Ingo Zamperoni über die USA vor der Fußball-WM: "Sogar die Biermarke, die man trinkt, ist politisch"
Ingo Zamperoni, mit einer Amerikanerin verheiratet und Vater dreier deutsch-amerikanischer Kinder, hat sich auch mit US-Roadtrip-Filmen einen Namen gemacht. "Trump, meine amerikanische Familie und ich" hieß 2020 sein erster "persönlicher" Reportagefilm über den Status quo der USA. Es folgten: "Trump, Biden, meine US-Familie und ich" (2022) und "Wirklich nochmal Trump, Amerika?" (2024). Nun also "Spielfeld der Macht. Die WM in Trumps Amerika". Ab Donnerstag, 4. Juni, ist Zamperonis neuer Film in der ARD-Mediathek verfügbar. Am Montag, 8. Juni, 20.15 Uhr, ist die Doku im Ersten zu sehen. Gemeinsam mit seinem Co-Host, dem Sportjournalisten Philipp Awounou ("Einigkeit und Recht und Vielfalt"), reist Zamperoni durch das gespaltene WM-Gastgeber-Land, um herauszufinden, ob Donald Trump das Mega-Event für seine Zwecke kapern kann.
teleschau: 2022 in Katar sagte man: "Diese WM ist so politisch wie keine zuvor". Was sagen wir denn nun über die WM in den USA, Mexiko und Kanada?
Ingo Zamperoni: Als man diese Weltmeisterschaft 2018 an die drei Länder vergab - vor allem eben an die USA - konnte man sich nicht vorstellen, dass es eine politisch besonders aufgeladene WM werden könnte. Wir erleben ja eine kuriose Situation: Das eine Gastgeberland will ein anderes als 51. Bundesstaat annektieren und droht dem anderen ständig mit militärischen Eingriffen, um Drogenlabore stillzulegen oder gegen Migration vorzugehen. Dazu kommt, dass die USA mit dem Iran ein Land zu Gast haben, mit dem sie sich aktuell im Krieg befinden. All das gab es noch nie - und das ist schon sehr speziell.
teleschau: Haben die drei Ausrichter während des Turniers überhaupt miteinander zu tun?
Zamperoni: Zunächst mal - nicht unbedingt. Man sieht bei den bisherigen Veranstaltungen zum Turnier, dass sich Donald Trump dort wie der alleinige Gastgeber in den Vordergrund drängt. Interessant wird es aber, wenn Länder, die sich im politischen Konflikt befinden, gegeneinander antreten müssen - was ja passieren kann. Bei einem Eishockeyspiel USA gegen Kanada flogen zuletzt die Fäuste. Und ich erinnere mich noch daran, wie 1986 bei der WM in Mexiko nur wenige Jahre nach dem Falkland-Krieg die eben noch Kriegsgegner England und Argentinien gegeneinander spielten. Das ist dann schon mehr als ein normales Fußballspiel.
"Bombeneinschläge mit Football-Hits zusammengeschnitten"
teleschau: Sie sagen im Film, der Sport in den USA würde politisch immer aufgeladener. Woran zeigt sich das?
Zamperoni: Politiker haben Sport immer als Bühne für ihre Agenda benutzt. Auch hier bei uns - denken Sie an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Die Nazis haben sie als große Show der Weltoffenheit inszeniert und was danach passierte, weiß man ja. Doch noch nie hat ein US-Präsident die Sportbühne so intensiv genutzt wie Donald Trump. Er war beim Super Bowl, beim Ryder Cup, bei NASCAR-Rennen, und man sieht ihn immer wieder bei Mixed-Martial-Arts-Kämpfen. Die Amerikaner sind sportverrückt. Jeder interessiert sich dafür, auch Menschen, die selbst überhaupt keinen Sport treiben. Die Erreichbarkeit der Menschen durch Sport ist in den USA so gut wie bei keinem anderen gesellschaftlichen Event. Das weiß Donald Trump und nutzt es.
teleschau: Sonnt sich Trump nur in der Popularität der Events oder nutzt er die Sportbühne für konkrete Politik?
