Hält ein Mensch diese Beschleunigung aus?
Der Tesla Roadster Rocket soll in 0,59 Sekunden auf 97 km/h beschleunigen. Dabei wirken auf den Fahrer im Mittel rund 4,7 g – doch die Belastungsrichtung entscheidet, ob ein Mensch diesen Sprint verkraftet.
Tesla zeigte den neuen Roadster im Oktober 2026 auf einem SpaceX-Testgelände bei McGregor in Texas. Der Prototyp fuhr eine Rampe hinauf, blieb dank seines Lüftersystems kopfüber haften, hob anschließend ab, drehte sich in der Luft und landete wieder auf seinen Rädern.
Bei einem weiteren Stunt sprang der Roadster über mehrere Tesla-Modelle und einen Tesla Semi. Kaltgastriebwerke von SpaceX lieferten die Schubimpulse. Niemand saß dabei am Steuer: Eine an Teslas Starman erinnernde Schaufensterpuppe im schwarz-weißen SpaceX-Raumanzug besetzte den Fahrersitz.
Die Rocket-Version soll in 0,59 Sekunden von 0 auf 60 mph beschleunigen. Das entspricht 97 km/h. Für die menschliche Belastung zählt dabei weniger die spektakuläre Zahl als der Beschleunigungsverlauf.
0,59 Sekunden ergeben 4,7 g
97 km/h entsprechen 26,94 Metern pro Sekunde. Teilt man diesen Geschwindigkeitszuwachs durch 0,59 Sekunden, ergibt sich eine mittlere Beschleunigung von 45,7 m/s² – also rund 4,7 g.
Die Rechnung beschreibt nur den Mittelwert. Tesla hat keine Messdaten zum Kraftverlauf veröffentlicht. Der Roadster kann seine Beschleunigung gleichmäßig aufbauen oder die Kaltgastriebwerke mit kurzen, besonders heftigen Schubimpulsen zuschalten. Die Spitzenbelastung kann daher über dem errechneten Durchschnitt liegen.
Performance, Thrust und Rocket
Tesla bietet den Roadster in drei Ausführungen an. Die Performance-Version richtet sich an die Straße und nutzt elektrische Antriebe, aktive Aerodynamik sowie ein Lüftersystem, das Luft unter dem Fahrzeug absaugt.
Die Thrust-Version ergänzt den Lüfter-Abtrieb um Kaltgastriebwerke am Heck. Tesla positioniert sie als limitierte Rennstrecken-Version mit zwei Sitzen und einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in weniger als einer Sekunde.
Die Rocket-Version geht noch weiter. Sie besitzt nur einen Sitz und trägt zehn Kaltgasdüsen rund um die Karosserie. Die Düsen liefern Schub nach vorn, oben und zur Seite. Sie beschleunigen den Roadster, bremsen ihn, drehen ihn in der Luft und helfen bei der Kontrolle kurzer Flugmanöver.
Die Richtung entscheidet
Beim Sprint sitzt der Fahrer mit dem Rücken an der Lehne. Die Beschleunigung drückt ihn von der Brust zum Rücken. Die Luftfahrtmedizin bezeichnet diese Richtung als "eyeballs in" oder +Gx.
Diese Belastungsrichtung eignet sich besonders gut für den menschlichen Körper. Das Blut sackt dabei nicht in gleichem Maß aus dem Kopf in die Beine wie bei einer Beschleunigung vom Kopf zu den Füßen. Deshalb droht bei einem kurzen Rocket-Sprint nicht automatisch ein Blackout.
Die NASA beschreibt die +Gx-Richtung bei Aufprallbelastungen als besonders günstig. Menschen können in dieser Orientierung mehr als doppelt so hohe Beschleunigungen verkraften wie bei anderen Belastungsrichtungen. Ein klassisches NASA-Dokument verweist dabei auf die Bedeutung von Sitzwinkel, Gurtsystem und Kopfstütze.
4,7 g sind trotzdem keine Kleinigkeit
Die günstige Richtung schützt den Körper nicht vor jeder Belastung. Rund 4,7 g drücken Brustkorb, Rücken, Becken und Kopf in die Sitzstruktur. Sitz und Mehrpunktgurt müssen die Belastung über große Körperbereiche in die Fahrzeugstruktur einleiten. So sinkt der Druck auf einzelne Stellen wie Brustkorb, Schlüsselbein und Becken.
Die NASA führt bei kurzzeitigen Beschleunigungen vor allem traumatische Verletzungen auf. Wirbelsäulenverletzungen gehören zu den häufigsten Problemen. Ohne ausreichende Fixierung drohen außerdem Schleuderbewegungen des Kopfes und ein sogenanntes Submarining: Der Körper rutscht unter dem Beckengurt hindurch.
