Vorstand droht mit zwei Werkschließungen
Mercedes-Benz könnte ein deutsches Fahrzeugwerk und einen Standort für Antriebe und Komponenten schließen. Das kündigte Produktionsvorstand Michael Schiebe am Dienstag (21.9.2026) bei einer Betriebsversammlung in Sindelfingen an. Zuerst hatten "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" darüber berichtet. Der Autobauer bestätigte die Aussagen anschließend gegenüber den Nachrichtenagenturen dpa und Reuters.
"Es ist unser klares Ziel, alle deutschen Standorte zu erhalten", sagte Schiebe laut Mercedes. Dafür müsse sich das Unternehmen mit den Arbeitnehmervertretern auf Maßnahmen zur Kostensenkung verständigen. Andernfalls werde Mercedes "ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk schließen müssen".
Diese Mercedes-Werke kommen infrage
Mit einem Aufbauwerk meint Mercedes einen Standort, an dem Fahrzeuge montiert werden. Entsprechende Pkw-Werke betreibt der Konzern in Sindelfingen, Rastatt und Bremen. Welcher dieser Standorte gefährdet sein könnte, teilte Mercedes nicht mit. Größer ist der Kreis bei den sogenannten Powertrainwerken. Dort entstehen Antriebe und weitere Fahrzeugkomponenten. Mercedes unterhält entsprechende Standorte in Stuttgart-Untertürkheim, Affalterbach, Berlin, Hamburg, Kamenz sowie in Kölleda und Arnstadt. Auch hier nannte das Unternehmen kein konkretes Werk.
Die Warnung bedeutet noch keinen Beschluss zur Schließung. Mercedes macht den Fortbestand aller deutschen Standorte jedoch davon abhängig, dass sich Management und Arbeitnehmervertreter auf Einsparungen verständigen.
Werk in Ungarn produziert deutlich günstiger
Als Maßstab für die deutschen Standorte dient unter anderem das Mercedes-Werk im ungarischen Kecskemét. Nach Angaben des Unternehmens liegen die Kosten dort rund 70 Prozent niedriger als in Deutschland. Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und mehr Krankheitstage seien laut Mercedes die wesentlichen Gründe für den Unterschied. Mercedes baut Kecskemét zu seinem größten Produktionsstandort in Europa aus. Das Werk erhielt im Juli zusätzliche Kapazitäten. Neben den niedrigeren Kosten bietet der ungarische Standort Zugang zum EU-Binnenmarkt.
Der Autobauer hatte bereits im Juni eine höhere Produktivität in seinen deutschen Werken gefordert. Als zusätzliche Belastungen nennt Mercedes das schwache Geschäft in China und die höheren US-Zölle. Die nun öffentlich genannte Möglichkeit von Werksschließungen verschärft den bisherigen Sparkurs.
Arbeitszeit soll von 35 auf 38 Stunden steigen
Nach einem Bericht des "Handelsblatts" verlangt das Management eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 38 Stunden. Einen entsprechenden Lohnausgleich soll es demnach nicht geben. Die 35-Stunden-Woche ist im Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie geregelt. Der Betriebsrat kann einer Abschaffung daher nicht allein zustimmen. Auch die IG Metall lehnt eine längere Wochenarbeitszeit ohne zusätzliche Bezahlung ab.
Mercedes spricht von einer "Produktivitätsoffensive für Deutschland". In einem Schreiben an die Beschäftigten hatte der Vorstand bereits vorgeschlagen, für das bisherige Gehalt länger zu arbeiten. Einzelheiten zu weiteren Sparmaßnahmen und zum Umfang der geforderten Kostensenkungen sind nicht bekannt.
Rund 20.000 Beschäftigte protestieren in Sindelfingen
Vor der Betriebsversammlung beteiligten sich nach Angaben von dpa rund 20.000 Beschäftigte in Sindelfingen an einem Aktionstag der IG Metall. Sie protestierten gegen Stellenabbau, Werksschließungen und weitere Einschnitte in der Autoindustrie.
Die Gewerkschaft fordert Investitionen in neue Produkte und einen stärkeren politischen Schutz vor günstiger Konkurrenz aus China. Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit wurde vor rund 30 Jahren nach Streiks und Tarifverhandlungen eingeführt. Entsprechend entschieden weist die IG Metall eine Rückkehr zu längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich zurück.
Mercedes hat keinen Zeitplan für die Verhandlungen und mögliche Standortentscheidungen genannt. Offen ist auch, welche Einsparungen aus Sicht des Vorstands ausreichen würden, um alle deutschen Werke zu erhalten.
