Der Van ist zurück – nur ganz anders
Der Mercedes GLB 250+ EQ verbindet Van-Tugenden mit moderner 800-Volt-Elektrotechnik.
Der Mercedes GLB 250+ EQ übersetzt Van-Tugenden ins Elektro-Zeitalter. 800-Volt-Ladetechnik, Zweiganggetriebe und ein variabler Innenraum sollen Strecke und Familienalltag entspannen. Wie stabil sind Etappen und wie gelassen reist der GLB?
Die SUV haben den Van besiegt, aber keinesfalls beerbt. Sie verdrängten ihn aus dem Straßenbild, ohne seine größte Stärke zu übernehmen. Denn die Variabilität ihrer massigen Karosserien steht meist im krassen Gegensatz zu den selbstbewussten Proportionen – es geht um Inszenierung statt um Raumnutzung. Der Mercedes GLB 250+ EQ gehört zu den Ausnahmen: Er erinnert daran, dass zwischen Raumangebot und Raumkunst ein Unterschied besteht – und dass ein großes Auto nicht nur groß wirken, sondern ebenso Großes bieten sollte.
Mercedes hätte den GLB zu einem elektrischen Crossover unter vielen machen können, entschied sich aber dafür, den Charakter des bisherigen Modells in die 800-Volt-Plattform zu überführen. Denn wesentlich interessanter als die neue Hochvolt-Technik ist die Frage, was sie unverändert lässt. Tatsächlich erkennt man die Prioritäten des Karosseriekonzepts bereits auf den ersten Blick: Während viele SUV ihre Höhe über eine möglichst flach gezogene Dachlinie relativieren, verzichtet der kantige GLB auf die obligatorische Coupé-Geste.
Das wirkt wie ein erfrischend ehrliches Bekenntnis zum Raum. Diese Ehrlichkeit spiegelt sich in den Innenraum hinein. Die serienmäßig verschiebbare Rückbank, die neigungsverstellbaren Lehnen, die zahlreichen Ablagen und der variable Ladeboden folgen keiner Designidee, vielmehr einer Nutzungslogik. Dazu kommt auf Wunsch sogar eine dritte Sitzreihe.
Deren Plätze bleiben zwar Kindern vorbehalten, erweitern die Einsatzmöglichkeiten im Familienalltag aber ganz erheblich. Der GLB wirkt dadurch weniger wie ein SUV im klassischen Sinn, sondern eher wie die Neuinterpretation eines Vans in einer Zeit, die Vans eigentlich nicht mehr vorsieht.
Viel Platz, Frunk als Ladejoker
Weitläufige Fensterflächen schaffen ein angenehm luftiges Raumgefühl und erleichtern zugleich die Übersicht im Alltag. Hinten sitzen selbst groß gewachsene Passagiere vollwertig und bequem – dank reichlich Oberschenkelauflage auch auf langen Strecken –, während das Kofferabteil in der hier getesteten fünfsitzigen Variante das Gepäck der ganzen Familie schluckt. Dass die Elektroversion zusätzlich einen 127 Liter großen Stauraum unter der Fronthaube bietet, ist ein Joker beim Packen.
800-Volt-Technik und Zweiganggetriebe
Gute Voraussetzungen also für die Fahrt in den Urlaub. Gerade bei E-Autos spielt hier allerdings die Reichweite eine mindestens so tragende Rolle wie die Variabilität. Und nicht zu vergessen: das Nachfassen von Elektronen unterwegs. Hierfür setzt Mercedes auf die 800-Volt-Architektur – sie macht aus theoretischer Distanz gelassene Kontinuität: Bis zu 320 kW Ladeleistung versprechen kurze Stopps und eine Form des Reisens, bei der die Frage nach der Stromversorgung nicht zum ständigen Hintergrundrauschen wird.
Zur Langstreckentauglichkeit trägt darüber hinaus das Zweiganggetriebe an der Hinterachse bei. Denn die zweite, längere Übersetzung hält den Motor bei höherem Tempo im effizienten Arbeitsbereich.
Realistische Reiseetappen betragen rund 300 Kilometer, sofern man den auf unseren standardisierten Verbrauchsfahrten ermittelten Testdurchschnitt von 22,9 kWh/100 km sowie das übliche Schnellladefenster zwischen 10 und 80 Prozent SOC zugrunde legt. Für weitere 300 km wäre eine Pause von rund 25 Minuten nötig. Entscheidend ist beim GLB übrigens neben der absoluten Höhe die Stabilität seines Energie-Polsters. Denn anders als bei vielen Konkurrenten fällt die Reichweite bei Tempo-Ausflügen nicht ansatzlos in sich zusammen.
Antrieb gelassen, Federung komfortbetont
Angenehm: Die 200 kW im Heck arbeiten ohne jede Dramaturgie, das maximale Drehmoment steht früh bereit. Kraft ist vorhanden, wird aber nie beifallheischend herausgeschleudert, stattdessen funktional präsentiert. Lediglich beim Wechsel vom ersten in den zweiten Gang tritt der Antrieb für einen kurzen Moment aus dieser Selbstverständlichkeit heraus. Die leichte Verzögerung bleibt der einzige Augenblick, in dem sich die Technik ins Bewusstsein schiebt.
Ähnliches gilt für die Rekuperation: Sie arbeitet im adaptiven Modus nie spektakulär, meist aber vorhersehbar – außer zuweilen beim Anbremsen von Kurven. Das Fahrwerk mit den optionalen Verstelldämpfern wiederum entlastet auf seine Art. Während viele groß bereifte SUV die kleinen Unzulänglichkeiten des Straßenbilds unbeholfen ignorieren, nimmt sich der Testwagen ihrer sogar mit seinen 20-Zöllern gelassen an.
