Warum die Medizin Frauen immer noch benachteiligt
Eine Patientin kommt mit Nackenschmerzen in die Notaufnahme. Zunächst wird sie orthopädisch behandelt, mit Schmerzgel und Schmerzmitteln. Erst als sich die Beschwerden verschlimmern, stellt sich heraus: Sie hatte einen Herzinfarkt und muss auf die Intensivstation. Solche Fälle stehen exemplarisch für ein Problem, das in der Medizin lange unterschätzt wurde - die Gender Data Gap.
Die Medizinerin und Autorin Sriusdiga Manivannan, auf Social Media bekannt als @medSri, beschreibt genau diese blinden Flecken in ihrem Buch "Die unerforschte Frau" (neva Verlag). Sie zeigt, wie stark Forschung, Diagnostik und medizinisches Wissen bis heute am männlichen Körper als Standard ausgerichtet sind - und welche konkreten Folgen das für Frauen haben kann. Im Interview mit spot on news spricht sie darüber, warum Symptome bei Frauen noch immer zu oft falsch eingeordnet werden, welche strukturellen Ursachen dahinterstehen und was sich ändern muss, damit Frauengesundheit nicht länger ein medizinischer Sonderfall bleibt.
Wenn wir über die Gender Data Gap sprechen: Wo zeigt sich diese Lücke in der Medizin am deutlichsten im echten Leben von Patientinnen?
Sriusdiga Manivannan: Die Gender Data Gap zeigt sich für mich am deutlichsten in den Momenten, in denen Frauen merken: Mein Körper passt nicht in das Raster, nach dem Medizin lange gedacht wurde. Das betrifft Diagnosen, Medikamente, Forschung und auch die Art, wie Beschwerden bewertet werden. Beim Herzinfarkt zum Beispiel denken viele sofort an den Mann mit starkem Druck auf der Brust. Frauen können natürlich auch Brustschmerzen haben, aber Beschwerden können zusätzlich oder viel unspezifischer auftreten: Nacken-, Rücken-, Kiefer- oder Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Luftnot, kalter Schweiß oder extreme Erschöpfung.
Ich habe selbst in der Notaufnahme eine Patientin erlebt, die vor allem mit Nackenschmerzen kam. Sie wurde zunächst orthopädisch behandelt, mit Schmerzgel und Schmerzmitteln. Als es schlimmer wurde, kam sie zu uns. Am Ende war es ein Herzinfarkt, und sie kam auf die Intensivstation. Das zeigt sehr konkret: Wenn wir Symptome bei Frauen falsch einordnen, verlieren wir kostbare Zeit.
Auch bei Medikamenten sieht man diese Lücke. Ein Beispiel ist Zolpidem, ein Schlafmittel. Auffällig wurde es, weil Frauen am nächsten Morgen häufiger noch beeinträchtigt waren und es dadurch mehr Risiken im Straßenverkehr gab. Der Grund: Frauen bauen Zolpidem im Durchschnitt langsamer ab, sodass morgens noch mehr Wirkstoff im Blut ist. Deshalb wurde die empfohlene Dosis für Frauen gesenkt.
Für mich zeigt das: Die Gender Data Gap ist keine abstrakte Forschungslücke. Sie kann bedeuten, dass Diagnosen später gestellt werden, Medikamente anders wirken und Frauen ihrem eigenen Körper irgendwann weniger vertrauen.
Welche gesundheitlichen Probleme werden bei Frauen bis heute besonders häufig zu spät oder falsch erkannt und warum?
Manivannan: Besonders häufig betrifft das Erkrankungen, die bei Frauen anders aussehen oder lange als "normal weiblich" abgetan wurden.
Dazu gehören Endometriose, starke Regelschmerzen, PCOS, Autoimmunerkrankungen, Schilddrüsenprobleme, Migräne, ADHS, Wechseljahresbeschwerden, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Das Problem ist nicht, dass Frauenkörper komplizierter sind, sondern dass sie zu lange nicht ausreichend erforscht wurden. Viele Symptome wurden nicht ernst genommen und mit Stress, Psyche, Hormonen oder "das ist halt so bei Frauen" erklärt.
Gerade bei Schmerzen wird das deutlich: Mädchen und Frauen hören bei starken Regelschmerzen oft jahrelang, das sei normal. Dabei können solche Schmerzen ein Hinweis auf Erkrankungen wie Endometriose sein.
Der Schaden entsteht nicht nur durch die Erkrankung selbst, sondern durch die verlorene Zeit bis zur richtigen Diagnose.
Warum neigt die Medizin dazu, weibliche Symptome schneller als "unspezifisch" oder "psychosomatisch" abzutun?
Manivannan: Ich glaube, das passiert, weil Medizin lange am männlichen Körper als Standard gelernt wurde. Was davon abweicht, wirkt schneller unspezifisch oder wird als Stress oder psychosomatisch eingeordnet.
