Raus aus dem Alltag, rein in die Natur: Warum Birding gerade alle begeistert
Fernglas um den Hals und stundenlang nach Vögeln Ausschau halten? Was lange als etwas angestaubtes Altherren-Hobby galt, erlebt unter dem Namen "Birding" ein Revival. Vor allem jüngere Menschen begeistern sich derzeit dafür, Vögel zu entdecken und zu bestimmen. Warum wurde Birding auf einmal zum Trend? Was macht den Reiz des neuen, alten Hobbys aus?
Birding als Entschleunigung
Schneller, besser, produktiver - selbst bei Freizeitaktivitäten geht es oft um Selbstoptimierung und Herausforderung. Birding ist ein Gegenpol dazu: Man verbringt viel Zeit mit Warten und muss den Gedanken, dass alles einen Zweck haben muss, loslassen. Stunden und Tage vergehen ohne spektakuläre Ereignisse und man lernt, sich an kleinen Dingen zu erfreuen: einem Zwitschern oder dem Morgenrot.
Manche Birder nehmen sich sogar ein Jahr Auszeit, nur um Vögel zu beobachten. Sie versuchen dann, innerhalb von einem Kalenderjahr möglichst viele verschiedene Vögel zu entdecken und zu bestimmen. Das sogenannte "Big Year" ist vor allem in den USA beliebt und treibt Vogelliebhaber bisweilen dazu, viel Geld und Zeit in ihr Hobby zu stecken.
Dass Vogelbeobachtung nicht nur draußen in der Natur geht, beweist Selina Veng: Sie verbringt ihr "Big Year" in der Hauptstadt Berlin. Dort möchte sie innerhalb eines Jahres 300 verschiedene Vogelarten ausfindig machen. Ihr 96. Fund war ein Seeadler. Wer sich für die Erlebnisse der leidenschaftlichen Birderin interessiert, kann ihr auf Instagram folgen (@selinasatlas).
Die US-Brüder Owen und Quentin Reiser begleiten in ihrer YouTube-Doku "Listers" Menschen, die für das Hobby Birding fast alles aufgegeben haben: Freundschaften, finanzielle Sicherheit und ihr Zuhause. So weit muss man natürlich nicht gehen. Eigentlich ist die niedrige Einstiegshürde ja gerade das Schöne am Birding: Jeder kann mitmachen und sofort loslegen!
Viel braucht es nicht, um Vögel zu beobachten
Die Ausrüstung, die Sie für das Birding brauchen, ist überschaubar: Mit einem ordentlichen Fernglas, wetterfester Kleidung und einem Bestimmungsbuch oder einer Vogel-App können Sie bereits loslegen. Wer später Gefieder und andere Details aus großer Entfernung erkennen oder festhalten möchte, kann aufrüsten, etwa mit einem Spektiv oder einer Kamera mit Teleobjektiv.
Zwar geht es beim Birding nicht ums Trophäen-Sammeln oder Posen - Social Media spielt aber dennoch eine Rolle für die wachsende Community. Auf Instagram und TikTok tauschen Birder Sichtungen, Fotos, Bestimmungstipps und interessante Spots aus. Unter den Hashtags #birding und #birdwatching finden Einsteiger und Fortgeschrittene Tipps und Inspiration. Die große Online-Community und der Austausch mit Gleichgesinnten macht Birding für viele erst zu dem attraktiven Hobby, das es ist. Konkurrenzgedanken sind der Community relativ fremd. Man freut sich über neue Mitglieder und teilt Spots und Tipps gerne aus.
Mit Apps lässt sich die Frage, um welche Art es sich handelt, heutzutage erstaunlich leicht klären. Während man früher lange in Büchern blättern musste, reicht nun eine kurze Beschreibung, ein Foto oder die Aufnahme des Gesangs zur Bestimmung. Beliebt sind etwa die Apps Merlin Bird ID oder ObsIdentify. Mit etwas Übung werden Sie aber auch immer mehr Arten selbst erkennen.
Das Tolle am Birding ist, dass Sie das Hobby immer und überall ausführen können: im Stadtpark, am Friedhof, vor der eigenen Haustür oder am Balkon. Meist bemerken wir gar nicht, wie viele Arten sich selbst in wenig naturnahen Umgebungen tummeln - Birding öffnet hier die Augen für eine Welt, die sonst kaum beachtet wird und erstaunlich vielfältig ist.
Für eine besonders ergiebige Birding-Runde lohnt es sich, den Wecker etwas früher zu stellen. Zum Sonnenaufgang sind viele Vogelarten besonders aktiv: Sie singen, verteidigen ihre Reviere oder suchen nach Futter. Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle für Anzahl und Aktivität der Vögel: Im Frühjahr sorgt die Brutzeit für viel Betrieb, im Herbst der Vogelzug.
