Wie geht ein neuer A2 mit Single-Frame?
Massimo Frascella ist seit Juni 2024 Designchef von Audi. Sein erster Entwurf ist der Concept C, der auf der IAA debütierte und die Richtung zeigen soll, in die der Italiener das Design von Audi entwickeln will. auto motor und sport sprach in Ingolstadt mit ihm.
Frascella empfängt in seinem Büro im Audi-Werk. Die Anreise legten die auto-motor-und-sport-Redakteure passenderweise im Land Rover Defender zurück – für dessen Design zeichnete Frascella bei seinem vorigen Arbeitgeber Jaguar Land Rover verantwortlich und freut sich wie über die Begegnung mit einem guten Bekannten. Die Farbe unseres Dauertesters kennt er natürlich beim Namen.
Sie sind seit Juni 2024 Designchef von Audi. Was darf nach den gesammelten Erfahrungen aus Ihrer Sicht unverändert bleiben?Audi war immer eine Marke, die sich sehr auf das Design fokussiert hat. Design ist das Herzstück der Marke und hat auch viel zum Erfolg beigetragen. Als der TT und der A6 in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt kamen, da glich das einer Designrevolution. Die Autos wirkten, als ob sie aus völlig unterschiedlichen Designrichtungen stammen würden. Es ist wichtig zu verstehen, wie individuell Audi damals im Design aufgetreten ist. Sehr einfach in der Formensprache, aber immer auf eine emotionale Art und Weise. Auf diesen Werten wollen wir aufbauen, weil sie Audi zu dem machen, was Audi ist.
Ihre erste öffentliche Fingerübung war die Studie Audi Concept C, die auf der IAA präsentiert wurde. Was wollen Sie damit erreichen?Der Concept C ist viel mehr als eine Studie. Es ist die erste Manifestation einer neuen Designsprache und der Ausblick auf ein neues Modell, das Ende 2027 auf den Markt kommen soll. Außerdem soll es einen neuen Umgang mit unseren Concept-Cars dokumentieren. Sie sind nicht einfach Traumautos. Sie zeigen vielmehr auf, wie wir uns als Marke weiterentwickeln werden. Insofern haben sie viel mit dem zu tun, was später in Serie geht.
Welche Elemente davon werden wir denn später in der Serie wiederentdecken?Es ist schwierig, ein einzelnes Detail zu benennen. Es ist vielmehr die Formensprache, die auf alle Modelle übertragen wird. Sie zeigt das neue Gesicht von Audi mit einem vertikal angeordneten Grill, den alle neuen Modelle tragen werden. Wir haben die einzelnen Elemente so entwickelt, dass sie flexibel einsetzbar sind, sodass sich Modelle im A-Segment von Sportautos oder SUV deutlich unterscheiden – aber durch einen roten Faden miteinander verbunden sind.
Natürlich kann man das Thema aufgreifen und neu gestalten. Als der Singleframe auf den Markt kam, gab es im Design eine Phase mit starker Betonung der horizontalen Linien sowie schlank gestalteten Grillstrukturen und Scheinwerfern. Audi hat damals diese Rolle aufgebrochen und mit dem Singleframe eine sehr imposante Front geschaffen. Mit dem Vertical Frame haben wir diese Form nun weiterentwickelt und die Vertikalität noch stärker betont.
Wir stehen vor einer Zeitenwende. Viele Hersteller wollen künftig im Design von Elektroautos und Modellen mit verbrennungsmotorischem Antrieb keinen Unterschied mehr machen. Wie sehen Sie das?Die grundsätzliche Gestaltungsphilosophie ist die gleiche. Wir haben jetzt eine Design-Guideline geschaffen, der wir folgen wollen. Wir wollen, dass unsere Autos zunächst als Audi identifiziert werden. Aber selbstverständlich braucht jedes Auto seinen eigenen Charakter. Der entsteht durch die Proportionen des Autos, die spezielle Linienführung, das Gesicht und die Augen. All diese Elemente schaffen Unterschiede im Charakter, denn wir wollen keine russischen Puppen. Zunächst muss der Eindruck entstehen, dass es sich um einen Audi handelt, dann soll die Modellreihe erkannt werden.
Wie könnten Sie die Vertikalität eines Singleframe-Grills mit dem Erbe eines A2 kombinieren?Man nähert sich dem Design nicht aus der Retrospektive, das ist keine erfolgreiche Strategie und ist nicht typisch für Audi. Das Erbe kann allenfalls der Beginn der Überlegungen sein, aber keine direkte Inspiration. Das ist der Unterschied. Ich habe bei der Vorstellung des Concept C viele Kommentare gehört, dass die Studie aussehe wie ein TT oder wie der R8. Das ist interessant, aber sie sieht nicht aus wie ein R8. Das Auto sieht aus wie ein Audi. Das ist der Schlüssel zum Erfolg: zu verstehen, was einen Audi zum Audi macht.