Zamperoni: Er inszeniert sich dort als "strong man", das gefällt seinen Wählern. Deshalb ist er auch gern bei kernigen Sportarten wie Football oder MMA. Als der Iran-Krieg begann, hat er Videos gepostet, in denen Bombeneinschläge mit Football-Hits zusammengeschnitten waren. In den USA ist mittlerweile alles politisch, weil die Gesellschaft in so vielen Fragen entzweit ist. Sogar die Biermarke, die man trinkt, ist politisch. Als der Football-Spieler Colin Kaepernick aus Protest gegen Polizeigewalt gegen Schwarze bei der Nationalhymne kniete, kommentierte das Trump vor der Kamera sinngemäß mit den Worten, man müsse diesen Mistkerl rausschmeißen. Bei Trumps Basis kommt so eine Aktion gut an.
"Ich musste den Wirt überreden, mir einen Fernseher dafür umzuschalten"
teleschau: Sie sagen, sogar die Biermarke sei politisch. Wie meinen Sie das?
Zamperoni: Nehmen Sie "Bud light" etwa, eine Biermarke, die bei vielen Sportveranstaltungen in den USA als Sponsor präsent ist. Die hatten mal eine Trans-Person als Werbeperson eingesetzt, was beim MAGA-Lager nicht gut ankam. Es gab Proteste. Sofort war Biertrinken also politisch. Budweiser hat die Kampagne dann gecancelt. Man merkt an so etwas: Der Riss durch die US-Gesellschaft ist ziemlich groß - wenn selbst die Biermarke politisch ist.
teleschau: Man sagt, der Fußball in den USA sei deutlich am Wachsen. Doch wie groß ist er wirklich? So groß, dass er für Trump tatsächlich eine Bühne ist, die seine Landleute und Wähler betrachten?
Zamperoni: Der "Soccer" ist schon deutlich wichtiger als früher. Ich weiß noch, dass ich bei der vorherigen WM in den USA 1994 vor Ort war. Ich wollte das Viertelfinale Deutschland gegen Bulgarien in einer Sports-Bar schauen und musste den Wirt überreden, mir einen Fernseher dafür umzuschalten. Die hatten es gar nicht auf dem Schirm, dass da eine Fußball-WM gerade in die entscheidende Phase geht. Ich glaube, so etwas könnte heute nicht mehr passieren. Ob Trump die ganz große Bühne bekommt, hängt vor allem mit dem Abschneiden der amerikanischen Mannschaft zusammen. Sollte die weit kommen und begeistern, kann man sicher sein: Trump wird diese Events für sich nutzen.
teleschau: Was hat denn dem Fußball in den USA diesen Schub gebracht?
Zamperoni: Sicher nicht die WM 1994, die hat eher wenig Euphorie ausgelöst. Aber seit einigen Jahren zieht die nationale Fußball-Liga MLS an mit Stars wie Beckham, Messi, Thomas Müller oder Marco Reus. Mit Jürgen Klinsmann, der schon lange in Kalifornien lebt, sind wir mit dem Helikopter über Stadien geflogen. Auch die sind modern und viel attraktiver als die Spielstätten 1994, wo man auch mal ein Baseballstadion kurzfristig für den Fußball umgerüstet hat. Das ist jetzt eine ganz andere Liga.
"Die Amerikaner lieben Geschichten vom Gewinnen und Verlieren"
teleschau: Aber wie die Stimmung vor Ort sein wird, hängt vor allem von den USA ab?
Zamperoni: Natürlich auch von den Anhängern jener Mannschaften, die gerade spielen. In den USA gibt es unzählige "Minorities", zum Beispiel die vielen Latinos. Viele kommen aus fußballverrückten Ländern. Durch die Aufstockung auf 48 Teams sind viel mehr dieser Länder als früher dabei. Man kann sicher sein: Die Fans werden bei diesen Partien einen ziemlichen Alarm machen. Fußball ist den Amerikanern mittlerweile alles andere als fremd. Bei Mädchen und Frauen ist es mit der wichtigste Breitensport. Unglaublich viele Mädchen in den USA kicken. Das hat natürlich mit den großen Erfolgen des US-Frauen-Nationalteams zu tun.
teleschau: Sie sind für den Film durchs Land gereist. Was waren Ihre Eindrücke? Wie geht es den Amerikanern, was treibt sie gerade um?
