China oder Europa – wer baut den besseren Kombi?
Kleine, schnelle, luxuriöse, hohe Stromer – inzwischen bespielen Chinas Autohersteller fast alle Ligen. Nur bei Großraumwagen und Kombis mit PHEV-Antrieb herrscht aktuell ziemlich Flaute. BYD will das ändern und bringt den Seal 6 DM-i Touring. Und wir checken, ob er zu den echten Kombis zählt.
Passt allesamt auf, Ihr Freunde der klassischen Kombinationskraftwagen: Es wird ernst für den ersten Plug-in-Kombi aus dem Reich der Mitte, genannt Seal 6 DM-i Touring, produziert von BYD und immerhin 212 PS stark, denn es geht ans Vergleichen. Zwar nicht gegen einen Namensvetter aus München, der BMW Dreier ist schlichtweg zu kurz (und teurer) und der 5er Touring zu lang. Aber dafür gegen einen Wagen mit höchster Kombikompetenz: den Skoda Superb – gleichfalls als Plug-in-Hybrid und mit einer Systemleistung von 150 kW ähnlich kräftig aufgestellt. Beide PHEV liegen preislich bei rund 50.000 Euro und setzen auf 1,5 Liter große Vierzylinder, im einen Fall als reiner Sauger und meist als Stromproduzent im Einsatz, im anderen Fall aufgeladen und mit einem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe verbunden.
Platzangebot: Der Skoda bleibt Kombi-König
Die Motoren haben aber noch Sendepause. Erstmal klären wir, wer nun kombitechnisch besser aufgestellt ist. Also ran die Wagen, die elektrischen Klappen surren hoch, und die Datenzettel liegen bereits parat. Schon mal interessant: Der reguläre Kofferraum (bis zum klapprigen, führungsarmen Rollo) des BYD ist mit 500 Litern dem des viel längeren Superb überraschend ebenbürtig (510 Liter).
Wie das? Skodas PHEV-Technik fordert nun mal ihren Raum, und das einst so große Unterbodenfach fällt klein und kaum nutzbar aus. Auf den variablen Ladeboden gilt es zu verzichten, ebenso auf ein Notrad. Tyrefit muss reichen. Kein Vergleich also zu einem Combi ohne iV-Label, der mit 690 Litern enorm viel Gepäck einladen kann. Zudem muss der PHEV mit einem 45 Liter kleinen Tank auskommen (statt 68 Liter).
So erklären sich übrigens auch die vergleichsweise kurze Gesamtreichweite und die Punktedifferenz zum Seal 6. Schon bitter für einen bekanntermaßen großen, hier aber nur durchschnittlichen Kombi. Immerhin kann der Skoda mit 531 Kilo ordentlich zuladen. Beim BYD gerät man mit vier breitschultrigen Leuten schneller ans Limit (411 kg). Ärgerlich für all jene, die ihn – na ja – als Touring nutzen wollen.
Sobald der BYD-Fahrer das Gepäckabteil des Skoda gründlich sichtet, wird er ohnehin vor Neid erblassen. Das Angebot an klettbaren Cargo-Elementen, Gepäcknetzen, Haken plus einer sehr hilfreichen Multifunktionsablage ist so vielfältig, das man selbst erstmal ins Grübeln kommt, was nun wo am besten seine Herberge findet. Und der in Bratislava produzierte PHEV kann sogar noch mehr als der nicht voll ausgestattete Testwagen. Für schlanke 520 Euro bietet Skoda beispielsweise das Familienpaket mit Sonnenrollos, Tablethalter, hinteren Seitenairbags und Schlafkopfstützen an.
Innenraum: Komfort schlägt Ausstattung
Der gut verarbeitete Seal 6 erfüllt mit kleiner Durchlade, Unterbodenfach, Trennnetz und Fernentriegelung zumindest die grundlegendsten Anforderungen an einen Kombi. Das Raumgefühl im Fond ist gleichfalls okay und die mit Kunstleder bezogene, schmucke Bank bequem genug für längere Etappen.
Aber wehe, unsere vier imaginären Mitfahrer werfen einen Blick in den sechs Zentimeter längeren Superb. Denn natürlich ist und bleibt sein Platzangebot üppig, insbesondere der Beinraum hinten beeindruckt. Dazu die gemütlich ausgeformte Stoffbank und eine eigene Klimazone – schon klar: Wer hier einsteigt, steigt nur unwillig in einen anderen Kombi um. Deutlich auch die Unterschiede zwischen den Vordersitzen. Beim Seal mehrt sich ruckzuck die Kritik an den straffen, kaum gepolsterten und kurzen Sitzflächen. Im Superb nimmt man einfach Platz und fühlt sich wohl – mit Standardgestühl; spezielle AGR-Varianten hätte Skoda noch in petto. Interessant bei diesem Testwagen sind die grauen Stoffbezüge auf Sitzen, Armlehnen und Armaturenbrett. Das fühlt sich alles gut an und ist keineswegs Billigware. Es muss also nicht immer teures Leder sein.
