, die bereits über Neuteile verfügen.
