Kann die Elektro-C-Klasse alles ändern?
Performance wie bei AMG, Reichweite wie beim Diesel – doch der Antrieb ist rein elektrisch. Kann die neue C-Klasse für Mercedes alles ändern?
Die sportlichste C-Klasse aller Zeiten – voll fokussiert auf Komfort. Hä? Ja, was denn nun? "Beides", sagt Mercedes und schiebt die elektrische C-Klasse ins Rampenlicht. Das technologische Mittelklasse-Flaggschiff setzt Kurs auf BMWs Neue Klasse und geht damit in rauen Gewässern auf Kundenfang. Ob das gelingt? Werfen wir einen Blick auf die Spezifikationen, Daten und Talente der ersten C-Klasse mit reinem Elektroantrieb.
Das Design (Exterieur)
Natürlich gab es eine gewisse Erwartungshaltung, die sich vom elektrischen GLC ableitet. Also eine Abgrenzung zu den anderen Antriebskonzepten über das großzügig illuminierte Gesicht. Hier übrigens nur echt mit 1.050 Lichtpunkten an der – Zitat – "statusorientierten Front". Doch damit will es Mercedes nicht bewenden lassen und setzt hinten einen drauf. Ein GT-Heck trägt er nun, der Elektro-C. Mit kurzen Überhängen und runden Rückleuchten auf schwarzem Panel.
Wer nun negative Implikationen auf das Platzangebot hinter der Heckklappe fürchtet, darf gleich zweimal aufatmen. Hinten fasst das E-Modell 470 Liter (Verbrenner 455 Liter), im Frunk kommen weitere 101 Liter unter. Oder, wie Mercedes den Raum unter der Fronthaube lebensnäher beschreibt: Eine Getränkekiste mit 0,33er Flaschen. Dennoch: Optisch hat das mit der C-Klasse, wie wir sie kannten, nicht mehr so viel zu tun. Das Elektro-Modell ist mehr abgesenktes SUV-Coupé als Limousine. Dafür kann sie aber auch 1,8 Tonnen ziehen, wenn es sein muss. Mercedes-Chef Ola Källenius nennt das neue Modell bei einem Event in Korea "die praktischste C-Klasse aller Zeiten" und spricht sogar von einem "Raumwunder".
Das Design (Interieur)
Zeitgenössische Marken-Insignien gibt es außen zwar auch – etwa im Form der Lichtsignatur –, doch im Cockpit dürfte sich der geneigte Kunde schnell von der ersten Design-Überraschung erholen. Die breite Display-Front ("Seamless Hyperscreen") spannt sich in inzwischen gewohnter Manier über nahezu die gesamte Innenbreite, die hoch aufragende Mittelkonsole lässt unter sich noch Platz für ein Staufach. Leder, Holz, Ambientelicht – Kunden wählen hier als Dekor von Natur- bis Carbonfaser alles, was der bekannte Katalog hergibt. Neues Muster für die Sportsitze: "Twisted Diamond" mit Rauten-Perforation in Nappaleder Taguabraun.
Der Radstand wächst auf 2,96 Meter und überragt die Verbrenner-C-Klasse damit um satte 97 Millimeter. Dieser Raumgewinn wird – nächste Überraschung – nicht den Fondpassagieren zugeschlagen, sondern die erste Reihe profitiert von mehr Platz am Knie (+12 mm). Was alle Passagiere eint, ist das große Panoramadach über den Köpfen. Je nach Ausstattungsniveau leuchten hier analog zum Ambientelicht noch kleine Sternchen. Das segmentweise Klar- und Opak-Schalten kennen wir schon von CLA, GLC, S-Klasse und Co. Interessant sind die Talente des optionalen Burmester 4D-Soundsystems. Körperschallwandler in den Sitzen sollen die Musik fühlbar machen. Dazu werden schnelle Taktfolgen über die aktive Ambientebeleuchtung dank der optionalen Soundvisualisierung sichtbar. Das verspricht wahre Disko-Gefühle am Steuer. Hoffentlich trotzdem ablenkungsarm genug, um weiterhin dem Straßenverkehr zu folgen.
