Gute Ansätze, falsche Prioritäten
GAC stellt sich für den Marktstart in Europa auf. Mit dabei: Der kompakte, dennoch geräumige Aion UT, der ab Herbst dem VW ID.3 Konkurrenz machen soll. Fahrbericht des 204-PS-Stromers.
Gestylt in der Modemetropole Mailand, gebaut von Magna in Österreich – ja, der chinesische Autobauer GAC gibt sich mit seinem jüngsten Aion-Modell europanah. Name und Look des 4,27 Meter langen Elektromobils gerieten jedoch ausgesprochen unmondän.
Nun kann man zwar darüber diskutieren, ob einen Fords Fiesta immer gleich in Partystimmung versetzte. Und natürlich haben von vielen VW Passat nur sehr wenige jemals frischen Wind versprüht. Aber sorry, liebe GAC-Strategen, da eröffnet ihr ein Designatelier im Herzen der italienischen Modemetropole, in dem ein Multikulti-Trupp hipper Stylisten in einem Café-Bar-Ambiente exzentrische Entwürfe kreiert und dann kommt ein Auto raus, das – ich zitiere den Allgemein-Eindruck – wie eine Brotbox heißt und aussieht.
Den ID.3 im Visier
Aber was ist der Aion UT überhaupt? Eine berechtigte Frage angesichts des wild wuchernden Dickichts an Modellen. Nun, man kann sagen, er hopst ins Haifischbecken, also in die Klasse der E-Hatchbacks des C-Segments, wo sich neben dem hiesigen Platzhirsch, dem VW ID.3 und seinen Ablegern, auch der BYD Dolphin tummelt.
Aion-Argument Nummer eins: die Raumausnutzung. Mit 2.770 mm Radstand liegt der UT gleichauf mit seinem VW-Konkurrenten, wohnt sich im Fondbereich dementsprechend luftig. Dahinter gibt’s einen 440 Liter umfassenden Kofferraum, der sich per Ladeboden niveauregulieren und bei umgeklappter Rückbank auf 1.600 Liter erweitern lässt.
Recht aufgeräumt wirkt auch das Fahrerlebnis. Die Übersichtlichkeit der Karosserie ist genauso klar wie ihre Linienführung; der weite Radeinschlag lässt einen geringen Wendekreis erwarten; Fahrstufen, Blinker und Wischer werden per Lenkstockhebel bedient, alle anderen Funktionen, sprich Licht, Spiegel, Klimaanlage oder Assistenzsysteme muss man aus den jeweiligen Menüs des Mittendisplays wühlen – ein mühseliges Unterfangen, trotz weithin nachvollziehbarer Struktur. Obacht: Der aktive Spurhalter ist nur im Stand abzustellen, was es zu verinnerlichen gilt, da er sich mit großem Übereifer in die Lenkung einzumischen pflegt.
Von solide bis banal
Von Fremdbestimmung befreit, fährt der UT dann je nach eigenem Anspruch entweder angenehm solide oder aufreizend banal. Laut der Offiziellen wurde die Kinematik für die europäischen Märkte nochmal deutlich nachgestrafft, was insofern sicher kein Fehler beziehungsweise sogar bitternötig war, als die zweistufige Lenkung im Standardprogramm immer noch recht schwammig agiert. Die Sportstellung passt dafür ganz gut zum durchweg gelassenen Fahrwerk, das den rund 1,7 Tonnen schweren Kompakten souverän über die Rumpelpisten rund um Mailand bügelt.
Bis hierhin dürfen die europäischen Standards jedenfalls als erfüllt erachtet werden, zumal auch der Antrieb im Mainstream mitsummt. Der 150-kW-PES-Motor packt sich die Vorderachse mit E-typischer Adhoc-Motivation, zieht den UT Kraft seiner maximal 210 Nm in 7,3 Sekunden auf 100 – oder bis zu 430 Kilometer weit. Im Stadtverkehr soll der netto 60 kWh umfassende Akku sogar über 600 Kilometer möglich machen. Nachgeladen wird mit 11 kW (AC) beziehungsweise maximal 87 kW (DC), wobei die Chinesen nicht müde werden zu betonen, dass der moderate Gleichstromwert von einer hohen Konsistenz geprägt sei: 24 Minuten von 30 auf 80 Prozent – laut Werk.
Bremswerte zum Gruseln
Ein anderes Datum lässt hingegen aufhorchen, oder wohl eher: aufschreien. 44,5 Meter nennt GAC als Bremsweg von 100 auf 0. Ein Wert, der hierzulande schon vor 30 Jahren als unterirdisch abgestempelt galt und mutmaßlich zwei Ursachen hat. Zum einen sind die Bremsscheiben vorne wie hinten unbelüftet, also schon aus Prinzip zum Fading verdammt. Zum anderen muss ihre Wirkung von (serienmäßigen) Allwetterreifen aus dem Hause Chao Yang übertragen werden, die sich im Nieselwetter Norditaliens bereits als Wackelkandidaten hervortaten. Unterm Strich: Ein doppeltes K.O-Kriterium, das weder die gute Qualitätsanmutung noch die komplette Ausstattung relativieren, geschweige denn wettmachen kann.
So kommt der UT in zwei Grundlinien zu uns. Die Premium-Version hat mit (Kunst)lederinterieur, Heizfunktionen für Frontsitze und Lenkrad, LED-Scheinwerfern und Schlüssellos-Zugang bereits eine lange Wunschliste von Haus aus abgehakt, "Luxury" legt der breiten Basis dann noch ein Panoramadach, belüftete Polster und eine elektrische Heckklappe obendrauf.
Bleibt die berühmte Preisfrage, auf die es aber keine akkurate Zahl als Antwort gibt. Denn: Der europäische GAC-Auftritt befindet sich aktuell noch im Aufbau, beginnt in Polen und breitet sich dann über Spanien, Portugal und Finnland bis nach Deutschland aus. Laut Fahrplan startet der Verkauf des UT im dritten Quartal dieses Jahres über eigene Händler-Stützpunkte beziehungsweise Kooperationspartner zu Ab-Preisen in der Gegend von 28.000 Euro. Damit liegt der europäisch inspirierte Chinese bis zu 5000 Euro unterhalb des ID.3, wobei Ausstattung und die achtjährige GAC-Garantie die Schere noch ein gutes Stückchen öffnen. Außerdem lässt das Fünf-Sterne-Rating, das das SUV Aion V voriges Jahr im Euro NCAP eingefahren hat, vermuten, dass GAC zumindest die passive Sicherheit ein Anliegen ist.
