Ähnlich brutal? Vielleicht ein F40 zu seiner Zeit!
Ein Achtzylinder-Boxer im Heck eines verlängerten CTR3 – Ruf lässt seinen B8-Prototyp von der Leine. Wir sitzen am Steuer und fahren das Mittelmotor-Coupé mit Biturbo und 1.000 PS in Pfaffenhausen. Wie bändigt man dieses Kraftpaket?
"Du musst unbedingt mal wieder nach Pfaffenhausen kommen, unser Achtzylinder ist fertig!" War klar: Wenn Alois Ruf anruft, dann ruft uns ein Abenteuer ins Allgäu. "Welcher Achtzylinder?" "Der Boxer, den wir schon ein paar Jahre entwickeln. Der läuft jetzt, und es gibt einen ersten Prototyp, du kannst ihn fahren, wenn du mal wieder nach Pfaffenhausen kommst." Okay, Sir, natürlich kommen wir sofort nach Pfaffenhausen, wenn wir diesen sensationellen Motor fahren können. "Wir haben ihn in einen CTR3 eingebaut, den haben wir extra verlängert, weil der Motor ist ja länger als ein Sechszylinder."
Nichts für Anfänger
Der Ruf CTR3 wurde ein paar Dutzend Mal bisher gebaut, ein echter Supersportwagen mit Mittelmotor, eigenem Chassis aus Carbon, Aluminium und Stahl, bis zu 800 PS stark und nur 1.375 Kilogramm schwer. Nichts für Anfänger also, weshalb der Gedanke, da noch zwei Zylinder mehr zu installieren, zwar reizvoll erscheint, aber doch ein wenig Sorgen bereitet. 375 km/h stehen schon für die normalen CTR3 als Höchstgeschwindigkeit in den Büchern. Was wird dann erst der Prototyp laufen?
Gedanken, die sofort verschwinden, als Alois den auffällig folierten Prototyp vorfährt. Tief grummelnd stößt der Achterboxer ungewöhnliche Töne aus, klingt schon fast Richtung W16-Motor von Bugatti. Motorblock, Zylinder und Köpfe werden tatsächlich in Deutschland gegossen. In Kassel drucken Gussspezialisten die Sandkerne und gießen die ziemlich mächtigen Teile. Zwei dicke Turbolader werden dem 4,8-Liter-Motor zusätzliches Leben einhauchen. Wir wollen los, denn inzwischen zieht eine dunkle Gewitterwolke auf, und man möchte doch vermeiden, mit dem gerade frisch folierten Boliden in den Regen zu kommen. Ein wenig Kletterkünste sind schon nötig, um den engen Prototyp zu erobern, aber das Cockpit bringt Autor und Alois großzügig unter.
"Mit dem Getriebe sind wir noch nicht soweit, das darf dich nicht stören", meint der Meister. Und – ratz – grüßen die Zahnräder aus dem Keller, der Ganghebel schraddelt in der Hand, muss mit Nachdruck in den Zweiten gedrückt werden. Eines ist sofort klar: Dieser Ruf ist nichts für Leute, die zucken. Weder am Gas noch an der Lenkung noch am Getriebe darf man zögern. Wie ein nervöses Rennpferd fordert der CTR3 eine entschiedene Hand und der Motor einen klaren Gasbefehl. Für sein frühes Stadium wirkt er schon gut abgestimmt. Zumindest solange die beiden Lader noch nicht auf Drehzahl sind.
Schlangentanz im zweiten Gang
Das ändert sich ziemlich deutlich, wenn die Turbinen zischend hochfahren. Dann wirkt es, als ob zu dem Achtzylinder noch ein 24-Zylinder obendrauf geschaltet würde, das Drehmoment steigt explosionsartig an, und im Zweiten beginnt der Bolide den Schlangentanz aufzuführen. Sprich, die Räder drehen durch, und man schaltet zügig hoch. Fauchend blasen die beiden Wastegates den überschüssigen Ladedruck in die Welt – man ist froh, diesen Überfall einigermaßen überstanden zu haben. Nebeneffekt: Auf dem Digitaltacho steht eine erschreckende Zahl, über die wir den Mantel des Schweigens ausbreiten wollen. Und sie ändert sich noch viel drastischer, wenn wir im vierten Gang nochmal richtig beschleunigen und über die gesamte Drehzahlleiter hinweg bis weit über 7.000 Touren auskosten, was der B8-Motor so kann.
"Tausend", sagt Alois. "Tausend PS und tausend Newtonmeter." Man kann den Herrn Ruf nur bewundern, mit welcher Gelassenheit er unsere doch manchmal stümperhaften Bemühungen hinnimmt, diesem wahnsinnigen Gefährt auf die Schliche zu kommen. Da kratzt es wieder deftig im Getriebe, dort passt die Linie nicht, und hier hätte man mal durchaus einen Gang herunterschalten können, wenn man nicht so ein Hosensch... wäre. Die schwarze Gewitterwolke tut dazu ihr Übriges und entscheidet, sämtliche Wasserdampfvorräte auf einmal in fetten Sturzbächen auf uns abzulassen.
"Ultimativer Kick in den Hintern"
Erstaunlicherweise steckt die Folierung das locker weg, und im Nicht-Laderbereich lässt sich der Biturbo-Boxer durchaus sanft bewegen. Langsam trocknen die Straßen wieder ab, die Sonne kommt heraus, und wir sind allerbestens gelaunt. Alois, weil wir jetzt tolle Bilder machen können, wir, weil wir endlich einmal etwas flotter fahren können und die Angst vor dem Leistungseinsatz der Lust am Gasgeben weicht. Man muss eben schauen, dass die Räder gerade stehen und vor einem ein Kilometer Platz ist. Dann geht das schon. Dann freut man sich über den ultimativen Kick in den Hintern, den wild schreienden Motor im Heck, den guten Geradeauslauf und die direkte Lenkung des Chassis.
Wir biegen wieder auf den Hof der Firma Ruf ein, Tochter Aloisia und Ehefrau Estonia begrüßen uns, und Alois freut sich. Uns fehlen ein wenig die Worte. Klassische Sprachlähmung wegen zu hoher Hirnbeanspruchung. Natürlich überlegt man, Allradantrieb und Doppelkupplung anzubieten. Diese Motorbestie nur auf die Hinterräder loszulassen, ist vielleicht doch etwas riskant. "Wir bauen ein komplett neues Auto um den Motor", freut sich Alois. Wir überlegen, welches Auto ähnlich brutal ging. Vielleicht ein Ferrari F40 zu seiner Zeit. Aber sonst kommt da nichts ran.
Für Boxerfans erschließt Ruf mit diesem Motor eine ganz neue Welt. Wir sind gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt. Der Motor jedenfalls ist einzigartig. Genauso wie sein Erbauer.
