Elektrisch eine echte Alternative zum Diesel?
Hyundai elektrifiziert den Staria. Und zwar mit der viel gerühmten 800-Volt-Technik der großen Ioniq-Modelle. Gelingt es dem Reisevan damit gar, über seine bisherige Größe hinauszuwachsen? Fahrbericht.
Ja, ja, es geht gleich los, mit allem von Ladeleistung bis Reichweite und Preisen. Aber zuerst ist da die Sache mit der Säge, die wir so gerne erzählen möchten. Denn das ist doch mal eine heitere Idee, auf die Hyundai bei den Pressefotos für den Staria Electric kommt, um das bidirektionale Laden illuster zu illustrieren. Bei dem stöpseln sie an den V2L-Adapter hinter der beheizten Ladeklappe keine Karaoke-Maschinen, Elektrogrills oder Luftpumpen für Stand-up-Bretter. Stattdessen: die Kreissäge. Falls Vati danach ist, zwei, drei Klafter Dielenbretter zurechtzuschreinern, derweil der Rest der bis zu neunköpfigen Familie beim Picknick sitzt, zu dem sie gestromert ist.
Damit alle mal einsteigen in den Staria. Er richtet sich auch als Elektro in den Versionen Trend und Prime als Neunsitzer (3-3-3) ein. Die Topversion nennt sich nun Calligraphy, möbliert sich vorn mit zwei Pilotensesseln und in der zweiten Reihe mit den beiden elektrisch verstell-, beheiz- und befächelbaren Polstermöbeln, die sich zu Bettchen fürs Ladestoppnickerchen umgruppieren lassen. Nur nie vergessen, einen Wecker zu stellen, denn sonst verpennt man den Moment, in dem es nach dem DC-Laden weitergehen kann.
Andere Basis, gleiche Eile
Zwar basiert der Staria nicht auf der globalen E-Plattform, mit der Hyundai alles von EV2 bis EV9 elektrifiziert. Doch gelingt es den Techniker, die ab dem Ioniq 5 genutzte 800-V-Version des Antriebsensembles in den Staria zu verräumen. Und das ganz, ohne den Platz einzuschränken, der für Passagiere wie Gepäck in unveränderter Fülle vorhanden ist.
Das geht so: Statt wie bei den Ioniqs, deren Einzig- oder Hauptantriebsmotor sich an der Hinterachse einrichtet, beströmt die 84 kWh große Lithium-Ionen-Batterie den Permanentsynchro an der Vorderachse. Wie der Akku zählt auch die 160 kW-starke E-Maschine zur bekannten Baukasterei der größeren, für ihre hohe Schnellladeleistung und -kompetenz gelobten Ioniq-Modelle.
Für die kann sich der Staria nun ebenfalls rühmen, mit bis zu 256 kW soll er sich Gleichstrom in die Akkus ziehen und so binnen 20 Minuten deren Ladestand von zehn auf 80 Prozent emporgehoben haben. Konnten wir noch nicht nachprüfen, werden wir aber. Wie natürlich auch die Reichweiten, die zwischen 430 km (kombiniert) und 578 km (Stadt) weit reichen soll. Hm, einerseits lag der Bordcomputerwert auf der ersten Tour mit dem Staria doch so etwa ein Viertel über den 21,8 kWh/100 km, auf denen die 430 km basieren.
Reichweite ist nicht alles
Stimmt, andererseits war das auch eine durchaus kurzweilig-eilfertige Tour mit dem Staria. Den mochten wir ja schon sehr, als er über 100.000 km als Diesel uns im Dauertest war. Doch sein erst träge, dann übertrieben aggressiv loslegende Antrieb zählte zu den wenigen Ungeschicklichkeiten, mit denen uns der wunderbare Reisesalon überrumpeln konnte. Der Elektro drückt sich mit bestens dosierbarer und einer – klar, wenn sich 160 kW rund 2,6 Tonnen Leergewicht an zu bewegender Masse einhandeln – nicht überbordender, aber steter Drangfülle voran, die erst bei gar nicht mal so anlaufweiten 184 km/h Höchstgeschwindigkeit endet.
So und jetzt dürfen alle ihr "Aber" rausholen: Aber dann, genau, ist der Akku doch schnell leer. Nur, verrückte Sachen: Das ist erstens Physik. Und wem das, zweitens, vorher nicht klar ist, dem rechnetes das Navi mit cleverer Lade-/Routenplanung vor. Die bekommt der Staria wie die per Wippe von Segeln über Einpedal-mit-Anhalten bis volladaptiv reichende Rekuperationskompetenz mit.
Tasten statt Touch
Im Rahmen der kleinen Modellpflege at Hyundai auch die ohnehin schon sehr klug strukturierte Bedienung verbessert. Statt der etwas fitzeligen Tastflächen hat er nun überall und selbst auf dem unteren Rahmen des Infotainment-Monitors richtige Tast-Tasten statt Touch-Flächen. Eine an sich kleine Änderung, die aber eine sehr große Erleichterung, eben eine Selbstverständlichkeit in die Bedienung bringt. Auch die Heckscheibe aktiviert sich auf Tastendruck – doch nicht nur sie, gleichzeitig schaltet sich damit die Heizung der Ladeklappe ein. Sehr geschickt, wie alle wissen, wie leicht bei einer Autobahnfahrt im Schneegestöber so eine Bug-Ladelucke zufrieren kann.
Dazu ist er beim Fahren besser aufgelegt als je zuvor. Der Akku drückt den Schwerpunkt – so kurvt der Staria noch souveräner – und steigert das Gewicht und damit die Sattheit des Federungsvermögens. Sogar einen kleinen Frunk haben sie unter der Haube eingerichtet, für Ladekabel oder V2L-Adapter. Mit festlicher Serienausstattung und allen Extra von Wärmepumpe unten über Metalliclack rundherum bis Fond-Panoramaglasdach obendrauf kostet die Topversion 69.300 Euro. Lieblingsrivale sei der Mercedes VLE (ab gut 75.000 Euro in eher unkuschelig ausgestatteten Basis) meint Hyundai. Na, unseren Sägen haben sie.
Der Staria Electric als Cargo
Und falls Sie im Handwerk tätig sind, sollten Sie dem Staria vielleicht auch ihre Sägen geben – als Transporter Cargo, den wir ebenfalls fahren konnten. Prinzipiell identisch effizient und motiviert motorisiert, ladestopp-berechnend, umfassend assistiert und raumreich, richtet er sich natürlich etwas strapazierfähiger ein. In der Kabine mit der dem bequemen Fahrersitz, nebendran die Doppelsitzbank, mit schmalerem Mittelsitz, dessen Lehne sich als Ablage herunterklappen lässt.
In den großen, mit dachhoher Wand abgetrennten Abstellraum dahinter passen drei Euro-Paletten. Die Laderaumabmessungen: 2,50 x 1,64 x 1,43 m. Ganz hinten gibt es die zweiteilige, seitlich angeschlagene Flügeltür, die beiden seitlichen Schiebetüren machen eine 137 cm breite Ladeöffnung frei.
Wie der Passagier-Staria kann auch der Cargo bis zu 2.000 kg schwere Anhänger ziehen. Und natürlich kann auch er per V2L-Adapter die Batterie für allerlei Gerätschaft anzapfen. Und an sich passt doch statt der Säge etwas anderes viel besser zu diesem Wagen: ein elektrischer Nobel-Hobel.
