„Mercedes ist deutlich jünger geworden“
Bastian Baudy tritt als neuer Mercedes-Designchef die Nachfolge von Gorden Wagener an. Er kennt das Haus bereits seit 2010, zuletzt als AMG-Designchef.
Von AMG zu Mercedes als Designchef für die komplette Marke: Ist das der Sprung von der Kür zur Pflicht?
Ich arbeite seit 15 Jahren im Design bei Mercedes-Benz. Ich kenne und schätze die Menschen, die Marke und den Anspruch, der uns antreibt. Natürlich bringt das Verantwortung mit sich. Gleichzeitig weiß ich, was in diesem Team steckt: Gemeinsam haben wir über die Jahre außergewöhnliche Produkte auf die Straße gebracht. Und wir haben alles, was es braucht, um die Zukunft von Mercedes-Benz zu gestalten.
Vor uns steht noch ein Stück"Kür": der Mercedes-AMG CLE 646 Spezialanfertigung. Was ist das?Der CLE 646 ist ein streng limitiertes Fahrzeug und nach dem PureSpeed das zweite Modell unserer Mythos-Reihe. Er wird nur 30-mal gebaut. Genau das hat uns im Design die Möglichkeit gegeben, auch ein paar sehr ungewöhnliche Dinge auszuprobieren und deutlich weiterzudenken, als wir das bei normalen Serienfahrzeugen können.
Wie kam die Idee zustande – und warum ausgerechnet der CLE?Vor ungefähr einem Jahr im Sommer hat mich der Chefingenieur angerufen und gesagt:"Bastian, was können wir machen, wenn wir den CLE nochmal 60 Millimeter breiter machen, sowohl vorne als auch hinten?" Der CLE ist eines meiner absoluten Lieblingsautos, ich fahre ihn auch selbst – das hat mich daher sofort gechallenged. Die Grundidee dahinter ist, ein Coupé für maximale Fahrdynamik zu bauen – und dieses Konzept auch visuell zum Ausdruck zu bringen. 646 steht dabei für die PS-Zahl.
Zum Beispiel die Carbonhaube. Vorne sind auch Stoßfänger und Kotflügel aus Carbon, hinten die Kotflügel – um diese Breite überhaupt sauber zu realisieren. Ziel war, das Auto leistungsstark mit einem einzigartigen Charakter auf die Straße zu bringen.
Gorden Wagener hat Mercedes-Benz stark geprägt und progressiver ausgerichtet. Was zeichnet seinen Nachfolger Bastian Baudy aus?Ich habe viel mit Gorden zusammengearbeitet und schätze enorm, wohin er uns und die Marke geführt hat. Mercedes ist deutlich jünger geworden. Jetzt geht es darum, das weiterzuentwickeln. Jeder Designer hat seine Handschrift, geprägt davon, wie man aufgewachsen ist. Ich bin 1985 geboren und mit den Autos von Bruno Sacco (Mercedes-Designchef von 1987 bis 1999, Anmerk. der Red.) groß geworden: W 126, R 129 und W 201. Für mich war ein Mercedes immer ein Auto, dem man die Herkunft schon aus 200 Metern Entfernung ansehen konnte. Und genau darum geht es: diese Essenz zu schärfen.
Wie lässt man die Historie einfließen?Ich bin oft im Museum oder im Classic Center in Fellbach, auch mit dem Team. Dieses Jahr feiern wir 140 Jahre Innovation und damit auch 140 Jahre Inspiration. Wir haben schon vieles gemacht – und das ist immer wieder Quelle für neue Ideen und neuen Antrieb.
Was war der Auslöser für den Wunsch, Autodesigner zu werden?Im Grunde entspreche ich dem klassischen Klischee: Ich habe schon immer gern gezeichnet und war als Kind fasziniert von Autos. Mein Zimmer war voll mit 1:18-Modellen und Postern. Und dann habe ich einen Vortrag von Design-Professor Lutz Fügener in Mannheim erlebt und verstanden: Es gibt Autodesign, da verbindet man das Künstlerische und die Fahrzeugfaszination miteinander. Seitdem wollte ich nur noch das machen und bin an die Hochschule Pforzheim und habe dort Transportation Design studiert.
Ola Källenius als Mercedes-Chef hat zuletzt wieder stark den Grill betont. Wie wichtig ist die Front in einer Welt voll neuer Anbieter – gerade aus China?Mercedes-Benz hat eine starke Historie, und die gilt es weiterzuentwickeln. Ich glaube, was heute mehr denn je den Unterschied macht, ist Individualität und Authentizität: Proportionen, die Gestaltung der C-Säule, die Art, wie wir Linien führen oder Grafiken einsetzen. Der Grill ist eines der wichtigsten Elemente, weil er ein starkes Symbol für Mercedes ist, das wir in die Zukunft führen werden.
Elektroautos kommen mit kleineren Grills aus. Wie lässt sich das neu interpretieren?Wir haben neue Möglichkeiten, den Grill zu gestalten – wie wir es zum Beispiel beim GLC gemacht haben. Oder beim GLA. Den gibt es als Elektro und als Verbrenner, trotzdem ist die Identität stark über die Front geprägt. Das werden wir weiterentwickeln.
Muss ein Elektro-Mercedes anders aussehen als ein Verbrenner?Elektromobilität ändert am Fahrzeug nicht alles. Die Physik bleibt gleich: Aerodynamik, vier Räder, gleiche Passagieranzahl. Aber es gibt Freiheiten im Packaging. Dadurch kann man die Kabine größer ziehen, mehr Raum auf der gleichen Fläche schaffen. Wichtig ist: Es muss immer unverkennbar Mercedes sein – der Antrieb ist zweitrangig, weil wir Elemente haben, die für beides funktionieren.
