Zunächst kein Level 3 mehr bei S-Klasse-Facelift
Die facegeliftete Mercedes S-Klasse ist ein hochmodernes Auto. Damit das so bleibt, verliert sie ihre Fähigkeit, teilautonom nach Level 3 zu fahren. Wir erklären die Hintergründe.
Mit der Mercedes S-Klasse bekommt das Flaggschiff der Marke ein Facelift – die neueste, teuerste und beste Technologie integrieren die Stuttgarter meistens zuerst in dieses Modell. Kurz vor der Vorstellung der Facelift-Variante ist jetzt aber durchgesickert, dass die S-Klasse nicht mehr den optionalen Drive Pilot bekommt, der autonomes Fahren nach Level 3 ermöglicht. Dabei war Mercedes der erste Hersteller, der Level-3-Autonomie angeboten hat. Die Technik funktionierte bei der Markteinführung für Geschwindigkeiten bis maximal 60 km/h, war also eher für dichten Verkehr und Staus gedacht, dann ging es hoch auf 95 km/h. Der jetzt erwartete Schritt einer Anhebung der Maximalgeschwindigkeit auf 130 km/h fällt mit dem Entfall des Drive Pilot erstmal aus.
Der fundamentale Unterschied zwischen Level-2- und Level-3-Autonomie ist, dass bei Level 2 der Fahrer die Verantwortung für die Fahrt hat, während sie bei Level 3 auf die Technik übergeht. Während der Fahrer also bei Level 2 permanent die Fahrt überwachen muss, kann es sich bei Level 3 anderen Dingen widmen – beispielsweise einen Film anschauen. Bei unserer Testfahrt in L.A. im September 2023 hat dies gut funktioniert – auch wenn man sich als klassischer Autofahrer erst einmal an die neuen Freiheiten gewöhnen muss. Beim S-Klasse-Facelift setzt Mercedes lieber auf das für dichten Stadtverkehr und Landstraßen optimierte Level 2++, das besonders in China als äußerst zuverlässig und erfolgreich gilt. Die Gründe für die Level-3-Pause sind Kontrolle und Rechenleistung.
Alte Technik am Ende
Mercedes rüstet seine Modelle seit Ende 2025 mit dem neuen MB.OS (Mercedes-Benz Operating System) aus – das Betriebssystem löst das 2018 in der A-Klasse eingeführte MBUX-System (Mercedes-Benz User Experience) ab. Beim MB.OS hat Mercedes die alleinige Kontrolle über sämtliche Domains wie beispielsweise automatisiertes Fahren, Infotainment und Laden. Das kabellos updatebare System ist gleichzeitig die Schnittstelle zum Kunden. Als Hardware-Grundlage dienen neueste Prozessoren von Nvidia. Die bisher für den Drive Pilot nach Level 3 eingesetzte Hardware war an ihrer Leistungsgrenze angekommen – für Geschwindigkeiten von mehr als 95 km/h war einfach nicht genügend Rechenleistung da. Selbst fünf km/h mehr, für die psychologisch wichtige 100-km/h-Grenze, waren mit der alten Hardware nicht drin.
Ein nicht mehr updatebares System wollte Mercedes nicht mehr in die modernisierte S-Klasse einbauen. Das heißt nicht, dass Level 3 nicht wiederkommt – die Technologieführerschaft möchten die Mercedes-Ingenieure auf jeden Fall behalten. Mercedes-Chef Ola Källenius geht davon aus, dass die Technik in zwei bis drei Jahren zurückkehrt, was unternehmensintern als konservative Schätzung gilt. In dem Zuge sickert auch von Insidern durch, dass man bei Mercedes die Einführung von Level-4-Autonomie, also Autonomie auf Robotaxi-Niveau, unabhängig vom Hersteller, vor 2030 als unrealistisch einstuft.
Luxus-Robotaxi für externe Dienste
Thema Robotaxi: Einen eigenen Fahrdienst möchte Mercedes auch künftig nicht anbieten. Aber die eigenen Modelle sollen technisch fit sein, damit sie Anbieter wie Waymo in ihre vollautonome Flotte integrieren können. Auch dafür ist die neue Nvidia-Rechentechnik gedacht. Dass es auch Bedarf an luxuriösen Robotaxis gibt, erfährt Mercedes aktuell aus dem arabischen Raum – von dort gäbe es viele Anfragen.
Ob sich die ohne Level-3-Funktionalität ausgelieferten S-Klassen später updaten lassen, ist noch nicht ganz klar. Mercedes verbaut zwar die leistungsfähigen Nvidia-Prozessoren, setzt beim autonomen Fahren aber auf Lidars als redundante Technik, die auch noch funktioniert, wenn eine von der Sonne geblendete Kamera überfordert ist. Lidars sind aber bei der neuen S-Klasse zunächst nicht mit an Bord – ob diese Hardware-Nachrüstung später möglich sein wird, ist noch nicht entschieden.
