Chinesische E-Autos mit Riesen-Wertverlust
Der Wert gebrauchter Elektroautos ist seit Jahresbeginn laut einer Auswertung des Münchner Start-ups Aampere um mehr als neun Prozent gestiegen. Besonders gefragt sind Modelle der Mittelklasse. Tesla erzielt die höchsten Restwerte, chinesische Marken liegen dafür deutlich unter dem Marktdurchschnitt.
Gebrauchte Elektroautos gewinnen immer mehr an Wert. Das zeigt der erstmals veröffentlichte Aampere EV Resale Index für das dritte Quartal 2026. Demnach ist das Preisniveau gebrauchter Stromer seit Januar um mehr als neun Prozent gestiegen. Grundlage der Auswertung sind die Höchstgebote aus rund 5.000 Händlerauktionen auf der Plattform des Münchner Start-ups. Anders als bei Inseraten werden damit nicht die Preisvorstellungen privater Verkäufer erfasst, sondern die Beträge, die Händler tatsächlich zu zahlen bereit sind.
Der Index startete im Januar 2026 bei 100 Punkten und erreichte im September 108,9 Punkte. Zwischenzeitlich lag er im April bei 109,3 Punkten. Die Entwicklung deutet auf eine gestiegene Nachfrage nach gebrauchten Elektroautos hin. Allerdings wurden nicht alle rund 5.000 zur Auktion angebotenen Fahrzeuge tatsächlich verkauft: Ein Abschluss kommt erst zustande, wenn der Verkäufer das Händlergebot annimmt.
Tesla führt bei den Restwerten
Besonders gut schneiden gebrauchte Elektroautos von Tesla ab. Nach 36 Monaten erreichen das Model 3 laut Aampere noch 57,6 Prozent und das Model Y 55,9 Prozent ihres ursprünglichen Listenpreises. Über die Marke hinweg ergibt sich ein durchschnittlicher Restwert von 57,2 Prozent. Der Marktdurchschnitt liegt bei 48 Prozent.
Bei einem ursprünglichen Neupreis von 50.000 Euro entspricht der Unterschied von 9,2 Prozentpunkten rechnerisch einem Restwertvorteil von 4.600 Euro nach drei Jahren. Allerdings handelt es sich um einen Vergleich auf Basis der Listenpreise. Rabatte beim Neuwagenkauf können den tatsächlichen Wertverlust aus Sicht des Erstbesitzers verändern.
Hinter den beiden Tesla-Modellen folgen der BMW iX3 mit 50,7 Prozent und der Škoda Enyaq mit 50 Prozent. Der Hyundai Ioniq 5 erreicht 48,4 Prozent, der Kia EV6 kommt auf 47 Prozent. Der Cupra Born liegt bei 46 Prozent. Bei den untersuchten Modellen von BMW, Mercedes und Audi zeigen sich teilweise deutlich niedrigere Werte: Der BMW i4 erreicht 43 Prozent, die Mercedes-Modelle EQE und EQB kommen auf 37,1 beziehungsweise 44,2 Prozent. Der Audi Q4 liegt bei 36 Prozent. In die modellbezogene Auswertung flossen Fahrzeuge mit mindestens 20 Auktionen ein.
Mittelklasse besonders gefragt
Die größte Nachfrage verzeichnet Aampere bei Elektroautos, deren ursprünglicher Listenpreis zwischen 50.000 und 85.000 Euro lag. In dieser Preisklasse konkurrieren im Durchschnitt die meisten Händler um ein Fahrzeug. Der Nachfrageindex setzt dieses Segment auf 100 Punkte. Modelle mit einem Listenpreis zwischen 40.000 und 50.000 Euro erreichen 93 Punkte, Fahrzeuge zwischen 30.000 und 40.000 Euro kommen auf 69 Punkte. Unterhalb von 30.000 Euro sind es 48 Punkte. Oberhalb von 85.000 Euro sinkt der Wert auf 75 Punkte.
Aus Händlersicht ist die Nachfrage nachvollziehbar: Fahrzeuge der Mittelklasse lassen sich nach Einschätzung des Unternehmens vergleichsweise schnell weiterverkaufen und sprechen eine größere Käuferschicht an. Bei Kleinwagen können geringere Reichweiten die Vermarktung erschweren, während im Luxussegment die Zahl potenzieller Käufer kleiner ist und das Absatzrisiko steigt.