Und wie wollen Sie es schaffen, Audi in Sachen Design wieder erfolgreicher zu positionieren als in den letzten Jahren?Wir glauben an das, was wir tun. Es ist wichtig für uns, die Markenstrategie im Auge zu haben. Wir setzen auf Klarheit und Einfachheit, und wir gehen davon aus, dass wir damit bei den Kunden ankommen – nicht nur im Design, sondern in allen Aspekten der Marke.
In China war Audi lange sehr populär, doch das hat sich geändert. Letztes Jahr haben Sie dort die Marke neu positioniert. Reicht das, um in China wieder erfolgreich zu werden?Es ist wichtig, unsere Erfahrungen auf die einzelnen Märkte zuzuschneiden. Es ist also auch wichtig, die Erwartungen in China zu verstehen, also was dort die Kunden wünschen. Auf der anderen Seite muss Audi auch Audi bleiben. Es gibt ja Gründe, warum sich chinesische Kunden für Audi interessieren. Wir bringen unsere progressive Denkweise stärker in den Markt zurück, das kommt auch gut an. Aber wir stehen zu unseren Wurzeln – ob in Deutschland, in Italien, in China oder in den USA.
Der Concept C zeigt viele typische Audi-Elemente. Aber wäre es für Sie auch denkbar, mit der Historie der Quattro-Modelle zu spielen?Es gibt nicht viele Marken, die über ein Erbe verfügen, wie Audi es hat. Deshalb wäre es eine Schande, nicht damit zu arbeiten – besonders in einer Zeit, in der es immer mehr neue Marken gibt. Aber wir orientieren uns nicht an einzelnen Autos aus der Vergangenheit und versuchen nicht, diese in die Zukunft zu übertragen. Wir orientieren uns ganzheitlich an Audi. Es geht nicht um einzelne Design-Features. Es geht um das Design.
Sie sind als Audi-Designchef jetzt auch Teil der VW-Familie. Porsche ist nicht nur Konkurrent, sondern auch eine Art Verwandter, Michael Mauer ist Designchef des Konzerns. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?Wir arbeiten sehr eng zusammen. Wir kommen alle drei Monate zusammen und tauschen uns im Design-Führungskreis aus. Wir teilen unsere Ideen, Verbesserungen und Designentwürfe. Ich glaube, es ist eine Stärke der VW-Gruppe, dass wir so viele unterschiedliche Marken, Persönlichkeiten und Erfahrungen unter einem Dach haben. Wir nutzen Synergien, stellen aber auch die individuellen Ausrichtungen der einzelnen Marken sicher.
Wir fragen unsere Leser jedes Jahr, was ihnen bei der Kaufentscheidung besonders wichtig ist – das Exterieurdesign oder das Interieur. Die Entscheidung liegt bei 51: 49. Was sagt ein Designchef dazu?Das ist eine interessante Frage. Ich wurde als Exterieurdesigner geboren. Ich schaue zunächst immer nach dem ganzen Auto. Als junger Designer habe ich mich ehrlicherweise gar nicht so besonders für das Interieur interessiert – solange es wunderschön aussah. Die Qualität, die Ausführung und die eingesetzten Materialien machen natürlich einen großen Unterschied aus. Die erste Annäherung erfolgt immer über das ganze Auto – wie bei vielem im Leben. Gleichgültig, ob es um Personen oder Objekte geht. Ich würde nicht sagen, dass das Exterieur wichtiger ist. Doch es zieht zunächst einmal an und sorgt dafür, dass sich jemand näher für das Auto interessiert. Aber die Art, wie wir uns in einem Auto fühlen, gibt der ganzen Sache noch eine weitere Dimension.
Wie werden Sie dann das Audi-Interieur der Zukunft gestalten?Die Menschen sollen Technologien im Auto dann nutzen können, wenn sie sie auch wirklich brauchen. Für mich besteht der Fokus nicht darin, die Bildschirme einfach immer nur größer zu machen. In vielen Ländern entwickelt sich das Auto zu einem zweiten Lebensraum – und das müssen wir in unserer Strategie berücksichtigen, ohne einfach das nachzumachen, was andere auch tun.
Zuletzt gab es ein Bild des neuen VW ID.Polo mit Retro-Elementen im Cockpit. Ist das auch ein Weg für Audi, um an den TT zu erinnern?Audi wird in Zukunft nicht mit einem Retro-Design auf den Markt gehen. Man wird vielleicht Nuancen erkennen können. Das ist unsere Philosophie, die wir auch mit dem Concept C dargestellt haben. Diesen Spirit tragen wir auch in die Designsprache des Interieurs hinein.
Massimo Frascella
1971 in der Toskana geboren, startete Frascella seine Laufbahn am Instituto d’Arte Applicata & Design in Turin. Danach arbeitete er im legendären Studio Stile Bertone, das die Designerszene mit seinen Studien und Entwürfen weltweit maßgeblich geprägt hat. Es folgte der Wechsel zu Ford Großbritannien, bevor es Frascella zu Lincoln/Mercury und anschließend zu Kia in die USA zog. 2011 wechselte er zu Jaguar Land Rover, seit Juni 2024 ist er Chief Creative Officer von Audi.
