Besuch an der Grenzlinie: Merz hofft auf Einheit Koreas
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei einem Besuch der innerkoreanischen Grenze an die deutsche Wiedervereinigung vor 36 Jahren erinnert. "Wollen wir hoffen, dass auch Korea eines Tages die Chance bekommt, die staatliche Einheit zurückzugewinnen", sagte er am Rande der entmilitarisierten Zone nach einem Abstecher an die sogenannte Demarkationslinie zwischen den beiden koreanischen Staaten.
"Man merkt es hier an diesem Platz auch, wie sehr so ein Land an einer Teilung leidet und wie sehr auch der Wunsch besteht, jedenfalls in diesem Teil der koreanischen Halbinsel, wiedervereinigt zu werden." Er sei auch bei seinen Gesprächen in Seoul mehrfach auf die deutschen Erfahrungen mit der Wiedervereinigung angesprochen worden, fügte Merz hinzu.
Entmilitarisierte Zone zwischen beiden Staaten
Die koreanische Halbinsel ist seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) geteilt. Der Nordteil des Landes wird vom autoritären Machthaber Kim Jong Un regiert, der Südteil ist eine Demokratie. Zwischen beiden Ländern teilt eine 248 Kilometer Grenzlinie die koreanische Halbinsel, die sich am 38. Breitengrad entlang zieht. Auf beiden Seiten der Grenze gibt es eine etwa zwei Kilometer breite entmilitarisierte Zone.
Merz besichtigte an der Grenzlinie eine der ikonischen blauen Baracken, durch deren Mitte die Grenze verläuft. Wann immer die Nord- und Südkorea direkte Gespräche miteinander führen, tun sie dies dort. Genau hier haben sich 2018 auch der damalige südkoreanische Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Machthaber Kim die Hand geschüttelt.
Es war das erste Mal, dass ein nordkoreanischer Staatschef südkoreanischen Boden betreten hatte, wenn auch nur ein paar Schritte. Auch Merz übertrat innerhalb der Baracke die Grenze. Nur an dieser Stelle ist das möglich. "Es war sogar so, dass wir praktisch mit den Füßen schon auf dem nordkoreanischen Territorium standen", erzählte er später.
Drei Kanzlerbesuche an der Grenze seit 1990
Es ist nicht selbstverständlich, dass ein deutscher Regierungschef bei einem Besuch Südkoreas an die Grenze fährt. 2023 war Olaf Scholz bei seinem Antrittsbesuch dort. Davor war Helmut Kohl 1993 der letzte Kanzler an der sogenannten Demarkationslinie. Der damalige CDU-Vorsitzende äußerte wenige Jahre nach dem Fall der Mauer die Hoffnung, dass es innerhalb eines Jahrzehnts auch in Korea zu einer Wiedervereinigung Koreas kommen könnte. Daraus wurde nichts.
Seit dem historischen Handschlag 2018 ist die Vision der Wiedervereinigung wieder deutlich unwahrscheinlicher geworden. Kim hat das jahrzehntealte Ziel der staatlichen Einheit auf friedlichem Weg offiziell aufgegeben. Seit 2024 ließ er sämtliche historischen Zug- und Straßenverbindungen zwischen den zwei Staaten sprengen und befestigt die ohnehin hochgerüstete Grenze mit Landminen und Barrikaden. Zuletzt wurden entlang der nordkoreanischen Grenze auch Panzerhaubitzen gesichtet.
Raketentest kurz vor der Ankunft des Kanzlers
Die Spannungen zwischen beiden Staaten sind nach wie vor groß. Kurz vor der Ankunft des Kanzlers feuerte Nordkorea nach Angaben des südkoreanischen Militärs rund zehn ballistische Kurzstreckenraketen in Richtung des Japanischen Meeres.
Während Merz in Seoul an einer Wirtschaftskonferenz teilnahm, kündigte Nordkoreas Machthaber Kim in Pjöngjang nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA an, eine "absolute Überlegenheit" in der Drohnentechnologie anzustreben.
Merz sprach von einer "täglichen Bedrohung" Südkoreas und warf im selben Atemzug China Unterstützung Nordkoreas und Russlands im Krieg gegen die Ukraine vor.
Kim lehnt Gespräche ab
Alle diplomatischen Bemühungen um Entspannung verlaufen derzeit dagegen im Sande. Erst vor einer Woche hatte die südkoreanische Regierung erneut vorgeschlagen, Gespräche mit Nordkorea aufzunehmen. Kim hat dazu bisher aber keine Bereitschaft signalisiert.
Merz versucht den Koreanern trotzdem Mut zu machen. "Korea und Deutschland verbindet die leidvolle Erfahrung der Teilung", schrieb er schon kurz nach seiner Ankunft in Südkorea in das Gästebuch des Präsidenten. "Ich wünsche auch den Menschen in Korea, was wir in Deutschland erleben dürfen: Einheit in Freiheit."
"Die Welt ist eben klein - auch im Krieg"
Der Kanzler machte bei seinem Besuch klar, warum der Konflikt auch Deutschland und Europa betrifft. Nordkorea hat seine militärische Zusammenarbeit mit Russland seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erheblich ausgeweitet. Pjöngjang lieferte große Mengen an Artilleriemunition und Raketen und entsandte nach Schätzungen des südkoreanischen Geheimdienstes rund 15.000 Soldaten zur Unterstützung Moskaus. Im Gegenzug erhält Nordkorea - so wird vermutet - finanzielle Unterstützung, Militärtechnik und Sicherheitsgarantien aus Russland.
"Koreas Sicherheit berührt Europas Sicherheit. Und Europas Sicherheit berührt auch die Sicherheit Koreas", sagte Merz dazu. "Die Welt ist eben klein - auch im Krieg."
Zwei deutsche Soldaten an Grenze stationiert
Weil die Sicherheit Europas und Koreas miteinander verknüpft ist, beteiligen sich inzwischen auch zwei deutsche Offiziere an dem US-geführten United Nations Command (UNC), das den Waffenstillstand auf der koreanischen Halbinsel überwacht. Auch dies zeige, "dass Sicherheit auf der Welt nicht mehr teilbar ist, sondern dass wir sie überall gewährleisten müssen", sagte Merz. Am Abend wollte er nach vier Tagen in Asien und Stationen in drei Ländern nach Berlin zurückfliegen.