Verbrenner bleiben wohl auch nach 2035 erlaubt
Das EU-Parlament steuert beim Verbrenner-Aus auf eine spürbare Lockerung zu: Statt "Null Emissionen" könnte 2035 ein weniger striktes CO₂-Ziel gelten. Damit wären neue Verbrenner und Hybride grundsätzlich weiter zulassungsfähig – auch wegen grünem Stahl. Für Autokäufer und Hersteller entscheidet sich jetzt, wie hart die Regeln am Ende wirklich werden.
Unterhändler von EVP, S&D und Renew Europe haben sich nach Angaben aus dem EU-Parlament auf einen Kompromiss zur Reform der CO₂-Grenzwerte geeinigt – so berichtet es der Spiegel. Kernelement: Der CO₂-Ausstoß von Neuwagen soll bis 2035 um 87,5 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2021 sinken. Das ist weniger als das bislang angelegte Ziel, ab 2035 im Fahrbetrieb gar keine Treibhausgase mehr zuzulassen.
Mit dem 87,5-Prozent-Ziel bleibt ein Rest an Emissionen im System. Genau dieser Rest öffnet den Weg, dass auch nach 2035 neue Verbrenner- und Hybridautos verkauft werden könnten. Für Hersteller würde damit zugleich das Risiko sinken, wegen verfehlter Flottengrenzwerte in großem Stil Strafzahlungen leisten zu müssen.
Wichtig: Der Deal ist ein parlamentarischer Kompromiss in der "Mitte-Plattform", noch kein verabschiedetes Gesetz. Die drei Fraktionen müssen das Ergebnis zunächst intern bestätigen. Erst danach kann daraus eine belastbare Position für die weiteren Verhandlungen werden.
Warum Verbrenner weiter möglich wären
Das bisherige Regelwerk zielte auf 100 Prozent Minderung der durchschnittlichen CO₂-Emissionen neuer Pkw ab 2035 – faktisch ein Verkaufsstopp für neue Verbrenner. Wird dieser Zielpunkt auf 87,5 Prozent abgesenkt, ist ein vollständiger Umstieg auf batterieelektrische Neuwagen nicht mehr zwingend. Damit verändert sich die Planungssicherheit für Modellprogramme, die auf Hybrid- oder Verbrennertechnik setzen.
Für Käufer bedeutet das vor allem: Die Angebotsseite könnte über 2035 hinaus breiter bleiben, weil nicht nur eine Antriebsart regulatorisch übrig bliebe.
Auch für die Industrie ist der Schritt relevant, weil CO₂-Grenzwerte wie ein Tempolimit für die Flotte wirken: Je strenger die Vorgabe, desto schneller müssen Volumen und Margen in Richtung emissionsarmer Modelle verschoben werden. Eine Lockerung nimmt kurzfristig Druck aus der Transformation. Sie verschiebt aber nicht automatisch die Nachfrage, die stark von Preisen, Ladeinfrastruktur und Betriebskosten abhängt.
Grüner Stahl als Hebel
Parallel sieht der Kompromiss einen zusätzlichen Mechanismus über "grünen Stahl" vor. Den Plänen zufolge sollen die Emissionen um 95 Prozent sinken; wer klimafreundlich produzierten Stahl einsetzt, dürfte um weitere 7,5 Prozentpunkte vom Zielwert abweichen. Das ist wie ein Bonus-System: Materialwahl soll die CO₂-Bilanz der Regulierung spürbar beeinflussen.
Damit wird nicht nur der Auspuff betrachtet, sondern indirekt auch ein Teil der Lieferkette. Politisch ist das ein Versuch, Klimaschutz und Industriepolitik zu verzahnen: Hersteller bekämen einen Anreiz, klimafreundlichere Vorprodukte einzukaufen. Gleichzeitig zeigt der Mechanismus, wie komplex die Reform wird, weil unterschiedliche Stellschrauben – Antrieb und Material – miteinander verrechnet sind. Mercedes verwendet zum Beispiel nach eigenen Angaben seit 2025 grünen Stahl.
So geht es im Parlament weiter
Der Kompromiss ist nach dem aktuellen Stand noch nicht offiziell beschlossen. Zunächst sollen Verkehrsausschuss und Industrieausschuss des EU-Parlaments an diesem Donnerstag über ihre Einschätzung zur Reform abstimmen. Der federführende Umweltausschuss soll Anfang November folgen.
Danach ist das Plenum am Zug: Voraussichtlich im Dezember will das Parlament seine Position festzurren. Erst wenn sowohl Parlament als auch der Rat der EU-Mitgliedstaaten jeweils mehrheitlich eine Linie verabschiedet haben, können die Verhandlungen zwischen den Institutionen in die Schlussphase gehen. Ein finaler Kompromiss wäre dann nach diesem Fahrplan Anfang des kommenden Jahres Thema.
Für den Rat gilt als Hintergrund, dass Deutschland und Frankreich zuletzt eine gemeinsame Position zum Verbrenner-Aus skizziert haben. Dabei stand ebenfalls eine Reduktion der Neuwagen-Emissionen bis 2035 um 90 Prozent im Raum – allerdings ohne den Ausgleich über grünen Stahl.