Die Elektro-Spezifika
Ob die neue Elektro-C-Klasse wirklich das Potenzial hat, Mercedes' Hochvolt-Bestseller zu werden, entscheidet sich auch an der Ladesäule und den Etappen zwischen den Ladevorgängen. 800-Volt-Technologie? Bei der MB.EA-Plattform gesetzt. Das technische Datenblatt ist im Prinzip und wenig überraschend vom neuen GLC EQ übertragbar. So nutzt die C-Klasse den gleichen 94,5-kWh-Akku (netto) mit einer Ladeleistung von bis zu 330 kW und 300 kW Rekuperationsleistung. AC-Laden geht nur optional mit 22 kW, Serie sind 11 kW. Die Dauer für einen DC-Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent SoC gibt der Hersteller mit 22 Minuten an.
Die WLTP-Reichweite soll zwischen 592 und 762 Kilometern liegen, den Verbrauch beziffert Mercedes auf 14,1 bis 18,5 kWh pro 100 Kilometer. Stimmen all diese Werte mit dem Einsatz in der realen Welt überein, so würde ein Trip von Basel bis Barcelona mit nur einem kurzen Ladestopp gelingen. Bei der Allrad-Version kommen zwei permanenterregte Synchronmotoren zum Einsatz (mehr dazu im nächsten Abschnitt). Später sollen noch weitere Varianten mit mehr Reichweite und Heckantrieb folgen.
Antrieb und Fahrwerk
Die meiste Zeit ist eigentlich nur die Maschine an der Hinterachse aktiv. Über die sogenannte Disconnect-Unit koppelt das Auto die vordere Synchronmaschine ab, bis Traktionsbedarf oder erhöhte Leistungsanforderung den Marschbefehl erteilen. Ein weiterer Teil des komplexen Antriebskonstruktes ist das neue Zweigang-Getriebe. Im ersten Gang, mit 11:1 für optimierte Beschleunigung oder hohe Anhängelast übersetzt, erfolgt der Kraftschluss über Klauen, im zweiten Gang – für optimierte Leistungsentfaltung und Effizienz bei hohen Geschwindigkeiten – über Lamellen. Und nur mal zum Vergleich in alter Währung: Für eine C-Klasse, die sich wie das E-Modell im Bereich von 490 PS bewegt, musste man verbrennerseitig schon immer ganz oben ins AMG-Regal greifen.
"Beschleunigung" ist ein gutes Stichwort. In knapp über vier Sekunden erreicht die 360 kW starke C-Klasse Tempo 100. Das ist Sportwagen-Terrain. Kein Wunder, schließlich soll das auch die "sportlichste C-Klasse aller Zeiten sein" – wenngleich nicht darauf verzichtet wird, einen "neuen Maßstab für Premium-Komfort" zu liefern. Wie das sein kann? Mercedes spricht hier vor allem vom Airmatic-Luftfahrwerk, das dank intelligenter Vernetzung mit anderen Cloud-angebundenen Mercedes-Modellen kommuniziert und den Fahrer über das Infotainment etwa vor groben Fahrbahn-Verwerfungen warnt. Dazu kommt die Hinterachslenkung mit einem Einschlagwinkel von 4,5 Grad, die oberhalb von 60 km/h für Stabilität in den Kurven und unterhalb für mehr Wendigkeit durch gegenseitiges Einschlagen sorgt.
Davon abgesehen macht das Luftfahrwerk von Mercedes schon seit Jahren in vielen Modellen einen sehr guten Job. Über die konkrete Abstimmung in der Elektro-C-Klasse können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen. Schließlich ist bei der Applikation immer Fingerspitzengefühl gefragt und die "sportlichste C-Klasse aller Zeiten" ist mit rund 2,5 Tonnen Gewicht im fahrbereiten Zustand gleichzeitig auch die "schwerste C-Klasse aller Zeiten".
Marktstart und Preise
Den Marktstart für die elektrische C-Klasse setzt Mercedes auf den September 2026. Ola Källenius spricht von einem Preisniveau in der Region einer etwa gleich ausgestatteten C-Klasse mit klassischem Antriebskonzept. Bevor man nun den Konfigurator bemüht, empfiehlt sich vielleicht eine einfachere Betrachtung. C-Klasse und GLC trennen im Schnitt rund 4.000 Euro. Nachdem der neue GLC EQ bereits mit 71.000 Euro als 400 4Matic bepreist ist, könnte die elektrische C-Klasse mit dem gleichen Antrieb bei etwa 67.000 Euro starten. Und genau hier wird sich das neue MB.EA-Modell analog zum SUV-Bruder die Frage gefallen lassen müssen, ob nicht die E-Autos der MMA-Plattform (CLA und GLB) das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis mitbringen.