Für spannende Vogelbeobachtungen müssen Sie nicht bis ins nächste Naturschutzgebiet fahren. Schon ein naturnaher Garten kann Amseln, Meisen, Rotkehlchen und viele weitere Arten anlocken. Heimische Sträucher und Wildblumen liefern Nahrung, eine flache Wasserstelle kann zum Trinken und Baden einladen. Nistkästen, Totholz und eine artgerechte Winterfütterung runden das Angebot perfekt ab.
Birding schärft den Blick für Artenschutz
Einmal im Jahr dient das Birding im eigenen Garten sogar einem öffentlichen Zweck: NABU und LBV rufen alljährlich im Mai zur "Stunde der Gartenvögel" auf. Freiwillige zählen dabei eine Stunde lang alle Vögel, die sie auf ihrem Balkon, in ihrem Garten oder im Park beobachten. Die Ergebnisse liefern Forschern wichtige Informationen über Bestandsentwicklungen.
Neben der Schönheit und Vielfalt der Vogelwelt werden Sie beim Birding leider auch negative Veränderungen feststellen: Viele Feld- und Wiesenbrüter stehen in Deutschland zunehmend unter Druck, da sie durch Flächenversiegelung, Insektenschwund, intensive Landwirtschaft und Klimawandel Nahrung und Lebensraum verlieren. Birding kann so ganz nebenbei den Blick für Natur- und Artenschutz schärfen.
Während manche Arten zu kämpfen haben, sind vor allem Großvögel im Vormarsch. Der Bestand des Weißstorchs etwa hat sich seit den 1990er Jahren durch Schutzmaßnahmen kontinuierlich erholt. Sein Anblick und sein Klappern sind inzwischen keine Seltenheit mehr - aber immer noch Grund zur Freude. Auch Kraniche, Uhus, Seeadler und Großtrappen gibt es wieder deutlich mehr.
Ein Wiedehopf mit seiner markanten Federhaube oder ein farbenprächtiger Bienenfresser sorgt selbst bei abgebrühten Birdern für Freudensprünge - natürlich erst dann, wenn die seltene Art wieder weitergezogen ist. Auch Blauracke und Seeadler sind echte Trophäen-Vögel, genauso wie Irrgäste aus Amerika oder Asien. Die Nachricht über solche Sichtungen verbreitet sich rasend schnell auf Social Media.
Hier können Sie besonders viele Vögel beobachten
Für leidenschaftliche Birder kann der Vogelbestand bei der Wahl des Urlaubsortes wichtiger sein als der Strand. Helgoland ist eines der spannendsten Ziele Deutschlands für Vogelliebhaber. Während des Vogelzugs im Frühjahr und Herbst nutzen unzählige Arten die Insel als Rastplatz. Darunter mischen sich auch immer wieder seltene Gäste.
Wer auf dem Festland bleiben möchte, findet vor allem im Norden hervorragende Reviere zum Bird-Spotting. Wattenmeer und Salzwiesen bieten Zug- und Küstenvögeln ein reichhaltiges Buffet und Birdern viel zu entdecken. An den Boddengewässern Mecklenburg-Vorpommerns sammeln sich während des Vogelzugs Zehntausende Kraniche - ebenfalls ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Gute Spots zum Birding gibt es aber auch in der Mitte und im Süden Deutschlands, etwa am Federsee in Baden-Württemberg, am Altmühlsee und Ismaninger Speichersee in Bayern sowie im nördlichen Schwarzwald und in den Allgäuer Alpen. Auch die Rheinauen, die Rhön und der Thüringer Wald bieten beste Voraussetzungen zum Erspähen zahlreicher Arten.
Wenn Sie mehr als nur heimische Arten sehen möchten, finden Sie Ihr Glück vielleicht im rumänischen Donaudelta, im spanischen Doñana-Nationalpark oder im ungarischen Hortobágy. Dort sind unter anderem Pelikane, Flamingos und Kraniche beheimatet. Noch spektakulärer ist das Pantanal in Brasilien: Dort leben über 650 Arten, darunter Exoten wie Hyazinth-Aras und Tukane.
Viele Trends haben negative Folgen für Orte, Natur oder Tierwelt. Das ist beim Birding anders: Die Vögel werden durch das Beobachten normalerweise nicht gestört und das Hobby ist an keinen bestimmten Ort gebunden, der dadurch überrannt wird. Während Menschen Freude ihrem Hobby haben, profitieren Natur und Tiere ebenfalls durch das wachsende Bewusstsein für ihre Bedürfnisse.