Praktisch, sicher und schrecklich ineffizient
Die Adapter sind nur bedingt Spritzwassergeschützt.
Eines der großen Versprechen der E-Autos ist seit jeher das bidirektionale Laden, bei dem der Akku des E-Autos ganze Häuser, Werkzeug oder Campingausrüstung mit Energie versorgen kann. Wie gut die Vehicle2Load-Funktion bei sechs aktuellen E-Autos funktioniert, hat der ADAC nun getestet und ist dabei auf unerwartete Probleme für den Alltagsnutzen gestoßen.
Ein Elektroauto hat einen Akku, der genügend Energie speichert, um ein zwei Tonnen schweres Fahrzeug Hunderte Kilometer weit zu bewegen. Warum soll dieser riesige Akku aber nur das Auto antreiben? Damit das nicht so bleibt, gibt es Vehicle-to-Load, kurz V2L, also die kleinste Ausbaustufe des bidirektionalen Ladens. Statt Strom nur in die Batterie hineinzuladen, stellt das Auto über seine Ladebuchse Strom für externe Geräte bereit. Adapter einstecken und aus dem Elektroauto wird eine riesige Powerbank mit Haushaltssteckdose.
Eine Kühlbox am Badesee. Das E-Bike unterwegs laden. Eine Kaffeemaschine beim Camping. Eine Heckenschere dort betreiben, wo kein Stromanschluss liegt. Genau für solche Anwendungen ist V2L gedacht. Wenn plötzlich 230-Volt-Geräte an einem Auto hängen, stellt sich die Frage. Ist das überhaupt sicher? Der ADAC wollte genau das herausfinden und hat sechs E-Autos untersucht: BMW iX3, BYD Seal, Kia EV5, MG4, Renault 5 und XPeng G9.
So wurden die V2L-Systeme getestet
Dabei haben die Tester nicht einfach nur eine Kaffeemaschine angeschlossen. Im Labor wurden gezielt Situationen provoziert, die auch in der Realität auftreten können. Was passiert bei einer Überlastung? Wie reagiert das Auto auf Geräte mit hohen Einschaltströmen? Und vor allem: Was passiert bei einem Kurzschluss?
Der wichtigste Befund ist erstaunlich unspektakulär: Alle sechs getesteten Fahrzeuge haben beim provozierten Kurzschluss abgeschaltet. Die Autos blieben fahrbereit, sichtbare Schäden an Fahrzeugen oder Adaptern stellte der ADAC nicht fest. Auch bei Überlastung funktionierten die Schutzmechanismen grundsätzlich.
Zu Empfindlich sollten die E-Autos nämlich auch nicht sein und schon beim kleinsten kurzen Leistungssprung abschalten. Denn gerade Elektrowerkzeuge können beim Einschalten kurz deutlich mehr Strom benötigen als im normalen Betrieb. Eine zeitlich begrenzte Überlastfähigkeit kann deshalb sinnvoll sein.
Ebenfalls wichtig zu wissen: Bidirektionales Laden, also auch die V2L-Funktion schadet der Langlebigkeit der Fahrzeugbatterie kaum. Das zeigte bereits eine umfassende Untersuchung der RWTH Aachen.
BMW ist kulanter als andere
Die getesteten Autos gehen mit den Mehrlasten unterschiedlich um. Die maximale Dauerleistung lag zwischen 2,7 Kilowatt beim MG4 und 3,7 Kilowatt beim BMW iX3. Der BMW ließ kurzzeitig sogar vier bis fünf Kilowatt zu, bevor das System nach etwa zehn Minuten abschaltete. Kulanz, die viele Kunden auch von ihrem Autohändler wünschen würden.
Elektrisch funktioniert V2L damit offenbar ziemlich ordentlich. Das Überraschende am ADAC-Test ist deshalb: Die größten Probleme liegen nicht bei der Stromversorgung. Sie beginnen bei der Bedienung. Schon die Adapter unterscheiden sich erheblich. Bei manchen Fahrzeugen genügt Einstecken. Bei anderen muss ein Knopf am Adapter gedrückt werden. Beim MG wird V2L über das Fahrzeugdisplay aktiviert. Beim Renault muss der Knopf am Adapter länger gedrückt werden. Gut erklärt ist das allerdings nicht in allen Fällen, moniert der ADAC.
