König Harald V. ist tot: Seine Liebe trotzte allen Widerständen
König Harald V. von Norwegen ist tot. Das norwegische Königshaus verkündete am Freitagmorgen auf seiner offiziellen Webseite den Tod des 89-Jährigen. Mit ihm verabschiedet sich ein Monarch, der sein Volk über Jahrzehnte hinweg vor allem durch seine zurückhaltende Art für sich gewann.
Zurückhaltend, bedächtig, vielleicht auch ein wenig scheu. Mitunter wirkte es, als sei dem feinsinnigen Mann all das Zeremonielle um ihn herum zu wuchtig, zu prunkvoll. Die Galauniform, das höfische Protokoll, der Palast, der Königsthron. Möglicherweise verehrten die Norweger ihren König Harald V. genau deshalb so innig. Er vermittelte ihnen auch ohne große Reden, dass ein Monarch nicht von goldenen Tellern speist. Dass selbst ein König durch dunkle Zeiten gehen muss.
Frühe Jahre im Schatten des Zweiten Weltkriegs
Diese Erfahrung machte er bereits als kleiner Prinz. Harald erblickte 1937 auf Gut Skaugum nahe Oslo das Licht der Welt - als Sohn des damaligen Kronprinzen Olav (1903-1991) und Kronprinzessin Märtha (1901-1954). Zu jener Zeit regierte sein Großvater Haakon VII. (1872-1957) als norwegischer König. Als deutsche Truppen 1940 im Zuge des Zweiten Weltkriegs das Land besetzten, flüchtete Harald gemeinsam mit seinen beiden älteren Schwestern und seiner Mutter zunächst nach Schweden, später in die USA. Dort lebten sie auf Einladung von US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882-1945) unweit von Washington. Erst 1945 kehrte der Prinz aus dem Exil in seine Heimat zurück.
Harald besuchte eine reguläre öffentliche Grundschule, legte in Oslo sein Abitur ab und absolvierte anschließend eine Ausbildung an der norwegischen Militärakademie. Danach zog es ihn zum Studium nach Oxford in England. Als König Haakon VII. 1957 verstarb, wurde Prinz Harald zum Kronprinzen - sein Vater Olav V. hatte den Thron bestiegen.
Der Kronprinz kämpfte um die Liebe seines Lebens
Drei Jahre zuvor hatte den damals 17-Jährigen ein schwerer Verlust erschüttert: Seine innig geliebte Mutter, die vom Volk hochgeschätzte Kronprinzessin Märtha, war mit nur 53 Jahren an Krebs gestorben. Und als sich der hochgewachsene, attraktive Harald einige Jahre später unsterblich verliebte, musste er erkennen, dass das Dasein als Kronprinz keineswegs nur Privilegien mit sich bringt: Der zurückhaltende Harald hatte auf einer privaten Feier die temperamentvolle Unternehmertochter Sonja Haraldsen (89) kennengelernt. Sonja ist keine Adlige, sondern stammt aus bürgerlichen Verhältnissen.
Lange lässt sich die Romanze nicht verbergen, vermutlich will Harald das auch gar nicht. Als Sonja ihn zum Abschlussball der Militärakademie begleitet, entsteht das erste gemeinsame Foto. Das Bild findet seinen Weg in die Presse - und König Olav ist außer sich. Für seinen Sohn hat er längst eine "passende Partie" ins Auge gefasst: Sofia von Griechenland (87) wäre eine standesgemäße Braut gewesen. Doch der sonst so stille Harald widersetzt sich, und Sofia wird später an der Seite von Juan Carlos (88) Königin von Spanien. König Olav fürchtet um den Fortbestand der norwegischen Monarchie, sollte sein Sohn eine Bürgerliche zur Frau nehmen.
Der Kronprinz beugt sich den väterlichen Wünschen nicht. Er will unbedingt die gleichaltrige Sonja heiraten und macht dem Hof sowie der Öffentlichkeit unmissverständlich klar: Sie oder keine! Das Dilemma: Laut norwegischer Verfassung benötigt der Kronprinz für eine Eheschließung die Zustimmung seines königlichen Vaters. Und der verweigert sie.
Dieses Kräftemessen zwischen Vater und Sohn zieht sich über neun Jahre hin. Dann erkennt der König, wie ernst es dem Kronprinzen ist und welche Konsequenzen dieser Konflikt haben könnte. Schließlich lenkt der König ein: Am 29. August 1968 darf Harald seine Sonja endlich im Osloer Dom heiraten.
Zwei Jahre später erwartet das Paar sein erstes Kind. Doch die Vorfreude wird von einem schweren Schicksalsschlag überschattet: Sonjas Schwester Gry stirbt durch Suizid. Der Verlust trifft die Kronprinzessin zutiefst. Nur zwei Monate später erleidet sie eine Fehlgeburt.
