Mercedes ist der E-Call nicht genug
Insassenzahl, Airbagstatus, Batterietemperatur: Mercedes will Rettungskräfte früher über Unfallfahrzeuge informieren. Die Lösung soll Rescue Intelligence heißen und ab 2027 schrittweise starten.
Jedes Jahr rettet der E-Call Menschenleben. Dabei handelt es sich um ein kleines Datenpaket, das das Auto bei einem schweren Unfall automatisch an die Leitstelle schickt und mit den wichtigsten Informationen zum Unfallgeschehen versorgt. Der Umfang dieser Daten ist aber sehr begrenzt: auf exakt 140 Byte. Allein diese ersten Zeilen benötigen schon mehr als doppelt so viel Datenmenge.
Viele Informationen sind das folglich nicht. Verpflichtend werden nur Position, Zeitpunkt, Fahrtrichtung, Fahrzeug-Identifizierungsnummer und die Art des Antriebs beziehungsweise Energiespeichers verschickt. Aber wie viele Menschen sitzen im Unfallauto, welche Airbags haben ausgelöst und wird die Batterie heiß, welchen Status hat das Hochvoltsystem? Solche Informationen sollen Feuerwehrleute künftig schon auf der Anfahrt bekommen. Mercedes hat dafür ein System namens "Rescue Intelligence" vorgestellt. Ab 2027 soll es schrittweise eingeführt werden und verunfallte Fahrzeuge mit Rettungskräften vernetzen.
Mehr Daten können Leben retten
Die Idee: Wer früher weiß, was ihn am Unfallort erwartet, kann den Einsatz gezielter vorbereiten. Abhängig von der technischen Verfügbarkeit und dem jeweiligen Einsatzfall sollen die Helfer unter anderem sehen können, wie viele Insassen im Auto sind, welchen Status Airbags und Sicherheitsgurte haben und welche Türen geöffnet wurden. Bei Elektroautos kommen die Temperatur der Batterie und der Zustand des Hochvoltsystems hinzu.
Gerade diese Daten können für die Vorbereitung wichtig sein. Die Feuerwehr soll sich damit bereits vor dem Eintreffen ein genaueres Bild vom Unfallgeschehen machen und passende Rettungsmittel auswählen können.
Ergänzung zur Rettungskarte
Diese Daten zu erheben und zu übermitteln, ist das eine. Mercedes möchte aber auch bei der Rettungskarte noch einen Schritt weitergehen. Denn die Rettungskarte ist die Lebensversicherung für die Einsatzkräfte – vor allem bei E-Autos. Darin vermerkt sind etwa die Positionen der Airbags, die Führung der Hochvoltleitungen, die Lage der Batterie sowie des Schalters zur Trennung des Hochvoltsystems, mit dem die Helfer das Auto spannungsfrei schalten können.
"Viele Informationen, die es erst einmal zu digitalisieren gilt," erklärt Jochen Feese, Leiter Passive Sicherheit und Unfallforschung bei Mercedes. "Anschließend bauen wir daraus interaktive Rettungskarten, die wir den Einsatzkräften kostenlos zur Verfügung stellen." Vor allem sollen sie ihnen aber einen besseren Überblick bieten, weil die Feuerwehrleute mit einem Klick alle nicht benötigten Infos ausblenden können.
Die Rettungskarte für jeden Unfall
Durch die Digitalisierung sei aber noch viel mehr möglich. Etwa, wenn man die Informationen des erweiterten E-Calls mit der Rettungskarte verknüpft. Daraus entsteht dann für jeden Unfall eine dezidierte digitale Rettungskarte, die an das jeweilige Fahrzeug und seinen Unfall angepasst ist. Durch die Vernetzung des Fahrzeugs können darüber hinaus wichtige Daten live aktualisiert werden, falls sich im weiteren Verlauf doch noch die Temperatur des Hochvoltspeichers ändert, das System einen weiteren Fehler erkennt – oder von Laien oft unterschätzt: Einer der Insassen im Schock nach dem Unfall vom Fahrzeug entfernt.
Denn mit der vollen Ausbaustufe von Rescue Intelligence sehen die Rettungskräfte dann auch, ob nach dem Unfall ein Gurtschloss oder gar die Tür geöffnet wurde und ob sich die Anzahl der Insassen verändert hat. "Mit solchen Informationen können die Einsatzkräfte vor Ort noch schneller und zielsicherer arbeiten," ist Feese überzeugt.
Schrittweiser Serienstart ab 2027
Erstmals gezeigt wurde das System bei einem Crashtest bei Mercedes in Sindelfingen. Dort ließ Mercedes einen CLA Shooting Brake mit elektrifiziertem Verbrennungsmotor in die Fahrerseite eines elektrischen CLA fahren. Beide Autos waren mit 56 km/h unterwegs. Anschließend prüften Feuerwehrleute die Fahrzeuge und kontrollierten unter anderem die Temperaturen.
Rescue Intelligence soll solche Prüfungen vor Ort besser vorbereiten helfen. Der angekündigte Start ab 2027 bedeutet allerdings keine sofortige flächendeckende Verfügbarkeit: Mercedes spricht ausdrücklich von einer Einführung in Schritten. Welche Modelle zuerst dran sind, ist noch offen. Ebenso, ob sich so ein System in der Breite durchsetzt. Denn standardisiert ist das Konzept noch nicht und Mercedes mit seiner Idee noch entsprechend allein unter den Autobauern.