Zamperoni: Die Stimmung ist nicht gut, denn durch den Iran-Krieg haben die Preise für Energie und Lebensmittel noch mal deutlich zugelegt. Die Inflation bedrückt viele Amerikaner. Andererseits ist dieses Land so robust und weitläufig, dass viele Menschen weitgehend unbehelligt von politischen Themen einfach ihr Ding machen. Viele scheren sich nicht um Politik. Ich habe manchmal den Eindruck, dass einige Dinge hier bei uns in Deutschland heißer gekocht werden als sie drüben gegessen werden. Wir hatten zum Beispiel mit dem Filmteam nirgendwo Einreiseprobleme. Im Gegenteil: Die beiden Einreisen waren diesmal so einfach wie noch nie.
teleschau: Was bedeutet Sport für die Amerikaner?
Zamperoni: Die Amerikaner lieben Geschichten vom Gewinnen und Verlieren. Dafür ist Sport natürlich die perfekte Emotionsmaschine. Deshalb nutzt Trump, der ja sehr geschickt mit Emotionen spielt, diese Bühne auch so intensiv. Andererseits ist Sport auch eines der letzten Lagerfeuer der USA, wo sich Reiche und Arme, Intellektuelle und weniger Gebildete und natürlich Menschen aus allen Regionen des riesigen Landes auf Augenhöhe begegnen. Auch das darf man bei der Beurteilung dieser WM nicht außer Acht lassen. Die Amerikaner sind sehr sportlich im Sinne von Fairness, Aufwand und Belohnung. Da sitzen auch mal politisch Andersdenkende nebeneinander und feuern begeistert dieselbe Mannschaft an. Selbst wenn sie wissen, dass der Nebenmann anders über Politik denkt.
"Meine Frau hat das jeweils auf die Palme gebracht"
teleschau: Wir wissen aus Ihren früheren USA-Reportagen, dass der Riss auch durch die amerikanische Familie Ihrer Frau geht. Wie denkt die mittlerweile über Trump und MAGA?
Zamperoni: Der leibliche Vater meiner Frau ist im letzten Jahr verstorben. Er war überzeugter Republikaner und hat Trump dreimal gewählt, selbst wenn er nicht mit allem einverstanden war, was Trump tat. Meine Frau hat das jeweils auf die Palme gebracht, aber er sagte: Ich wähle die Republikaner und so ist es eben. Der Stiefvater meiner Frau war früher auch mal Republikaner. Trump sieht er aber sehr kritisch und hat sich mittlerweile sehr in Richtung Demokraten orientiert. Er ist der Meinung, dass sich die USA an der Schwelle zur Diktatur befinden.
teleschau: Sind Sie als Journalist während Ihrer Arbeit in den USA behindert worden?
Zamperoni: Nein, aber man merkt es an kleinen Stellschrauben, dass sich etwas verändert. Trump bezeichnet viele Journalisten als Feinde des Volks. Sie werden nicht mehr zu Pressekonferenzen eingeladen, wenn sie noch "Golf von Mexiko" schreiben und so weiter. Andererseits kann man in den USA immer noch überall sagen, was man denkt. Man bemerkt die Veränderung vielleicht auch ein bisschen daran, dass es schwieriger geworden ist, Gesprächspartner für bestimmte politische Themen vor der Kamera zu finden. Früher war das immer sehr viel einfacher als in Deutschland, weil die Amerikaner gern reden und das Fernsehen fest zu ihrer Kultur gehört. Da sind viele ein bisschen vorsichtiger geworden, die vielleicht etwas zu verlieren haben.