Dazu kommt fehlende Forschung: Wir wissen über viele weibliche Schmerzverläufe oder hormonelle Zusammenhänge noch zu wenig. Statt "Wir wissen es noch nicht genau" heißt es dann oft: "Das ist wahrscheinlich psychisch."
Ich finde, wir müssen Medizinerinnen und Medizinern auch erlauben, nicht sofort alles zu wissen. Dieses ehrliche "Ich weiß es noch nicht, aber wir suchen weiter" nimmt Druck von beiden Seiten und ist für Patientinnen viel besser als eine schnelle falsche Sicherheit. Psychosomatik ist real, aber sie darf kein Abstellraum für ungelöste Medizin sein.
Ist das eher ein Problem der Forschung, der Ausbildung oder der klinischen Praxis - oder alles zusammen?
Manivannan: Es ist leider alles zusammen. Es beginnt in der Forschung: Wenn Frauen, Hormone, Zyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahre nicht ausreichend untersucht werden, fehlen Daten und damit Leitlinien.
Dann die Ausbildung: Wenn vor allem der männliche Durchschnittskörper gelehrt wird, prägt das den Blick.
Und in der Praxis treffen diese Lücken auf Zeitdruck und komplexe Beschwerden. Dann wird schnell aus Unsicherheit: "Das ist wahrscheinlich Stress." Die Gender Data Gap ist kein einzelner Fehler, sondern ein Muster.
Wie können sich Frauen konkret mehr Gehör verschaffen?
Manivannan: Der erste Schritt ist: sich selbst ernst nehmen. Viele Frauen spielen Beschwerden herunter: Nackenschmerzen sind Verspannung, Übelkeit ist etwas Falsches gegessen, Erschöpfung ist zu viel gemacht.
Nicht jeder Schmerz ist ernst, aber oft merkt man, wenn etwas anders ist als sonst.
Dann hilft es, das klar zu benennen: "Das fühlt sich anders an als sonst", "Ich kenne meinen Körper, das ist neu", "Bitte klären Sie das ab" oder "Bitte auch Herz-Kreislauf-Ursachen prüfen."
Wichtig ist auch, Beschwerden zu dokumentieren: Wann treten sie auf, wie stark sind sie, was verändert sich im Zyklus oder Alltag. Wenn Frauen sich selbst ernst nehmen, steigt die Chance, dass andere es auch tun. Medizin verändert sich auch durch Patientinnen, die sagen: "Das ist nicht normal für mich."
Sie erreichen über Social Media sehr viele Menschen. Was kann diese Form der Aufklärung leisten, was das klassische Gesundheitssystem bisher nicht schafft?
Manivannan: Social Media ersetzt keine Medizin, aber es kann eine Lücke schließen: zwischen "Ich habe Beschwerden" und "Ich werde verstanden". Es gibt Menschen Sprache für ihren Körper, nimmt Scham und hilft, im Gesundheitssystem besser für sich einzustehen. Oft beginnt Veränderung genau dort: mit dem Satz "Du bildest dir das nicht ein."
Warum ist Wissen über den weiblichen Körper immer noch so ungleich verteilt?
Manivannan: Weil viele Themen lange tabuisiert waren: Periode, Zyklus, Schmerzen, Lust, Wechseljahre oder Geburt. Was als peinlich gilt, wird weniger erforscht und gelehrt. Dazu kommt: Medizin wurde lange von Männern geprägt, Studien wurden häufiger an männlichen Körpern gemacht, und auch in der Ausbildung war er der Standard. Dadurch fehlt bis heute oft eine gute Sprache für weibliche Anatomie und Beschwerden.
Welche medizinischen Mythen über Frauen halten sich besonders hartnäckig?
Manivannan: Ein großer Mythos ist, dass starke Regelschmerzen normal seien. Sie können aber ein Hinweis auf Erkrankungen wie Endometriose sein. Auch der Mythos, Frauen seien emotionaler oder empfindlicher, hält sich hartnäckig - dadurch werden Symptome schneller psychologisiert.
Ebenso falsch ist die Vorstellung, der Zyklus müsse immer 28 Tage dauern. Viele Abweichungen sind völlig normal. Und: Männer und Frauen verarbeiten Medikamente nicht immer gleich - Hormone, Stoffwechsel und Körperzusammensetzung spielen eine Rolle.
Was müsste sich konkret ändern, damit Frauengesundheit endlich genauso ernst genommen wird wie Männergesundheit?
Manivannan: Wir müssen den weiblichen Körper mit derselben wissenschaftlichen Neugier erforschen wie den männlichen. Erstens: mehr geschlechtersensible Forschung und Auswertung. Zweitens: Der weibliche Körper muss in der Ausbildung als Grundlagenwissen verankert sein.
Drittens: ganzheitlicher denken - nicht nur Gynäkologie, sondern der ganze Körper. Viertens: mehr Zeit in der Praxis, um komplexe Beschwerden zu verstehen. Und fünftens: Patientinnen ernst nehmen, wenn sie sagen: "Das ist nicht normal für mich." Frauengesundheit darf kein Sonderkapitel mehr sein, sondern muss medizinische Normalität werden.