Ein gesunder Mensch kann einen kurzen Beschleunigungsstoß in +Gx-Richtung wahrscheinlich überstehen. Diese Aussage gilt jedoch nur für eine passende Sitzposition, eine sichere Rückhalteeinrichtung und einen kontrollierten Kraftverlauf. Sie ersetzt keine medizinische Freigabe für den Rocket-Roadster.
Der Ruck belastet den Körper zusätzlich
Neben der Höhe der Beschleunigung spielt der Ruck eine wichtige Rolle. Er beschreibt, wie schnell die Beschleunigung ansteigt. Ein sanfter Aufbau auf 4,7 g belastet den Körper anders als ein abrupter Schubstoß innerhalb weniger Millisekunden.
Die SpaceX-Düsen arbeiten mit komprimierter Luft und liefern ihre Kraft in kurzen Impulsen. Tesla koordiniert die Ventile elektronisch und kann die einzelnen Düsen innerhalb sehr kurzer Zeit ansteuern. Wie stark die Beschleunigung beim Rocket-Sprint tatsächlich ansteigt, zeigen die bisher veröffentlichten Daten nicht.
Auch Vibrationen können die Belastung verschärfen. Das NASA-Dokument führt für den menschlichen Körper eine Resonanz im Bereich von etwa 4 bis 8 Hertz auf. In diesem Frequenzbereich können Vibrationen unter anderem Atmung, Sicht und präzise Bewegungen beeinträchtigen.
Die Flugmanöver fordern mehr als der Sprint
Beim Abheben verändert sich die Belastungsrichtung. Der Körper muss nicht mehr nur die Kraft nach hinten aufnehmen. Beim Rollen kommen Drehbeschleunigungen um mehrere Achsen hinzu. Das Gehirn verarbeitet dabei widersprüchliche Signale von Augen und Gleichgewichtssystem.
Die NASA führt für Rotationsbewegungen Desorientierung, Übelkeit und Leistungseinbußen auf. Bei zufälligen Drehbewegungen können Menschen die Fähigkeit verlieren, sinnvoll zu reagieren. Ein Fahrer könnte während eines solchen Manövers deshalb nicht einfach weiterlenken oder einen Fehler korrigieren.
Der Roadster demonstrierte zwar Flips und kurze Flüge. Die Aufnahmen liefern aber keine Messwerte für die Kräfte im Innenraum. Ohne Daten zu Drehgeschwindigkeit, Drehbeschleunigung, Flugbahn und Landung lässt sich nicht seriös sagen, wie ein Mensch den Stunt verkraften würde.
Warum Tesla eine Puppe ins Cockpit setzte
Bei den Flugmanövern saß niemand mit Bewusstsein im Roadster. Die Schaufensterpuppe im SpaceX-Raumanzug erinnerte an den besagten Starman, die Puppe im kirschroten Tesla Roadster (erste Generation) von Elon Musk, den eine Falcon Heavy 2018 ins All schickte.
SpaceX berichtet, dass Tesla den Roadster während der Präsentation mehrfach autonom und ohne lebenden Fahrer über die Fahrzeugreihe springen ließ.
Die Entscheidung schützt Tesla vor einer noch größeren Sicherheitsfrage: Ein Mensch hätte nicht nur die lineare Beschleunigung aushalten müssen. Er hätte auch die Rotation, die wechselnden Kraftrichtungen und die Landung verkraften müssen.
Sitz und Gurt müssen zum Körper passen
Ein normaler Sportsitz reicht für die Rocket-Version kaum aus. Der Sitz muss den Körper großflächig abstützen und die Kräfte kontrolliert in die Fahrzeugstruktur leiten. Ein Mehrpunktgurt hält Becken, Brustkorb und Schultern an ihrer vorgesehenen Position.
Ein HANS-System kann Kopf und Halswirbelsäule bei starken Verzögerungen schützen. Es funktioniert allerdings nur mit einem passenden Sitz, einem korrekt montierten Mehrpunktgurt und einem geeigneten Helm. HANS nimmt dem Fahrer die Beschleunigung nicht ab.
Die bekannten Innenraumfotos zeigen keinen eindeutig zuordenbaren Rocket-Sitz. Sie belegen deshalb weder eine serienmäßige Rennsport-Rückhalteeinrichtung noch die endgültige Ausstattung der einsitzigen Version. Tesla muss für dieses Modell noch zeigen, wie es den Fahrer bei Beschleunigung, Flug und Landung schützt.