1971 kommt schließlich Tochter Prinzessin Märtha Louise (54) zur Welt. Ein Jahr später erleidet Sonja erneut eine Fehlgeburt. Am 20. Juli 1973 folgt dann die Geburt des ersehnten männlichen Thronfolgers: Prinz Haakon (53) kommt als zweites Kind des Paares zur Welt.
Königin Sonja sprach Jahrzehnte später in einer Fernsehdokumentation des norwegischen Rundfunks offen über diese belastende Zeit - um das Tabu rund um Fehlgeburten und Depressionen in Familien zu durchbrechen.
Auch ihre Ehe durchlebte eine tiefe Krise
Man könnte annehmen, dass danach Glück und Harmonie im Haus des Kronprinzen Einzug hielten. Doch offenbar stellten sich Eheprobleme ein, von denen die Öffentlichkeit nichts wusste. Harald nahm seine Rolle als Kronprinz sehr ernst, übernahm zahlreiche Verpflichtungen und war oft wochenlang unterwegs. Seine Frau fühlte sich mit beiden Kindern alleingelassen. Angeblich stand das Paar Anfang der 80er Jahre kurz vor der Trennung, bevor es sich entschloss, eine Eheberatung aufzusuchen.
Harald erklärte später als König: "Wir wirken harmonisch, aber auch bei uns verläuft nicht automatisch alles gut. Selbst in einer Ehe, die auf gegenseitiger Liebe aufbaut, kann es passieren, dass sich Ehepartner gegenseitig verletzen. Man muss verzeihen können. Die Ehe und die Familie waren es mir wert, darum zu kämpfen."
"Alles für Norwegen": Harald besteigt den Thron
1991 übernimmt der Kronprinz nach dem Tod von König Olav V. den norwegischen Thron. Seine Ehefrau wird zu seiner wichtigsten und verlässlichsten Beraterin und Stütze. Er entwickelt sich zu einem ernsthaften, äußerst pflichtbewussten König, der das Motto seines Vaters und Großvaters zu seinem macht: "Alles für Norwegen!" Während seiner Regentschaft muss er bittere Stunden durchleben:
- 2011 ermordet der Terrorist Anders Behring Breivik 77 Menschen, darunter auch den Stiefbruder von König Haralds Schwiegertochter Mette-Marit.
- 2019 stirbt Haralds ehemaliger Schwiegersohn Ari Behn durch Suizid. Der Schriftsteller und Prinzessin Märtha Louise, die Tochter des Königs, hatten 2002 geheiratet. 2016 wurde ihre Trennung bekannt, 2017 folgte die Scheidung. Das Paar hat drei Töchter.
- 2018 wurde bekannt, dass Kronprinzessin Mette-Marit, die Ehefrau von Kronprinz Haakon, zu der der König ein besonders herzliches Verhältnis hat, an einer Lungenfibrose leidet. Sie bekam im Juni 2026 eine Spenderlunge.
- 2026 wurde der königliche Hof durch einen Missbrauchsskandal um Mette-Marits Sohn Marius Borg Høiby (29) erschüttert. Er wurde unter anderem wegen zweier Vergewaltigungen, Misshandlung in einer engen Beziehung und weiterer Delikte schuldig gesprochen. Er hat Berufung eingelegt, rechtskräftig ist das Urteil damit nicht.
All das hat den König offenbar sehr mitgenommen: Er wurde zunehmend ernster. Sein Volk kennt aber auch den gelösten, bisweilen gar ausgelassenen Harald. Wie sein Vater ist er passionierter Segler mit durchaus ehrgeizigen Ambitionen. Er vertritt sein Land bei drei Olympischen Spielen (1964 Tokio, 1968 Mexiko City, 1972 München), wird 1987 mit seiner Jacht "Fram X" Segelweltmeister und holt 2008 mit der Jacht "Sira" erneut den Weltmeistertitel (als Steuermann).
Zunehmende gesundheitliche Probleme in den letzten Jahren
Die letzten Lebensjahre des Königs waren von zahlreichen gesundheitlichen Beschwerden überschattet. Bereits 2003 diagnostizierten die Ärzte bei ihm Blasenkrebs, die darauffolgende Operation verlief erfolgreich. 2005 musste er sich einer Herzklappenoperation unterziehen, 2020 bekam er eine neue Herzklappe. Zudem litt der Monarch an einer hämolytischen Anämie, bei der die roten Blutkörperchen vorzeitig abgebaut werden. Anfang 2024 wurde Harald während eines Malaysia-Aufenthalts wegen einer Infektion ins Krankenhaus gebracht. Aufgrund seiner niedrigen Herzfrequenz erhielt er dort zunächst einen temporären Herzschrittmacher. Nach seiner Rückkehr nach Norwegen wurde ihm ein permanenter Herzschrittmacher implantiert. Zuletzt sorgte eine bakterielle Blutinfektion erneut für große Besorgnis um den König. Am 28. August 2026 um 6:35 Uhr stirbt König Harald V. von Norwegen im Alter von 89 Jahren.