Fehlermeldungen teils unverständlich und irreführend
Noch problematischer wird es, wenn etwas schiefgeht. Dann bekommt der Nutzer Meldungen wie "Fehler verbundenes Gerät", "Ladefehler, verbundenes Gerät nicht kompatibel" oder bei BYD sogar Hinweise, den Kundenservice zu kontaktieren oder den Onboard-Charger überprüfen zu lassen. Das Auto soll also in die Werkstatt. Interessanterweise wurde beim ADAC-Test nur Originalzubehör der Hersteller verwendet. Bemerkungen über Inkompatibilität sind daher besonders irritierend.
Da die ADAC-Techniker die Fehler selbst erzeugt hatten, wussten sie genau, was passiert war: Überlastung beziehungsweise Kurzschluss. Das Auto hat den Fehler erkannt und wusste es also ebenfalls. Nur dem Fahrer sagt es das nicht verständlich. Kia löst das noch vergleichsweise nachvollziehbar und meldet bei Überlastung "Verbrauch zu hoch". Aber selbst dort erscheint dieselbe Meldung teilweise auch bei einem Kurzschluss. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht.
Renault 5 macht es besonders kompliziert
Beim Renault 5 wird das Kommunikationsproblem besonders deutlich. Nach dem Kurzschlusstest ließ sich V2L nicht einfach durch neues Einstecken wieder aktivieren. Alles kaputt? Nein. Das Auto musste erst in einen Ruhezustand versetzt werden. Das hieß für die ADAC-Tester: Stecker heraus, Fahrzeug verlassen, Schlüssel mehrere Minuten außer Funkreichweite. Das größere Problem: Diese Prozedur stand laut ADAC nicht in der Bedienungsanleitung. Die Tester mussten sie selbst herausfinden.
Wenn ein Auto eine Funktion anbietet, über die ganz normale Haushaltsgeräte betrieben werden sollen, muss der Nutzer verstehen können, was passiert. Eine Meldung wie "Kurzschluss erkannt – angeschlossenes Gerät entfernen und überprüfen" wäre hilfreicher als der Hinweis, die Werkstatt aufzusuchen. Denn wer möchte schon wegen seiner defekten Heckenschere beim Kfz-Meister vorstellig werden, die er angeschlossen hat?
V2L ist meist sehr ineffizient
Es gibt aber einen anderen Punkt, der für die Autofahrer im Alltag wahrscheinlich wichtiger ist als jede Fehlermeldung. V2L verbraucht selbst erstaunlich viel Strom. Der ADAC hat bei fünf der sechs Fahrzeuge einen Eigenverbrauch zwischen 390 und 500 Watt nachgemessen, solange die Funktion aktiv war. Beim BMW konnte dieser Wert nicht bestimmt werden. (Siehe Tabelle)
Das bedeutet: Eine leistungsstarke Kaffeemaschine oder ein Elektrowerkzeug für kurze Zeit zu betreiben, ist energetisch kaum problematisch. Bei sehr kleinen Verbrauchern, die lange laufen sollen, sieht die Rechnung aber anders aus. Der ADAC nennt eine 50-Watt-Kühlbox als Beispiel. Dafür laufen im Hintergrund je nach Fahrzeug mehrere Hundert Watt Technik mit. Das Auto wird damit zwar zur Powerstation – aber zu einer ziemlich verschwenderischen.
Ein Renault 5 mit 40 kWh-Akku (netto) kommt mit seinen 500 Watt Eigenverbrauch für V2L also nach drei Tagen auf rechnerische 10 Prozent SOC – und das lediglich, wenn er vollgeladen war und ohne, das besage Kühlbox beim Camping nur ein zusätzliches Watt benötigt hat. Wäre sie mit 50 Watt Verbrauch durchgehend mitgelaufen, wäre der Akku nach drei Tagen komplett leer.
Ein Outdoor-Feature zu Indoor-Bedingungen
Ein mindestens genauso großes Hemmnis für den Alltagsnutzen geben dann noch die Herstellervorgaben mit. Denn wo ist V2L besonders interessant? Richtig, wenn kein Stromanschluss vorhanden ist – also draußen. Doch laut ADAC untersagen alle sechs Hersteller die Nutzung bei Nässe beziehungsweise Regen – und das, obwohl die Adapter teilweise sogar einen Regenschutz mitbringen. Trotzdem bleibt die Nutzung bei Regen laut Herstellervorgabe tabu. Ob die Geräte dennoch dicht sind, hat der ADAC leider nicht getestet.