Lange Wellen werden mit einer Ruhe inhaliert, die eher an größere Mercedes-Modelle erinnert als an einen E-SUV dieser Klasse. Es geht dabei weniger um das technische Abarbeiten von Unebenheiten als um ein Stillstellen von Unruhe, das sich hervorragend in den Kontext der effektiven Geräuschdämmung fügt. Ohnehin ist Komfort bei Mercedes mehr als die Fähigkeit, Unebenheiten zu absorbieren – nämlich die Kunst, sie aus der Wahrnehmung herauszulösen. Eine Grund-Gelassenheit prägt neben Komfort und Antrieb auch das Fahrverhalten.
Der GLB nimmt Kurven sauber an, saugt sich in die Spur und zeigt mehr Kontrolle, als seine hochragende Karosserie suggeriert. Erst beim schnellen Ausweichen auf unserer Teststrecke drängt sich der Aufbau ins Bewusstsein, wenn das Fahrwerk pumpend gegenhält, unterstützt von hilfreichen Eingriffen der Assistenzsysteme. Das ESP regelt so zurückhaltend wie wirksam, greift nur dort ein, wo seine Unterstützung tatsächlich Mehrwert schafft.
Ebenso kompetent setzt die Bremsanlage dem Vorwärtsdrang des Antriebs viel Elan entgegen, erreicht ambitionierte Verzögerungswerte. Und selbst das Pedal lässt sich gut dosieren – bislang keine Selbstverständlichkeit bei E-Modellen von Mercedes. Gerade weil sich der GLB bis hierhin kaum Schwächen erlaubt, rückt die Lenkung stärker in den Fokus. Ihre Rückmeldung ist weniger klar gezeichnet, als man es von den Verbrennermodellen der Marke kennt. Vor allem um die Mittellage wirkt sie beinahe zäh, was sich besonders in schnellen Wechselkurven bemerkbar macht.
Eine Eigenart, die sich in der E-Branche festgesetzt hat und sich im GLB wie ein Dämpfungselement in der Direktheit äußert. Sie bleibt die auffälligste dynamische Einschränkung eines ansonsten sehr ausgewogenen Auftritts. Abgesehen davon folgt der Mercedes konsequent seinem Grundcharakter. Details treten zurück, Geschwindigkeit verliert ihren dramatischen Charakter und ordnet sich dem Gesamtbild unter. In der Summe wird das Fahren zu einer Form von Weltwahrnehmung.
Breites Displayband ersetzt das Cockpit
Dieses Erleben setzt sich im Innenraum fort, wo eine zweite Wahrnehmungsebene entstanden ist: eine digitale Oberfläche, die den physischen Raum ergänzt und zugleich neu ordnet. Drei Bildschirme ziehen sich von der linken bis zur rechten Lüftungsdüse durch und ersetzen das klassische Cockpit. Fahrdaten, Navigation, Medien und Einstellmöglichkeiten liegen nicht mehr verteilt im Raum, sondern unter einer gemeinsamen visuellen Glasfläche. Man könnte es auch so formulieren: Die Displays sind das Armaturenbrett.
Sprachbedienung hilft, Materialmix nüchterner
Nun will natürlich jedes Pixel bis in die Randbereiche hinein genutzt werden. Dadurch verschwinden Teile der Informationen des zentralen Displays hinter dem Lenkrad – etwa Inhalte von Apple CarPlay. Die klare digitale Ordnung bekommt dadurch Risse, die erst die Sprachbedienung wieder kittet; sie unterstützt servil und kompetent. An dieser Stelle fällt auf, wie sehr sich die Hierarchie verschoben hat. Einst definierten Material, Haptik und handwerkliche Solidität den ersten Eindruck eines Mercedes. Heute übernimmt die digitale Inszenierung diese Aufgabe.
Die eigentliche Qualität tritt zunehmend in den Hintergrund. Dort, wo der Blick nur selten verweilt – an B-Säule, Lenkstock oder unteren Verkleidungen –, zeigt sich mitunter eine Nüchternheit, die nicht so recht mit den Preisen um 60.000 Euro harmoniert. Bemerkenswert ist andererseits, dass der GLB zumindest im Vergleich zu fernöstlichen Modellen die digitale Bühne relativ zurückhaltend bespielt. Das Infotainment ist Begleiter statt Hauptdarsteller. So richtet sich der Fokus auf einen Innenraum, der zwar beeindrucken, vor allem aber funktionieren soll. Genau darin steckt jener Gedanke, der den klassischen Van einst ausmachte. Entscheidend war weniger seine Form als die Selbstverständlichkeit, mit der sich alles dem Raum und seiner Nutzung unterordnete.
Elektro-SUV mit Van-Idee
Der GLB ist deshalb noch kein Van im klassischen Sinn. Doch er ist mehr als ein reiner Elektro-SUV im üblichen Verständnis. Er verbindet beide Ideen, indem er den elektrischen Antrieb nicht als Anlass für eine Neuerfindung nutzt, sondern als Möglichkeit, eine gute alte Idee weiterzutragen. Ein Versuch, Inhalt in ein Segment zu bringen, das sich viel zu oft über Form und viel zu selten über Funktion definiert.
Genau darin liegt die eigentliche Besonderheit als leise Abweichung vom Markt: Dass sich Mercedes, anders als die meisten Wettbewerber, überhaupt noch für Raum interessiert. Der Van ist zwar verschwunden. Doch seine beste Idee fährt noch immer im GLB mit.