Antriebe: Zwei Hybride, zwei Konzepte
Mit diesen Erkenntnissen stromern wir nun los und können sogleich von stark kontrastierenden Antrieben berichten. Nicht abzulesen in den Sprintwerten und Verbräuchen hier links in der Tabelle. Beide PHEV-Kombis beschleunigen flott und sind angemessen sparsam. Gut zu erkennen an den hybridischen Verbräuchen (5,8 l/100 km im Seal, 6,3 l/100 km im Superb) und dem Stromkonsum auf der elektrisch gefahrenen Runde. Hier liegt der etwas spritdurstigere Skoda mit seinem parallelen Hybridkonzept nur 0,2 kWh über dem BYD. Dank seiner größeren Batterie schafft er rund 150 km mit einer Füllung – und lädt mit maximal 40 kW (DC) schneller auf.
Der Seal mit seinem seriellen Triebstrang fordert hier mit 26 kW mehr Geduld und verblüfft mit seiner Strategie, ab einem Füllstand unter etwa 25 Prozent keinen Strom mehr rauszurücken. Sprich: Wer ihn nicht kennt und bei 20 % die EV-Taste in der eleganten Mittelkonsole drückt, fährt trotz des Stroms im Akku nicht elektrisch. Das führt schon mal dazu, dass der Seal insbesondere auf der Autobahn seinen Verbrenner als laut plärrenden Stromproduzenten einsetzt. Sind die Zellen gut gefüllt und dient allein die 300 Nm starke E-Maschine als Antreiber, dann überzeugt der BYD mit einer geschmeidigen Kraftentfaltung.
Der Skoda mit seinem Sechsgang-DSG ist einfacher im Umgang. Seine 85 kW starke E-Maschine hat Leistung genug, um den Combi in der Stadt (oder bis 140 km/h) flott anzutreiben, und der Turbobenziner bietet genug Power (150 PS, 250 Nm) für alle eiligeren Aufgaben. Das Zusammenspiel zwischen den Motoren und dem Doppelkupplungsgetriebe läuft geschmeidig, die Gänge sind per Wippen schnell gewechselt. Auch gut: Ist der Eco-Assistent aktiv, rekuperiert der Superb adaptiv auch ohne Tempomat – per Navidaten, Verkehrszeichenerkennung, Kamera, Radar und Sensoren. Der Seal kann in zwei Stufen Strom einsammeln, allerdings schwach und ohne eine gravierende Spreizung.
Fahrverhalten: Klare Vorteile für den Superb
So weit, so nervig, aber das ist noch längst nicht alles: BYD sollte die Fahrwerks- und Lenkungsabstimmung gründlich überarbeiten. Weich abgestimmt, holpert der Kombi dennoch rüde über Asphaltlöcher und gerät auf kurzwelligen Straßen völlig aus der Fassung. Eine präzise Lenkung könnte helfen, dieser Seal 6 hat sie gewiss nicht.
Weitaus harmonischer fährt der adaptivgedämpfte Skoda. Okay – selbst via Schieberegler auf maximalen Komfort getrimmt, überflauscht er innerstädtisch Fugen und Gullideckel nicht so souverän wie erwartet. Aber er torkelt niemals unbeholfen durch Kurven, sondern bleibt ruhig, hält sorgsam Fahrbahnkontakt und überzeugt mit seiner präzisen und feinfühligen Lenkung.
Sie glauben es nicht? Dann checken Sie mal die Messwerte der Fahrdynamik. Den doppelten Spurwechsel meistert der Skoda mit 133,8 km/h. Der Seal nur mit 121,1 km/h. Noch Fragen? Auch auf der Bremsstrecke gibt der China-Stromer kein gutes Bild ab. 37,0 Meter aus 100 km/h mit kalter Anlage und 38,4 Meter mit warmer Bremse stärken das Vertrauen nicht. Da ist man dankbar, dass BYD die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h limitiert.
Der Superb verzögert vorbildlich und rennt locker über 200 km/h, wobei sein Turbobenziner bei derart hohen Geschwindigkeiten kräftig rackern muss, um die schwere Fuhre in Schwung zu halten. Dennoch: Der Superb ist ein Wagen, der mit seinen hohen Reserven viel Vertrauen weckt, während man im taumeligen Seal immer etwas wachsam sein sollte – selbst wenn der jede kleinste Kopfbewegung gen Touchscreen bimmelig kritisiert. Für den Skoda sprechen zudem die meist hilfreichen und nicht zu grob eingreifenden Fahrerassistenten sowie die Matrix-LED-Scheinwerfer.
Preis allein reicht nicht
So verliert der BYD weiter und weiter Punkte; als Rettung bleibt ihm nur die aggressive Preispolitik eines Konzerns, der mit aller Macht Kundschaft binden möchte. Und ja: So ein Seal 6 DM-i Touring ist günstig. Das Topmodell kommt laut Liste auf 49.990 Euro. Konfiguriert man ihn im Web komplett auf 51.000 Euro durch, gewährt BYD sofort einen Bonus von 16.000 Euro. Da kommt der Skoda-Händler mit seinem 1,5 TSI iV für fast 60.000 Euro schon ins Schwitzen, trotz der zuverlässigen Vorklimatisierung per Akku-Strom, die sich im Auto regeln lässt. Im Seal, der mit seiner teils umständlichen Touch-Bedienung kaum Freude macht, geht das derzeit nur per Smartphone.
Alles in allem verliert der Superb jedoch nur die Kostenwertung – ansonsten weist er den chinesischen Touring überaus energisch in seine Schranken. Der BYD mag ein solider Kombi sein – eine Kaufempfehlung verdient er so nicht.
