Gleiches Geld für mehr Arbeit ist keine Strategie
Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) fordert, dass die Beschäftigten nicht "die bequemste Antwort auf jedes Problem" sein dürfen. Niedrige Zölle auf chinesische Plug-in-Hybride hält er für unfair.
Der Mercedes-Vorstand hat angekündigt, deutsche Werke zu schließen, wenn die Arbeitskosten nicht sinken. Wie groß sind Ihre Sorgen um den Standort Bremen, an dem die Auslastung immerhin ja bei soliden 80 Prozent liegt?
Ich nehme die Ansage des Vorstands sehr ernst, aber ich sehe Bremen nicht als Wackelkandidaten. Die Auftragsbücher sind voll, wir fahren drei Schichten. Hier wird seit diesem Jahr der elektrische GLC gebaut – eines der wichtigsten Modelle im Konzern und ein Schlüsselfahrzeug für die Zukunft von Mercedes. Bremen hat bewiesen, dass es E-Mobilität in Serie kann. Wer einen solchen Standort infrage stellt, spart am falschen Ende.
Welche Folgen hätte es, wenn das Mercedes-Werk in Bremen schließen würde?Das würde unsere Wirtschaft ins Mark treffen. Mercedes ist mit mehr als 10.000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber der Region, und bei Zulieferern, Logistikern und Dienstleistern hängen noch einmal Tausende Jobs daran. Bremen hat mit Borgward schon einmal erlebt, was es bedeutet, wenn ein Autobauer verschwindet. Das darf sich nicht wiederholen.
Ist eine Abkehr von der 35-Stunden-Woche nicht unumgänglich, um Kosten zu senken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?Ich bestreite nicht, dass Mercedes seine Kosten senken und seine Produktivität steigern muss. Aber gleiches Geld für mehr Arbeit ist noch keine Zukunftsstrategie. Marktanteile in China oder den USA gewinnt man mit starken Autos, schneller Software, Innovationen und effizienter Produktion. Über die Arbeitszeit entscheiden Betriebsrat, IG Metall und Unternehmen, nicht die Politik. Klar ist aber: Die Beschäftigten dürfen nicht die bequemste Antwort auf jedes Problem sein.
Die Autoindustrie ist ein Rückgrat des Industriestandorts Deutschland. Deshalb gehört ihre Zukunft ganz nach oben auf die Agenda – im Kanzleramt genauso wie im Wirtschaftsministerium. Entscheidend sind aber nicht Zuständigkeitsdebatten, sondern Ergebnisse: bezahlbare Energie, Planungssicherheit und eine klare Linie gegenüber unfairer Konkurrenz aus China.
Derzeit fluten chinesische Überkapazitäten den europäischen Markt. Vor allem, weil auf Plug-in-Hybride nicht gleich hohe Einfuhrzölle wie auf rein elektrische Fahrzeuge erhoben werden. Sollte sich hier was ändern?Ja. Es ist schwer nachvollziehbar, dass auf chinesische E-Autos bis zu 45 Prozent Zoll fällig werden, auf Plug-in-Hybride aber nur zehn Prozent. Genau diese Lücke nutzen chinesische Hersteller inzwischen gezielt. Wir haben nichts gegen Wettbewerb, auch nicht aus China. Aber er muss fair sein. Wenn staatliche Subventionen den Markt verzerren, muss Europa seine Industrie wirksam schützen.
In vielen deutschen Städten, darunter auch Bremen, wird das Auto zugunsten von Rad- und Fußverkehr zurückgedrängt (Bsp. aufgesetztes Parken). Gleichzeitig sichert das Auto in Ihrer Stadt Arbeitsplätze. Brauchen wir in Deutschland nicht ein autofreundlicheres Klima?Ich bin kein Autogegner, im Gegenteil. Es wird keine Zukunft ohne Autos geben. Parken auf dem Gehweg ist schlicht verboten, das hat das Bundesverwaltungsgericht klargestellt. Wir setzen das in Bremen mit Augenmaß um, denn eine Stadt muss für Autofahrer genauso funktionieren wie für Menschen mit Kinderwagen oder Rollator. Autofreundlich heißt für mich außerdem: genug Ladesäulen, vernünftige Straßen und sichere Arbeitsplätze in der Automobilindustrie.
Über was freuen Sie sich mehr: Über die hohen Importzahlen chinesischer Autos über Bremerhaven oder über die gute Auslastung des Bremer Mercedes-Werks? Oder über beides?Mein Herz schlägt für den Stern aus unserem Werk in Sebaldsbrück. Bremerhaven ist einer der größten Autohäfen der Welt. Dort werden Fahrzeuge vieler Marken umgeschlagen – darunter sehr viele deutsche Autos für den Export. Davon leben viele Familien, und das ist gut so. Dass inzwischen auch viele chinesische Autos über Bremerhaven kommen, zeigt vor allem, wie hart der Wettbewerb geworden ist. Am liebsten sehe ich an der Kaje aber natürlich Autos, die in Bremen gebaut wurden.
Belasten CO₂-Strafzahlungen die deutsche Autoindustrie nicht zu stark?Klimaschutz und Autoindustrie sind kein Widerspruch. Gerade Bremen zeigt, dass der Umstieg auf E-Mobilität Arbeitsplätze sichern kann. Aber die Regeln müssen ehrgeizig sein und zugleich zur Lage auf dem Markt passen. Deshalb war es richtig, den Herstellern bei den CO₂-Flottenzielen für 2025 bis 2027 mehr Flexibilität zu geben, ohne das Klimaziel aus den Augen zu verlieren. Entscheidend ist jetzt, dass möglichst viel Geld in neue Modelle, Batterietechnik, Software und moderne Werke fließt – und nicht in Strafzahlungen.
