Lennons Käfer, Piëchs Einliterauto, Prototypen
Über 260 Autos lagern im Depot der Autostadt Wolfsburg, darunter geheime Prototypen, ein Käfer aus 50 Jahren Erstbesitz und Piëchs Einliterauto. Wir waren drin.
Wer schon mal einen VW im Werk in Wolfsburg abgeholt hat, kennt die Autostadt: Die zwei Türme mit den Neuwagen, die Marken-Pavillons, das Zeithaus. Volkswagen hat die Autostadt im Jahr 2000 eröffnet, um den Marken des Konzerns eine Plattform und Neuwagenkunden ein Erlebnis zu bieten. In einem Fünf-Sterne-Hotel können Besucher übernachten, in zwei gläsernen Türmen werden die Neuwagen kurz vor der Abholung gestapelt.
Auto-Geschichte im Zeithaus
Zum Gelände gehört ein Automuseum, das kein VW-Museum ist: im Zeithaus zeigen Meilensteine aus Design und Technik die Geschichte des Automobils. Eine kluge Idee, denn das Auto hatte seit dem Benz-Patentmotorwagen schon 59 Jahre Entwicklung hinter sich, als in Wolfsburg am 27. Dezember 1945 offiziell der erste Volkswagen vom Band lief. Der zuständige Major Ivan Hirst hatte dem Werk mit einem Auftrag über 20.000 Limousinen eine neue Perspektive gegeben. Die Produktion lief langsam an und ging vornehmlich an die Militärregierung und Behörden. Privatleute kauften erst nach der Währungsreform 1948 in größerer Stückzahl Käfer.
Jubiläums-Käfer: Der millionste Volkswagen
Der millionste Volkswagen lief 1955 vom Band, er ist golden lackiert, mit Straßsteinen verziert und innen mit rotem Brokat ausgestattet. Dieser Jubiläums-Käfer ist neben Dutzenden weiterer "Typ 1" Teil der Zeithaus-Sammlung.
Das Autostadt-Depot: 260 Autos, nicht nur von VW
Was nicht im Museum zu sehen ist, steht im Depot. Und das ist eine Menge: Über 260 Autos lagern in einer anonymen Industriehalle mit angeschlossener Werkstatt. Weil das Zeithaus die Automobilgeschichte zeigt, gehören nicht nur Autos der Konzernmarken zur Sammlung. Auch die Konkurrenz ist vertreten: Toyota Corolla oder Opel Kadett etwa.
Wir durften uns die Sammlung ansehen. Besucher dürfen sich das Depot bei Führungen ansehen.
Wir gehen durch die Werkstatt rein; hier halten rund ein halbes Dutzend Mechaniker die Autos fit und bereiten sie für Rallyes vor. Regelmäßig schaut der TÜV vorbei und nach der Verkehrssicherheit der angemeldeten Oldtimer. Einige Dutzend Autos aus der Sammlung sind ständig angemeldet, können raus auf die Straße und zum Beispiel an Oldtimer-Rallyes teilnehmen. Für die nicht zugelassenen, aber fahrbereiten Autos liegt eine rote Nummer bereit.
Käfer in zwei Etagen: Prototypen und Sondermodelle
Direkt neben der Werkstatt: Käfer in zwei Etagen und zwei Reihen. Hier kann die ganze Entwicklung des Wolfsburger Krabblers nachvollzogen werden – von Ferdinand Porsches Prototyp aus den 1930-Jahren bis zum Retroauto New Beetle. Volkswagen baute den Käfer fast 60 Jahre lang, mit dem 2003 im mexikanischen Puebla gebauten Última Edición endete nach 21.529.464 Exemplaren die Fertigung.
Die bunten Sondermodelle der 70er – Jeans-Käfer und Gelb-Schwarzer-Renner – wecken Erinnerungen an die Zeit kurz vor dem Golf. Werkscabrios stehen hier neben den exklusiven Sonderkarosserien von Beutler, Rometsch und Wendler.
Käfer von John Lennon und aus Langzeit-Erstbesitz
Oben im Regal: Der weiße Käfer, den John Lennon fuhr und der auf dem Beatles-Album Abbey Road von 1969 zu sehen ist. Diesen Käfer hat Volkswagen bei einer Auktion ersteigert.
Gegenüber: ein grauer VW Standard mit leicht verblichenen DIN-Kennzeichen, mattem Lack und Faltdach. Schonbezüge schützen die Sitze. Von 1956 bis 2006 war dieser VW 1200 im Erstbesitz, ein Filmvorführer aus Rendsburg fuhr ihn. Nach dessen Tod kam der Käfer aus Schleswig-Holstein nach Wolfsburg zurück und gibt heute im Depot der Autostadt den Zeitzeugen.
Läuft und läuft und läuft
Dieses Langzeit-Automobil ist ein Symbol für Nachhaltigkeit und ein Belegexemplar des alten Käfer-Werbespruchs "Er läuft und läuft und läuft". Es gehört viel dazu, 50 Jahre dasselbe Auto zu fahren, zu pflegen und zu warten. Was mag der Besitzer in seinem grauen 30-PS-Käfer gedacht haben, als 1974 der erste Golf kam?
Erinnerungen: Jubiläums-Golf, Pirelli-GTI, Cabrio
Der millionste Golf rollte 31 Monate nach Produktionsbeginn aus dem Werk in Wolfsburg. Das Jubiläumsmodell steht im Depot, es ist ein GL in Anthrazitmetallic. Auch Diesel, GTI und Cabrio stehen hier, ebenso die Nachfolge- und Sondermodelle: Pirelli-GTI, Fire & Ice, Classic Line.
