Blumes Auftritt war Kanzler-würdig
Mit einem bemerkenswerten Auftritt am Vorabend der Pariser Motor Show übernimmt VW-Konzernchef Oliver Blume politische Verantwortung: Er adressierte die Stärke Europas im Angesicht der wachsenden Stärke der chinesischen Konkurrenz. Hoffentlich hat auch Bundeskanzler Friedrich Merz mit seinen Leuten zugehört. Ein Kommentar von Chefredakteurin Birgit Priemer.
Treffpunkt Paris am Vortag des Auto Salons am Palais de Tokyo, einem der wichtigsten Zentren für zeitgenössische Kunst gegenüber dem Eiffelturm. Die ersten Journalisten treffen ein, um sich Volkswagens Strategie zu bezahlbaren Elektro-Kleinwagen anzuhören: Eigentlich sollten VW ID. Polo (siehe Video nach dem dritten Absatz), VW ID. Cross, Cupra Raval und Skoda Epic im Mittelpunkt stehen.
Bezahlbare E-Autos aus Europa für Europa
Die sogenannte Electric Urban Car Family basiert auf einer gemeinsamen Plattform, wird in den zwei europäischen Werken Martorell und Pamplona (Spanien) gebaut und verfügt über 80 Prozent baugleiche Komponenten und Technologien. 150.000 Bestellungen für die vier Zöglinge liegen bereits vor, allein für den ID. Polo sind es rund 40 000. Klingt nach Balsam für die Seele vieler verzweifelter VW-Mitarbeiter, die Angst um ihren Job haben.
In der Lobby, noch vor Start der Veranstaltung: VW-Konzernchef Oliver Blume sitzt allein an einem Eckplatz und unterstreicht die wichtigsten Passagen seiner Rede mit gelbem Textmarker. Eilig hat er es nicht: Freundlich und gelassen beantwortet er in einem nicht vorbereiteten Slot die Fragen der Journalisten. Auf Englisch und Spanisch – Blume ist bilingual unterwegs, er war in seiner langen Karriere ja auch mal im Seat-Management tätig. Von Stress in Wolfsburg mit den Gewerkschaften ist ihm kaum etwas anzumerken.
Auf der Bühne ist er ganz der Profi: Blume adressiert berechtigterweise, dass die Kosten besonders für Energie in Europa zu hoch sind, die Preise an den Ladesäulen ebenfalls. Es brauche Rahmenbedingungen, die die europäische Wertschöpfung honorieren, den Hochlauf der Elektromobilität unterstützen und einen fairen europäischen Wettbewerb ermöglichen – vor allem mit Blick auf die chinesische Konkurrenz. In Europa arbeiten 450.000 Menschen für den VW-Konzern, es wurden über vier Millionen Fahrzeuge verkauft und der Marktanteil war mit 25 Prozent der höchste in der Geschichte des Unternehmens. Keine Frage, trotz der Krise ist VW in Europa eine echte Größe, der man zuhören sollte.
Kluger Schachzug von Blume
Um seinen Appell für eine bessere Wirtschaftspolitik mehr Nachdruck zu verleihen, hat er Sébastien Martin, Frankreichs delegierten Minister für Industrie, eingeladen. Am Ende des langen Tages erwartet ihn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu einem (Arbeits-)Abendessen.
VW zeigt auf dem Pariser Autosalon, dass es doch möglich ist, in Europa elektrisch angetriebene Kleinwagen zu entwickeln und zu produzieren. Dass politisch zu lancieren, ist ein kluger Schachzug von Blume. Das Unternehmen fordert für diese Strategie Supercredits, die auf die CO₂-Bilanz angerechnet werden sollen. Recht hat der VW-Konzernchef! Den klar strukturierten Impuls hätte man sich auch von Kanzler Friedrich Merz gewünscht. Gut, dass zumindest Blume es kann.
