Ausgerechnet Reflektoren verwirren Assistenzsysteme
Reflektoren sollen Fußgänger nachts schützen – doch ausgerechnet sie können Notbremsassistenten aus dem Tritt bringen. Der ADAC hat bei Nachtversuchen gezeigt, dass einige Systeme Menschen in bestimmter Warn- und Einsatzkleidung teils nicht zuverlässig erkennen. Für Fahrer, Eltern und Beschäftigte im Straßenraum ist das sicherheitsrelevant, weil Notbremsassistenten seit 2024 in der EU zum Pflichtprogramm für Neuzulassungen gehört.
Der ADAC hat bei Nacht mit sechs aktuellen Fahrzeuge geprüft, wie zuverlässig deren Notbremsassistenten (AEB) Fußgänger mit reflektierender Kleidung erkennen. Im Versuch wurden drei Situationen nachgestellt: ein Erwachsener mit handelsüblicher Warnweste, eine Person mit genormter Einsatz- beziehungsweise Arbeitskleidung sowie ein Schulkind mit reflektierender Kleidung und Ranzen. Getestet wurden die Modelle Mercedes-Benz CLA, Dacia Duster, Tesla Model Y, Hyundai Tucson, Opel Astra Sports Tourer und BYD Seal.
Beim erwachsenen Dummy mit normaler Warnweste gibt es eine klare Entwarnung seitens des ADAC: Alle Fahrzeuge erkannten die Person und konnten eine Kollision vermeiden. Kritisch wurde es dagegen bei der genormten Einsatzkleidung, wie sie etwa im Straßenbau, bei Rettungsdiensten, Polizei oder Pannendiensten vorkommt. Fast alle Fahrzeuge erkannten den Fußgänger gar nicht oder erst sehr spät und bremsten nicht ausreichend. Noch gravierender war das Ergebnis beim "Schulkind"-Szenario: Mit reflektierender Kleidung und Schulranzen versagte nahezu jedes System und bremste gar nicht oder nicht rechtzeitig.
Kinder mit dunkler Kleidung werden besser erkannt
Auffällig ist in der ADAC-Auswertung, dass die Systeme bei einem Kind mit dunkler Kleidung grundsätzlich reagierten, bei reflektierenden Elementen aber häufig scheiterten. Als mögliche Erklärung nennt der ADAC, dass tief sitzende Reflektoren die Erkennung irritieren können. Für die Praxis bedeutet das: Gerade typische Reflektor-Anordnungen an Kinderkleidung oder Ranzen können in der Nacht zu Fehleinschätzungen führen.
Dass es für ein Auto prinzipiell möglich ist, ein Kind mit reflektierender Kleidung zu erkennen, zeigt im Test ein einzelnes Gegenbeispiel: Der Mercedes-Benz CLA war das einzige Fahrzeug, das von der reflektierenden Kinderkleidung nicht gestört wurde. Allerdings hatte auch dieses Modell bei der Person mit Einsatzkleidung Probleme und reagierte beeinträchtigt, etwa mit zu später Warnung oder nur Teilbremsung. Ein "sicher bei Reflektoren"-Stempel lässt sich daraus also auch nicht für den CLA ableiten.
Der ADAC ordnet die Ursache für das großflächige Versagen der Fahrassistenz weniger bei der Hardware ein, sondern eher bei der Klassifizierung in der Software – also bei der Frage, ob ein Objekt zuverlässig als "Mensch" erkannt und korrekt priorisiert wird. Genau deshalb hält der Club Verbesserungen auch für Bestandsfahrzeuge per Softwareupdate für möglich und nötig. Eine Pflichtausstattung für in der EU verkaufte Neuwagen wsind AEB-Systeme erst seit Juli 2024.
Richtige Schlussfolgerungen ziehen
Für sicherheitsbewusste Verkehrsteilnehmer ist wichtig, die richtige Schlussfolgerung zu ziehen: Warnkleidung bleibt sinnvoll, weil sie Menschen deutlich besser sichtbar macht. Der ADAC betont ausdrücklich, dass Fußgänger und Kinder in der dunklen Jahreszeit nicht auf Warnwesten und reflektierende Kleidung verzichten sollten. Die Verantwortung, dass Assistenzsysteme auch solche Alltagsvarianten robust beherrschen, liegt am Ende bei den Herstellern. Doch für die Personen hinter dem Steuer gilt: Wer häufig nachts unterwegs ist oder in Bereichen mit Arbeits- und Einsatzverkehr fährt, sollte die Grenzen der Systeme bedenken und entsprechend aufmerksam fahren.
AEB-Systeme werden in Europa seit Jahren bewertet: Euro NCAP testet Notbremsassistenten mit Fußgängererkennung bei Nacht nach ADAC-Angaben seit 2016. Seit 2026 werden die Testverfahren demnach variiert, um die Robustheit der Systeme besser abzusichern. Eine Variation der Kleidung gehört laut ADAC allerdings nicht zu diesen Bausteinen – und genau hier setzt die Kritik an, weil die jetzt gefundenen Schwächen dadurch schwerer auffallen können.
Aus den ADAC-Ergebnissen folgt eine klare Erwartung an die Hersteller: Die Systeme müssen so trainiert und ausgelegt werden, dass sie auch uneindeutige, praxisnahe Varianten sicher handhaben können. Dazu zählt eben nicht nur "Fußgänger in dunkler Kleidung", sondern auch reflektierende Kinder- und Arbeitskleidung, die im Straßenraum alltäglich ist.