Während Golf und Käfer Autos sind, mit denen viele Menschen Erinnerungen verbinden, weil sie als Kind auf der Rückbank saßen, damit in der Fahrschule oder auf Waldwegen Autofahren lernten oder irgendwann einen besaßen, sind viele Prototypen weitgehend unbekannt.
Prototypen: EA 128 und EA 266
Oder hätten Sie gewusst, dass Volkswagen Mitte der Sechzigerjahre einen Viertürer-Kombi mit Sechszylinder-Heckmotor entwickelt hat?
Der EA 128 mit luftgekühltem Boxermotor war als Oberklasseauto für die USA gedacht, kam dann aber nicht. Warum, das weiß man nicht genau, doch ein möglicher Grund steht direkt daneben: Der Chevrolet Corvair war in den Verdacht geraten "unsafe at any speed" zu sein – Pendelachse und Sechszylinder-Boxermotor im Heck sorgten für ein überraschendes Überforderungsmoment im Grenzbereich.
Turbo-Pionier mit Motor-Problem
Auch der Antrieb machte beim Corvair Probleme: Chevrolet hatte 1962 als erster Hersteller einen Turbomotor in Großserie gebracht. Doch die Technik war nicht ausgereift, Motoren gingen kaputt und nach zwei Jahren beendete General Motors die Produktion des aufgeladenen Sechszylinders.
Turbo-Pioniere II: Saab 99 und Audi Quattro
Saab brachte den Turbobenziner im September 1977 standfest in Großserie und nahm Downsizing vorweg: weniger Hubraum, weniger Zylinder und die gleiche Leistung wie ein Sechszylinder. Frühes Drehmoment ermöglichte souveränes Fahren mit niedriger Drehzahl. Ein metallicgrüner Saab 99 Turbo steht im Depot direkt vor dem weißen Corvair. Audi kombinierte im Quattro, der 1980 während des Genfer Autosalons Premiere hatte, erstmals einen Turbomotor mit Allradantrieb. Ein frühes Modell mit den eckigen Doppelscheinwerfern, dem Interieur in braunem "Zebra-Velours" und den beiden auf dem Mitteltunnel positionierten Zughebeln für die Sperren gehört zur Sammlung, er steht im selben Gang wie Corvair und 99 Turbo.
Ich bin Energiesparer: Piëchs Einliterauto
Die Pioniere sind der Dreiliter-Lupo und das Einliter-Auto: Auf extreme Sparsamkeit getrimmte Diesel fand der damalige VW-Chef Ferdinand Piëch genauso spannend wie 1001 PS starke 16-Zylinder-Motoren. Mit einem Einliter-Prototyp der Konzernforschung fuhr Piëch 2002 zu seiner letzten Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender von Volkswagen nach Hamburg. Auf der 237 Kilometer langen Route verbrauchte die Carbonzigarre 0,89 Liter je 100 Kilometer – das Ziel war erreicht. Für den Antrieb des 290 Kilogramm leichten Autos mit einem Cw-Wert von 0,159 genügte ein Saugdiesel mit 8,5 PS aus einem 300-Kubik-Zylinder.
Rote Fahne für den VW-Chef
Nicht weit entfernt vom Ingenieurs-Kunststück Einliterauto stehen Volkswagen aus Brasilien, Südafrika und China für die Internationalisierung des Konzerns. Piëch-Vorgänger Carl H. Hahn hatte den VW-Konzern mit der Übernahme von Seat und Skoda sowie der Expansion nach China internationaler aufgestellt. Ein Hongqi CA-770, den der damalige Volkswagen-Chef Hahn 1990 von Funktionären des chinesischen VW-Partners bekam, überragt die umstehenden Autos mit seiner gewaltigen Karosserie, die an US-Straßenkreuzer der 50er-Jahre erinnert.
Den Hongqi "Rote Fahne" hatte Mao Zedong entwickeln lassen. FAW fertigte die Repräsentationslimousine in Changchun für hochstehende Persönlichkeiten. Die Technik – V8-Motor, Leiterrahmen – war schlicht und von russischen ZIL und amerikanischen Chrysler abgeschaut. Zwischen 1965 und 1981 entstanden 847 CA-770.
Ein Chinese in Salzgitter
VW baute ab 1985 mit dem Kooperationspartner SAIC den Santana in China und hatte damit großen Erfolg: Bei Behörden und Taxifahrern hatte der China-Passat bis zu 73 Prozent Marktanteil. Bis 2023 produzierte die Shanghai Volkswagen Auto Corp. sechs Millionen Santana. Einer der letzten Santana 3000 steht im Depot, er lief zuletzt im Werksverkehr im Komponentenwerk Salzgitter.
Führungen im Depot der Autostadt
Die Autostadt bietet Führungen im Zeithaus und durch das Depot an. Der Eintritt in die Autostadt kostet pro Person 21 Euro, die Führung 8 Euro. Eine "Entdeckungstour durch das Oldtimer-Depot" gibt es jeden zweiten Dienstag um 11:15 Uhr und um 14:15 Uhr. Die Tour dauert 90 Minuten und kostet inklusive Shuttle von der Autostadt zum Depot und zurück 51 Euro pro Person. Zu jeder Führung dürfen maximal 15 Personen ab 12 Jahren mitkommen. Fotografiert werden darf im Depot nicht.
