Offroader mit Frontantrieb?
Auf wilden Schotterstraßen ist der gut gefederte Rancho ein sehr viel angenehmerer Aufenthaltsort als viele renommierte Geländeautos. So gesehen ist das französische Automobil mit dem langen Namen also durchaus dazu geeignet, den großen Streifzug auf Sahara-Pisten anzutreten.
Der Rancho Grand Raid setzt auf Offroad-Auftritt und viel Ausstattung, nicht auf echte Geländetechnik. Wir veröffentlichen dazu einen überarbeiteten Original-Test von auto motor und sport aus dem Jahr 1980 und ordnen das Auto in seine Zeit ein.
Ende der 1970er, Anfang der 1980er suchten viele Hersteller nach neuen Fahrzeugtypen zwischen Kombi und Geländewagen. Gefragt waren Autos, die nach Abenteuer aussahen, im Alltag aber vor allem Platz und Nutzwert boten. In diese Zeit passt der Talbot Matra Rancho . Talbot lieferte die Großserientechnik, Matra ergänzte sie um eine eigenständige Karosserie mit Kunststoffteilen und passender Offroad-Optik.
Im ams-Test von 1980 steht die Topversion Rancho Grand Raid im Mittelpunkt. Sie sollte den Fernweh-Gedanken besonders konsequent bedienen, mit zusätzlicher Ausrüstung wie zweitem Reserverad, Seilwinde, Unterfahrschutz und Suchscheinwerfer. Technisch blieb es jedoch beim Frontantrieb und einem 1,4-Liter-Benziner mit 79 PS. Auch der Preis machte klar, dass der Grand Raid nicht als einfacher Nutzkombi gedacht war, sondern als Freizeitauto für Reise- und Pistenfantasien dieser Ära.
Der originale Test des Talbot Matra Rancho Grand Raid
Weil auto motor und sport 2026 seinen 80. Geburtstag feiert, veröffentlichen wir 80 Tests aus 8 Jahrzehnten. Denn schon früh sah die Redaktion es als ihre Aufgabe, neue Autos zu testen. Das macht auto motor und sport so lange und so ausführlich wie kein anderes deutschsprachiges Automagazin. Zur Tradition und zum journalistischen Anspruch gehört es, Stärken und Schwächen klar zu benennen. Damit das Urteil fundiert ausfällt, erhebt die Redaktion bei ihren Mess- und Testfahrten möglichst präzise Daten und sammelt reproduzierbare Eindrücke. Den folgenden Test schrieb Clauspeter Becker für auto motor und sport 15/1980. Wir haben die damalige Rechtschreibung übernommen.
Talbot Matra Rancho Grand Raid heißt das Auto mit seinem kompletten Namen, der sich folgendermaßen entschlüsseln läßt: Talbot, die neue französische Automarke (früher Chrysler Simca) steuert die mechanische Basis bei. Matra, ein französisches Unternehmen der Luftfahrttechnik, komplettiert dieses Mobil mit Karosserieteilen aus Kunststoff, die optisch für den Eindruck eines ernsthaften Geländeautos sorgen. Rancho, so verrät Langenscheidts Wörterbuch, kommt aus dem Spanischen und bedeutet Hütte.
Grand Raid, da hilft bei der Erklärung sowohl das englische als auch das französische Wörterbuch. Grand, wie groß, steht hier für die Größe des Unternehmens Raid, das sich mit Streifzug oder Fernritt übersetzen läßt. Größe freilich beweist der Super-Rancho auch beim Preis: Er kostet 21.680 Mark, und er ist damit der teuerste Talbot überhaupt.
Grand Raid Paket mit Expeditions-Zubehör
Allerdings ist das Modell Raid dann auch mit einigem Aufwand für die großen Streifzüge präpariert. Zur Serienausstattung gehören:
- zwei Reserveräder mit grobstolligem Profil und größerer Reifendimension als das laufende Gut für alle Tage (185/70 SR 14 statt 165 SR 14).
- Ein selbsthemmendes Sperrdifferential sorgt in gewissem Maße dafür, daß der Vortrieb dieser Reifen auch auf schlüpfrigem Untergrund gewährleistet bleibt.
- Eine Seilwinde an der vorderen Stoßstange erlaubt es, das Auto aus dem Dreck zu bergen, wenn die anderen Hilfsmittel versagen.
- Eine Rutschplatte unter dem Frontantriebs-Aggregat verhindert dessen Beschädigung bei steinigem Untergrund.
- Ein Such-Scheinwerfer hilft, den Weg auch in dunkler Wüstenei zu finden.
So ausgestattet und in mattem Khaki-braun lackiert, das zweite Reserverad kühn auf dem Dach befestigt, macht der Grand Raid sehr wohl den Eindruck eines kernigen Geländewagens.
Auch überzeugt die Rancho-Karosserie durch innere Werte. Das Auto ist ein sehr geräumiger Viersitzer, dessen Kofferraum allerdings mit 272 Litern nach auto motor und sport-Norm nicht eben üppig ist. Viel Volumen, nämlich 776 Liter, gibt es erst, wenn die hintere Bank umgelegt ist. Sogar der wassergekühlte Reihen-Vierzylindermotor mit 1442 ccm ist ein wenig für Expeditionsunternehmen ausgelegt. Sein Verdichtungsverhältnis ist niedriger. Es beträgt 8,8:1 statt 9,5:1 wie bei anderen Talbot-Modellen. So kommt der Grand Raid-Motor mit Normalbenzin aus und ist in fernen Ländern nicht ganz so pingelig in Bezug auf die Kraftstoffqualität. Die Leistungsausbeute beträgt 79 PS (58 kW) bei 5600/min, die höher verdichteten Motoren schaffen ein kW mehr.
Höchstgeschwindigkeit 144 km/h, dazu steigender Lärmpegel
Atemberaubende Temperamentsausbrüche gelingen dem 1240 kg schweren und von hohem Luftwiderstand zusätzlich belasteten Rancho mit diesem Potential nicht. Er braucht von 0-100 km/h 18,4 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 144 km/h ebenfalls auf dem Niveau halb so starker Kleinwagen. Schnelles Fahren im Rancho ist außerdem von zwei mißlichen Umständen begleitet: Der Lärm im Auto und der Verbrauch steigen kräftig an. Mehr als 15 Liter fließen auf 100 km bei flotter Fahrt durch den Vergaser.
Zu ruhigem Reisetempo ermahnt der Rancho auch auf kurvenreicher Landstraße. Die Lenkung ist sehr schwergängig, das Eigenlenkverhalten stur untersteuernd bis die Differentialsperre zuschnappt, dann wird die Ideallinie ziemlich eckig.
Im Gelände kommt der Rancho recht tapfer voran. Allerdings bringt schlammiger Untergrund die nur durch zwei Räder übertragene Vortriebskraft rasch zum Erliegen. Die mit 21 cm sehr knappe Bodenfreiheit, die sich beim Einfedern noch verringert, setzt beim Überwinden gröberer Hindernisse eine sehr frühe Grenze.
Auf wilden Schotterstraßen jedoch ist der gut gefederte Rancho ein sehr viel angenehmerer Aufenthaltsort als viele renommierte Geländeautos. So gesehen ist das französische Automobil mit dem langen Namen also durchaus dazu geeignet, den großen Streifzug auf Sahara-Pisten anzutreten.
Man könnte dazu aber auch einen Talbot-Kastenwagen nehmen. Der ist fast genauso geräumig, aber schon ab 9750 Mark zu haben.
