Ist das der Grundstein fürs echte E-Wohnmobil?
Was passiert, wenn man ein Wohnmobil nicht auf einen Van setzt, sondern um eine EV-Plattform herum neu entwickelt?
Auf dem Caravan Salon 2026 zeigen Vöhringer, Motive Development und CityFreighter die Studie, die mehr als ein echtes Elektro-Wohnmobil ist. Sie wirft die Frage auf, ob sich Reisemobile mit Elektroantrieb von der traditionellen Transporter-Architektur lösen müssen. Die EVOLVE-Plattform von CityFreighter tut das und verspricht dadurch mehr Raum, weniger Gewicht und ein integriertes Energiesystem für Fahren, Wohnen und Arbeiten. promobil ordnet die Weltpremiere ein.
Seit Jahrzehnten folgt der Reisemobilbau einem festen Prinzip. Ein Nutzfahrzeughersteller liefert Fahrgestell, Antrieb, Fahrzeugelektronik und -Steuerung und übernimmt die Homologation des Basisfahrzeugs. Der Aufbauhersteller setzt den Wohnraum darauf.
Dieses Modell hat den Markt groß gemacht. Es macht ihn aber auch abhängig. Denn die Reisemobilhersteller übernehmen zwangsläufig Maße, Bodenhöhe, Packaging und Gewichtsbilanz ihrer Basisfahrzeuge. Die sind primär Transporter, auch wenn Fiat beim Ducato zum Beispiel sehr gut auf die Entwicklungswünsche aus der Caravaning-Industrie eingeht. Das könnte ein Grund dafür sein, dass es von ausgebauten E-Wohnmobilen bisher fast nur Studien wie den Dethleffs E.home Eco und E-Campingbusse wie den Eifelland Relay auf Nissan Interstar-E gibt, die noch etwas mehr Praxistauglichkeit vertragen dürften.
EVOLVE Skateboard-Plattform: Niederflur statt Transporter-Korsett
Beim Umstieg auf Elektromobilität könnte diese Abhängigkeit vom Basisfahrzeug zum Problem werde. Die verfügbaren E-Transporter tragen ihr Diesel-Erbe in der Architektur weiter. Hoher Ladeboden, eingeschränktes Packaging, knappe Nutzlast. Das fällt bei batterieelektrischen Fahrzeugen wegen der schweren Batterie noch stärker ins Gewicht.
Genau hier setzt das EVOLVE-Chassis an, die Basis der E-Wohnmobil-Studie ist, die auf dem Caravan Salon 2026 am Vöhringer-Stand in Halle 13, Stand A95 steht. Das Konzeptfahrzeug basiert auf einer vollelektrischen Skateboard-Plattform von CityFreighter. Die Batterie sitzt im flachen Niederflur-Chassis, der Antrieb kann nach Bedarf platziert werden. Die Konsequenzen: Der Boden ist vollkommen eben, die Einstiegshöhe sinkt, die Stehhöhe im Innenraum wächst.
Für Grundrissplaner öffnet sich ein neuer Gestaltungsraum, weil Türen, Sitzgruppen, Küche und Bad nicht mehr um die Technik des Basisfahrzeugs herumkonstruiert werden müssen.
Leichtbau von Vöhringer drückt Gewicht unter 3,5 Tonnen
Reichweite, Nutzlast und Komfort hängen beim E-Reisemobil an einer zentralen Stellschraube: dem Gewicht. Vöhringer bringt hier die eigene AIRPLY-Technologie ein und nennt bis zu 45 Prozent Gewichtsersparnis im Innenausbau.
Der Demonstrator wiegt laut Pressemeldung mit Küche, Bad, Wärmepumpe und kompletter Bordtechnik weniger als 3,5 Tonnen.
Sollte diese Größenordnung seriennah realisierbar sein, würde EVOLVE echte Maßstäbe setzen. Innerhalb der künftigen 4,25-Tonnen-Grenze für Führerscheinklasse B blieben rund 750 Kilogramm zusätzliche Nutzlast für Passagiere, Gepäck, Fahrräder, Wasser und Campingausrüstung. Ein E-Reisemobil wäre damit nicht mehr mit Verzicht verbunden, sondern alltagstauglich beladbar.
Leistungsdaten des EV-Antriebssystems im Überblick
Gleichzeitig räumt EVOLVE mit Vorurteilen auf, die gegenüber Elektro-Wohnmobilen geäußert werden. Die Reichweite ist auch für lange Tagestouren groß genug, die Ladedauer ansehnlich. Folgende Eckwerte nennen die drei Partner:
- Batteriekapazität: 128 kWh
- Praktische Reichweite: über 400 km (laut Straßentests erreicht)
- DC-Schnellladen: bis 200 kW
- Ladezeit 10 auf 80 Prozent: ca. 20 Minuten
- Gewicht mit komplettem Ausbau: unter 3,5 Tonnen
Nebenbei ist ein wichtiger Aspekt, dass sich die Batterie der EVOLVE-Plattform austauschen oder aufrüsten lässt. Mittlerweile hat sich zwar gezeigt, dass Elektroauto-Batterien oft langlebiger sind als die Fahrzeuge selbst. Da Wohnmobile teure Anschaffungen sind, die lange genutzt werden, trägt die Tauschoption trotzdem zum Werterhalt bei oder eben zum Ausbau der Batteriekapazität.
Antriebsbatterie wird zum Energie-Hub für Fahren, Wohnen und Arbeiten
Die Batterie liefert nicht nur für Fahrten den Strom. EVOLVE will die Traktionsbatterie als zentrale Energiequelle für das gesamte Bordleben nutzen. 128 Kilowattstunden sind ein enormer Speicher. Er reicht nicht nur für 400 Kilometer Fahrt, sondern kann auch die Versorgung an Bord übernehmen. Wer am Stellplatz arbeitet, lädt Laptop und Monitor aus demselben Akku, der das Fahrzeug dorthin gebracht hat. Wer abends kocht, nutzt elektrische Küchengeräte statt Gas.
Wärmepumpe und Solaranlage komplettieren das Energiesystem
Zwei Ausstattungskomponenten lassen das Konzept rund erscheinen. Die Pressemeldung nennt eine Wärmepumpe als Klimatisierungslösung. Im E-Reisemobil ist das kein Detail, sondern eine Systemfrage. Heizen und Kühlen zählen im Standbetrieb zu den größten Verbrauchern.
Auf dem Dach sitzen Solarmodule von OPES Solar Mobility. Sie ersetzen kein Schnellladen, stabilisieren aber die Energiebilanz im Stand. Tagsüber laden sie nach, reduzieren den Landstrombedarf und verlängern die Autarkie. Das Solarmodul ist außerdem ein Lade- und damit Reichweitenbooster während der Fahrt.
Prototyp oder Vorbote eines Paradigmenwechsels?
So überzeugend die Richtung klingt: Das gezeigte Fahrzeug bleibt ein Demonstrator. Einen konkreten Serienfahrplan, einen Preis oder einen Produktionsstandort nennen die Beteiligten bisher nicht.
Eventuell stoßen sie damit einen Paradigmenwechsel an. Die Studie zeigt, dass die Fahrzeugplattform für das E-Wohnmobil viel mehr sein kann, als ein Basisfahrzeug. Sie ist der Grundpfeiler der des kompletten Wohnmobils und seiner Systemarchitektur, weil sie auch die Geräte an Bord mit Energie versorgen kann. Wer als Wohnmobilhersteller mehr in ihre Entwicklung investiert und sie für seine Bedürfnisse optimiert, baut am Ende auch das bessere E-Wohnmobil.
