Plastischer Chirurg verrät: Das macht einen Menschen attraktiv
"Vieles, was wir morgens vor dem Spiegel tun, ohne nachzudenken" macht attraktiv, erklärt Dr. Stéphane Stahl. Er ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Attraktivitätsforscher und Autor von "Wunderschön - Warum wir dem Bann des Äußeren nicht entkommen". Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät er, wie Schönheit jeden unbewusst beeinflusst.
Herr Dr. Stahl, Sie schreiben in "Wunderschön", dass Attraktivität unseren Alltag viel stärker beeinflusst, als den meisten bewusst ist. Was war für Sie der Auslöser, dieses Buch zu verfassen?
Dr. Stéphane Stahl: Ein Widerspruch. Es gibt sehr viele Mythen über Schönheit. Und ebenso viele wissenschaftliche Fakten, die ihnen widersprechen. Dieser Gegensatz hat mich gepackt. Ich wollte ein Buch schreiben, das den Menschen hilft. Es soll zeigen, was Schönheit ist, wie sie wirkt und welche Mechanismen dahinterstecken.
Viele Menschen würden sagen: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters." Sie widersprechen dem teilweise. Warum?
Stahl: Unsere Wahrnehmung ist oft erstaunlich ähnlich. Sonst könnten wir rosa Elefanten oder weiße Mäuse sehen, die andere nicht sehen. Was wir schön finden, ähnelt sich über viele Kulturen und Zeiten hinweg. Sogar Neugeborene reagieren schon darauf. Sie schauen länger auf Gesichter, die wir attraktiv finden. Ich widerspreche dem Spruch also nicht aus dem Bauch heraus. Meine eigene Forschung unterstreicht diese Aussagen.
Was macht einen Menschen attraktiv?
Stahl: Vieles, was wir morgens vor dem Spiegel tun, ohne nachzudenken. Wir betonen Zeichen von Jugend und Gesundheit. Make-up hebt volle Lippen, dichte Wimpern und gleichmäßige Haut hervor. Helle Zähne wirken gesund. Anderes lässt sich kaum beeinflussen. Ein symmetrisches Gesicht wirkt attraktiv und steht für Gesundheit. Auch das Mittelmaß zieht an, denn es entsteht aus genetischer Vielfalt. Je enger zwei Eltern verwandt sind, desto ungewöhnlicher und krankheitsanfälliger sind die Nachkommen. Wie beim Mops, dessen platte Schnauze ihm kaum Luft lässt.
Was unterschätzen viele Menschen beim Thema Attraktivität im Alltag?
Stahl: Dass es jeden unbewusst beeinflusst. Die Wirkung ist in fast allen Lebensbereichen messbar. Im Beruf bekommen attraktive Menschen mehr Aufmerksamkeit. Bei der Partnerwahl haben sie es leichter. Im Alltag bleiben sie besser im Gedächtnis. Ihre Witze kommen besser an. Selbst Fehler werden ihnen eher verziehen. Sogar vor Gericht zeigt sich der Effekt. Attraktive Anwälte überzeugen Richter eher. Attraktive Angeklagte bekommen seltener und mildere Strafen.
Wo endet biologisch geprägte Attraktivität - und wo beginnt kulturell geprägter Geschmack oder Mode?
Stahl: Mode erschafft keine neuen Schönheitsmerkmale. Sie betont nur Signale, die evolutionär längst verankert sind. Über alle Kulturen hinweg verfolgen Kleidung, Frisur und Make-up dieselben Ziele. Ein Kleid betont die Taille, ein Anzug die Schultern, Make-up glättet die Haut und hebt volle Lippen hervor. Ob Sari, Kaftan oder Cocktailkleid, alle betonen dieselben Merkmale. Mode entscheidet, ob Haare lang oder kurz getragen werden. Nicht aber, ob volles Haar schöner wirkt als sprödes.
Welche Rolle spielt Attraktivität bei Bewerbungsgesprächen oder im Berufsleben - und wie können Menschen dieses Wissen für sich und ihre Karriere nutzen?
Stahl: Eigentlich sollte im Beruf die Qualifikation zählen. Doch Studien zeigen, dass auch das Aussehen wirkt. Attraktive Menschen werden häufiger zum Gespräch eingeladen, als kompetenter wahrgenommen und öfter befördert. Manche Belege deuten darauf hin, dass das Aussehen stärker wirkt als die Kompetenz. Selbst an der Börse zeigt es sich, attraktivere Vorstandschefs lassen den Aktienkurs steigen. Dieses Wissen kann man nutzen. Ein gepflegtes Erscheinungsbild hilft, passende Kleidung, dezentes Make-up, eine stimmige Frisur. Es ersetzt keine Leistung, verschafft aber einen besseren ersten Eindruck.
Die Debatte über Schönheitschirurgie ist oft emotional. Was stört Sie an der öffentlichen Diskussion?