Chinesische Marken verlieren überdurchschnittlich an Wert
Deutlich schwächer schneiden gebrauchte Elektroautos chinesischer Marken ab. Nach drei Jahren erreichen sie laut Aampere im Schnitt nur noch 41 Prozent ihres ursprünglichen Listenpreises. Der Gesamtmarkt kommt auf 48 Prozent. Mit zunehmendem Fahrzeugalter vergrößert sich der Abstand: Bei 48 Monate alten Fahrzeugen weist die Auswertung für chinesische Marken einen Restwert von 34,9 Prozent aus, während der Marktdurchschnitt bei 42,1 Prozent liegt.
Auch auf Händlerseite ist das Interesse geringer. Im Schnitt bieten rund 30 Prozent weniger Händler auf Elektroautos chinesischer Marken als auf vergleichbare Fahrzeuge anderer Hersteller. Das kann die erzielbaren Preise zusätzlich drücken.
Allerdings ist der Vergleich mit Vorsicht zu interpretieren. Der Gebrauchtwagenmarkt bildet die Entwicklung des Neuwagenmarkts zeitversetzt ab. Viele chinesische Hersteller sind erst seit wenigen Jahren in größerem Umfang auf dem deutschen Markt vertreten. Entsprechend fehlen für zahlreiche Modelle noch ältere Gebrauchtwagenjahrgänge. Zudem wurden Neuwagen chinesischer Marken teilweise mit hohen Rabatten angeboten. Der Vergleich mit dem ursprünglichen Listenpreis bildet deshalb nicht zwangsläufig den tatsächlichen Wertverlust des ersten Besitzers ab.
Aampere zählt in seiner Auswertung unter anderem MG und Aiways zu den relevanten chinesischen Marken; BYD und Xpeng sind ebenfalls vertreten. Entscheidend für die Zuordnung ist die Marke, nicht der Produktionsstandort. Der in China gebaute Polestar 2 wird beispielsweise als schwedisches Modell eingeordnet.
Hohe Spritpreise erhöhen das Interesse an gebrauchten Stromern
Als einen möglichen Treiber der Entwicklung nennt Aampere die gestiegenen Kraftstoffpreise. Im September 2026 kostete ein Liter Super in Deutschland dem Unternehmen zufolge rund 2,27 Euro, Diesel lag bei 2,38 Euro. Damit verteuert sich der Betrieb von Verbrennern, während Elektroautos bei entsprechendem Fahrprofil und günstigen Stromkosten Vorteile bei den laufenden Ausgaben bieten können.
Das könnte die Nachfrage nach gebrauchten Elektroautos zusätzlich stärken. Denn der Kaufpreis bleibt für viele Interessenten eine wesentliche Hürde beim Umstieg auf Elektromobilität. Gebrauchte Modelle sind häufig günstiger als Neuwagen und ermöglichen es, die laufenden Kosten eines Elektroautos zu nutzen, ohne den vollen Neuwagenpreis zu bezahlen.
Hinzu kommt, dass das Angebot gebrauchter Stromer erst allmählich wächst. Viele Elektroautos erreichen ihren ersten Wiederverkauf nach drei bis vier Jahren. Sie stammen damit aus Jahrgängen, in denen die Zulassungszahlen noch deutlich niedriger waren als heute. Das begrenzt das Angebot und kann die Preise beeinflussen.
Aampere übernimmt die Verkaufsabwicklung
Der 2022 gegründete Marktplatz Aampere bringt private Verkäufer gebrauchter Elektroautos mit Händlern aus zehn europäischen Ländern zusammen. Verkäufer geben die Fahrzeugidentifikationsnummer (VIN) ein und laden Fotos hoch. Ergänzende digitale Abfragen zu Ausstattung, Historie und Zustand sollen eine einheitliche Datengrundlage für die Auktion schaffen.
Die Händler geben anschließend ihre Gebote ab. Nimmt der Verkäufer das Angebot an, wickelt Aampere den Verkauf ab: Das Unternehmen kauft das Fahrzeug zwischen, organisiert die Abholung beim Kunden und überweist den Kaufpreis in der Regel noch vor der Abholung. Damit unterscheidet sich das Angebot von einer reinen Inserateplattform, auf der Verkäufer und Käufer die weiteren Schritte selbst organisieren müssen.
Für den EV Resale Index wertet Aampere die Händlerhöchstgebote aus und bildet daraus die Entwicklung des Preisniveaus ab. Die europaweite Ausrichtung soll dabei auch die Nachfrage außerhalb des jeweiligen Heimatmarkts berücksichtigen. Die Zahlen liefern einen Einblick in den professionellen Handel mit gebrauchten Elektroautos. Sie bilden allerdings nicht sämtliche Privatverkäufe oder alle Vertriebskanäle ab und sind daher nicht ohne Weiteres auf jedes einzelne Fahrzeug übertragbar.