Bei EQE und EQS war die stark abfallende Front für manche ungewohnt. Was ist die Quintessenz daraus?Über 140 Jahre Automobilgeschichte haben sich Sehgewohnheiten entwickelt. Man ist gewohnt, Autos in einer bestimmten Architektur zu sehen. In den letzten 15 Jahren hatten wir eine starke Tendenz zu Dynamik und Sportlichkeit – das verändert sich gerade. Sehgewohnheiten nutzen wir, um Wirkung zu erzeugen: Lange Linien wirken elegant, Unterbrechungen dynamisch. Es kommt natürlich immer auf das Fahrzeug an, aber vor allem muss es unverkennbar ein Mercedes sein.
Wie schafft man den Spagat zwischen den deutschen Wurzeln und dem chinesischen Geschmack?Mercedes-Benz ist seit jeher eine globale Marke, und wir befinden uns immer in einem Spannungsfeld. Neben Stuttgart haben wir Design-Studios in Carlsbad(USA), Shanghai(China) und Nizza(Frankreich), um Einflüsse von der ganzen Welt einfließen zu lassen. In der Vergangenheit gab es Antworten über Linien und Ausstattung, heute hilft die Technologie, vor allem im Interieur und beim User Interface. Die Personalisierung ermöglicht es, viel individueller auf Wünsche einzugehen.
Reicht es, sich auf das Auto zu konzentrieren, oder braucht es begleitend auch mehr Markenwelt?Aus meiner Sicht steht das Produkt absolut im Fokus. Das Produkt muss das Beste sein, weil es auf alles andere ausstrahlt. Mercedes-Benz ist eine der bekanntesten Marken – auch durch ikonische Fahrzeuge wie G-Klasse oder SL. Trotzdem ist es heute wichtig, als Marke größer aufzutreten. Rund um Mercedes hat sich eine eigene Kultur entwickelt: Nehmen wir die Begeis- terung auf Social Media. Und es gibt Menschen, die lassen sich sogar den Stern tätowieren. Wichtig ist, dass man dabei authentisch bleibt. Die stärksten Marken wissen, was sie verkörpern, und bleiben glaubwürdig.
Welche Inspirationen nehmen Sie außerhalb des Autos mit?Architekturstudios wie Snøhetta mit einem sehr authentischen, klaren Wertekatalog. Oder Marken wie Hugo Boss, die nicht jedem Trend folgen, sondern klar zeigen, wofür sie stehen.
Viele Kunden wünschen sich, dass sich die einzelnen Mercedes-Modelle wieder stärker voneinander unterscheiden. Ist das auch ein strategisches Ziel?Für Mercedes ist beides wichtig. Jedes Auto muss im Gesamtportfolio funktionieren – Bruno Sacco hat das stark geprägt: Kontinuität, Respekt gegenüber bestehenden Modellen. Gleichzeitig macht es Spaß, die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten: eine A-Klasse oder einen GLA als kompakt und urban, eine S-Klasse als majestätisch, elegant, statusstark. Dieses Spannungsfeld gehört zum Kern der Marke.
Mercedes war immer auch Coupé- und Sportwagenmarke. Wird dieser Teil wieder stärker betont?Wir haben mit unseren Fahrzeugen ganze Generationen beeinflusst. Mercedes-Benz war immer eine Limousinen-Marke, aber auch eine Sportwagen- und Coupé-Marke. Wir waren letztens mit einem SEC von Bruno Sacco unterwegs. Er wird von einer fantastischen Eleganz geprägt, hat aber trotzdem Dynamik. Solche Autos sind Traumautos, sie prägen die Marke.
Die Gestaltung des Interieurs wird zu einem zentralen Verkaufsargument. Wo legt Mercedes hier den Schwerpunkt?Interieur und User Interface sind die großen Innovationsfelder. Technologie, Internet und KI prägen unseren Alltag, und das verändert den Dialog zwischen Kunde und Fahrzeug. Dazu kommt die Weiterentwicklung des automatisierten Fahrens, die die Interaktion mit dem Fahrzeug neu definiert. Dafür werden wir die richtigen Antworten liefern.
Bleibt es bei Screens, die sich über das gesamte Cockpit ziehen?Materialität und Qualität haben unsere Fahrzeuge schon immer ausgezeichnet. Screens machen Sinn, aber auch haptische Elemente. Das Auto ist mehr als ein Bildschirm, mit dem man interagiert. Deshalb müssen Materialität und Haptik erlebbar bleiben – mit Schaltern, Knöpfen und einer sinnvollen Bedienung. Echte Materialien sind ein Kern von Mercedes: Metall, Holz. Gleichzeitig kann man Holz heute mit modernen Technologien neu interpretieren, das ist sehr spannend.
Ein Blick nach vorn: Welche Mercedes-Modelle werden wir in fünf Jahren auf der Straße sehen?Fahrzeuge, die sich stark auf den Kern von Mercedes-Benz berufen: Essenz, Reduktion aufs Wesentliche, Präsenz – inspiriert von der Generation, mit der ich aufgewachsen bin, aber kombiniert mit dem, was die letzten 15 Jahre geprägt hat: Dynamik, Sportlichkeit, ein jüngerer Auftritt. Diese Kombination werden wir konsequent weiterschärfen.
Vita Bastian Baudy
Der 1985 in Worms geborene Chief Design Officer der Mercedes-Benz Group verantwortet seit 1. Februar 2026 das Design aller Marken des Unternehmens. Baudy absolvierte ein Studium des Transportation Designs an der Hochschule Pforzheim, bevor er 2010 bei Mercedes einstieg und 2023 Leiter Design von Mercedes-AMG wurde. Zu seinen Projekten zählte unter anderem das spektakuläre Showcar AMG Vision Gran Turismo von 2013.