Stahl: Zwei Dinge stören mich. Erstens das Vorurteil gegen Menschen, die etwas für ihr Aussehen tun. Im Land der Dichter und Denker gilt das schnell als Eitelkeit. Durch meine französischen Wurzeln sehe ich das anders. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Niemand nennt Gedächtnistraining Selbstoptimierung. Beim Körper sollte es genauso sein. Zweitens die Vereinfachung. Schönheitschirurgie ist eine Wissenschaft. Ihr Ziel ist nicht irgendeine Veränderung, sondern mehr Attraktivität. Viele Studien belegen, dass das gelingt.
Beobachten Sie einen Trend weg vom künstlichen Look hin zu mehr Natürlichkeit?
Stahl: Ja, die Behandlungen werden Jahr für Jahr besser. Doch die Annahme, sie wirkten immer künstlich, hat einen Haken. Über gelungene Ergebnisse wird kaum berichtet, weil sie eben natürlich aussehen. Manche Kommentare suchen dann geradezu nach dem Skandal. Wenn ein Ergebnis schlecht ist, heißt es künstlich. Wenn es gut ist, heißt es Jugendwahn. Das ist keine Analyse mehr, sondern Kritik als Reflex. Das sieht man auch an manchen Berichten über John Travolta. Außerdem verwechseln wir oft Natürlichkeit mit Schönheit. Biologisch finden wir den Durchschnitt am schönsten. Sehr schmale Lippen wirken so unattraktiv wie Schlauchbootlippen. Und natürlich schiefe Zähne sind nicht schöner als gerade Zähne nach einer Spange.
Welche Auswirkungen haben Instagram, TikTok und Filter auf Ihre Arbeit?
Stahl: Sie sprechen etwas Wichtiges an. Der Konkurrenzdruck wächst, im Beruf wie bei der Partnerwahl. Wir wollen mehr Auswahl, vergessen aber, dass auch wir ausgewählt werden. Doch Schönheit hat nicht TikTok erfunden. Filter und KI tun das, was schon der Künstler der Nofretete tat. Sie glätten die Haut und betonen Jugend und Symmetrie. Ludwig XIV. wurde stets mit vollem Haar gemalt, obwohl er eine Glatze hatte. Neu ist nicht die Schönung, sondern Tempo, Verfügbarkeit und Reichweite.
Gibt es Schönheitsideale aus Hollywood, die aktuell besonders stark hierzulande nachgefragt sind?
Stahl: Was gerade angesagt ist, wissen Menschen aus der Modebranche besser. Ich folge keinen Moden, wenn es um medizinische Behandlungen geht, und die meisten meiner Patienten auch nicht. Menschen möchten zum Beispiel jünger aussehen. Dieser Wunsch ist so alt wie die Menschheit und kommt nicht aus Hollywood.
Beobachten Sie, dass Patientinnen und Patienten mit Bildern von Prominenten oder Influencern in die Praxis kommen?
Stahl: Das kommt vor. Es kam aber auch schon vor, bevor es Influencer gab. Ich sehe vor allem die positiven Seiten. Solche Fotos helfen mir, realistische von unrealistischen Vorstellungen zu trennen. Genau deshalb sind Vorher-Nachher-Bilder so wichtig. Nur so bekommen Menschen ein Gefühl dafür, was möglich ist und wo die Grenzen liegen.
Durch die Abnehmspritzen scheint die extreme Schlankheit zurückzukehren. Wie blicken Sie als Plastischer Chirurg auf das Phänomen "Ozempic Body"?
Stahl: Die Abnehmspritze wurde weltweit streng geprüft und ist aus gutem Grund zugelassen. Schweres Übergewicht ist gefährlich und kann viele Lebensjahre kosten. Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ist stark übergewichtig. Insofern ist das Medikament ein Fortschritt. Als Chirurg sehe ich aber auch die Folgen für die Haut. Wer schnell abnimmt, bei dem erschlafft sie leicht. Drei Dinge sind beim Abnehmen wichtig: 1. Langsam abnehmen, damit die Haut Zeit hat, sich anzupassen. 2. Ausgewogen und eiweißreich essen. 3. Sich regelmäßig bewegen. Reicht das nicht, helfen im Gesicht minimalinvasive Behandlungen oder eine Straffung.
Wenn Sie die wichtigste Botschaft Ihres Buches "Wunderschön" in einem Satz zusammenfassen müssten - wie würde dieser Satz lauten?
Stahl: Schönheit empfinden wir alle ähnlich, und sie prägt unser Wohlbefinden tiefer, als wir denken.
Dr. Stéphane Stahl, Jahrgang 1977, ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Er studierte Humanmedizin in Berlin und Freiburg mit Auslandsaufenthalten in den USA und Brasilien. Seit 2018 ist er in eigener Praxis in Saarbrücken tätig. Zuvor leitete er eine Klinikabteilung und lehrte an den Universitäten Bonn und Tübingen.