Europas Autos verlieren Vorteil gegenüber China
Chinesische Autos werden auch bei Reparaturen immer günstiger. Europas Hersteller verlieren damit ihren Vorteil – gerade auch, weil sie immer teurer werden.
Chinesische Autos hatten in Deutschland lange einen Nachteil: Nach einem Unfall konnten Reparaturen vergleichsweise teuer werden. Ersatzteile waren nicht immer schnell verfügbar, Werkstätten mussten sich erst mit den neuen Marken vertraut machen und manche Hersteller verfügten über kaum ausgebaute Servicenetze. Inzwischen ändert sich das deutlich. Gleichzeitig werden neue Autos europäischer Hersteller im Durchschnitt bei der Versicherung ungünstiger eingestuft.
Das Ergebnis ist überraschend: Der bisherige Kostenvorteil europäischer Autos schrumpft deutlich. Nach einer Auswertung des Allianz Zentrums für Technik (AZT) waren europäische Hersteller 2024 bei der Versicherungseinstufung im Durchschnitt noch drei Typklassen besser als chinesische Marken. 2026 ist davon nur noch eine Typklasse übrig. Das bedeutet nicht, dass chinesische Autos grundsätzlich billiger zu reparieren sind als europäische. Vielmehr haben die chinesischen Hersteller ihren anfänglichen Nachteil innerhalb kurzer Zeit deutlich verringert.
Warum chinesische Autos bisher teurer waren
Wer vor einigen Jahren einen Unfall mit einem noch jungen chinesischen Modell hatte, konnte Pech haben. War ein bestimmtes Ersatzteil in Deutschland nicht auf Lager, musste es erst aus China oder einem europäischen Zentrallager beschafft werden. Dazu kamen teilweise kleine Werkstattnetze und fehlende Erfahrungen mit den Fahrzeugen. Eine Reparatur, die bei einem etablierten deutschen Hersteller wenige Tage dauert, konnte dadurch deutlich länger dauern. Und je länger ein Auto in der Werkstatt steht, desto höher können die Kosten für Versicherung und Reparatur ausfallen.
Genau diese Probleme haben sich bei den großen chinesischen Herstellern inzwischen verbessert. Sie bauen ihre Händler- und Werkstattnetze aus, lagern Ersatzteile näher am Kunden und bringen immer mehr Fahrzeuge auf den europäischen Markt. Werkstätten sammeln gleichzeitig Erfahrung mit den Modellen. Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik, spricht deshalb von einem klaren Lernprozess: Die chinesischen Hersteller werden bei der Versicherungseinstufung im Durchschnitt deutlich besser.
Gleichzeitig werden europäische Autos schlechter
Noch interessanter ist allerdings die Entwicklung bei den europäischen Herstellern. Denn der Abstand wird nicht nur kleiner, weil China aufholt. Europäische Autos werden im Durchschnitt ebenfalls ungünstiger eingestuft. Nach Angaben des AZT haben sich die chinesischen Hersteller seit 2024 im Schnitt um 1,5 Typklassen verbessert. Die europäischen Hersteller haben sich dagegen um 0,5 Typklassen verschlechtert.
Für Sahr ist das ein Warnsignal. Seiner Einschätzung nach legen europäische Hersteller offenbar zunehmend weniger Wert darauf, ihre Fahrzeuge reparaturfreundlich zu konstruieren. Das kann für Autofahrer teuer werden. Denn ein Unfall endet heute nicht unbedingt mit dem Austausch eines Kotflügels oder einer Stoßstange. Moderne Autos stecken voller Kameras, Radar- und anderer Sensoren. Selbst kleinere Schäden können deshalb aufwendige Reparaturen und anschließend eine Kalibrierung der Assistenzsysteme erfordern.
Was sagt die Typklasse eigentlich aus?
Die Typklasse ist allerdings nicht einfach ein Maß dafür, wie viel eine einzelne Reparatur kostet. Sie wird vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) festgelegt und basiert auf dem Schadenverlauf eines Fahrzeugmodells. Dabei spielen unter anderem die Häufigkeit und die Kosten von Schäden eine Rolle.
Eine bessere Typklasse bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Auto grundsätzlich billiger zu reparieren ist. Für Autofahrer ist sie trotzdem interessant, weil sie sich auf die Kosten der Kfz-Versicherung auswirkt. Genau an dieser Stelle wird der bisherige Vorteil europäischer Hersteller kleiner.
BYD profitiert vom größeren Servicenetz
Besonders deutlich lässt sich die Entwicklung am Beispiel BYD erkennen. Der chinesische Hersteller ist inzwischen die erfolgreichste chinesische Automarke in Deutschland. In den ersten acht Monaten 2026 wurden 36.748 BYD-Fahrzeuge neu zugelassen. Mit steigenden Verkaufszahlen wird es für die Hersteller leichter, ein eigenes Service- und Ersatzteilnetz aufzubauen. Auch die Werkstätten profitieren von größeren Stückzahlen, weil sie häufiger mit den gleichen Fahrzeugen zu tun haben.
Ganz verschwunden sind die Risiken beim Kauf einer chinesischen Marke allerdings nicht. Das größte Problem ist inzwischen weniger die Reparatur selbst als die Frage, wie lange eine Marke überhaupt auf dem europäischen Markt bleibt. Beim Riesen BYD wird sich diese Frage vielleicht nicht stellen. In China gibt es aber mehr als 100 Automarken. Viele verkaufen nur geringe Stückzahlen oder schreiben Verluste. Einige Hersteller setzen deshalb große Hoffnungen auf das Auslandsgeschäft. Für Käufer kann das zum Problem werden. Verschwindet eine Marke wieder vom Markt, können Ersatzteilversorgung, Werkstattnetz und Wiederverkaufswert schwieriger einzuschätzen sein.
Europas Hersteller sollten aufpassen
Für die europäischen Hersteller ist die Entwicklung deshalb unangenehm. Sie verlieren einen Vorteil, der für Autokäufer durchaus relevant ist: kalkulierbare Kosten nach einem Unfall.
Die chinesische Konkurrenz war bei diesem Thema zunächst im Nachteil. Jetzt holt sie schnell auf. Gleichzeitig werden viele europäische Fahrzeuge technisch immer komplexer – und damit potenziell auch aufwendiger zu reparieren.
Das bedeutet nicht, dass chinesische Autos plötzlich grundsätzlich günstiger im Unterhalt sind. Es zeigt aber, dass ein weiterer Vorteil der etablierten europäischen Hersteller schrumpft. Wer ein Auto kauft, sollte deshalb nicht nur auf Kaufpreis, Reichweite oder Ausstattung schauen. Auch Versicherung und mögliche Reparaturkosten gehören zu den tatsächlichen Kosten eines Fahrzeugs.
