Ab wann ist die Strompauschale zu hoch?
Strom auf dem Stellplatz wird teurer. Aber ab wann ist eine Strompauschale noch fair – und ab wann zahlen Camper drauf?
Der promobil-Leser traut seinen Augen nicht. Als der erfahrene Wohnmobilist Anfang März auf dem Stellplatz an den Zwillingsmühlen in Greetsiel ankommt, liest er den Aushang: Dass der Strompreis deutlich gestiegen ist: 1 Euro für drei Stunden Strombezug. Hochgerechnet auf 24 Stunden wären das 8 Euro. Nur für Strom. Aus der Vergangenheit kannte er den Preis: 1 Euro für acht Stunden. Die Erhöhung empfindet er als Wucher. Er schreibt der Gemeinde – und der promobil-Redaktion.
Die Bürgermeisterin reagiert. Sie räumt ein, dass die Preisgestaltung korrigiert werden musste. Denn die Energiekosten und Instandhaltungskosten (Reparaturmaterial und Personal) sind auch für kommunale und private Camping- und Stellplatzbetreiber deutlich gestiegen.
Aber sind 8 Euro Stromkosten pro Tag noch Fair oder zockt Greetsiel die Camper ab? Um beurteilen zu können, ab wann Verbrauchs- oder Pauschalkosten für Strom auf dem Camping- und Stellplatz zu hoch sind, braucht es Zahlen.
Was Strom für Wohnmobile und Wohnwagen im Schnitt kostet
Die promobil-Stellplatzdatenbank liefert eine solide Orientierung. Über alle gelisteten Stell- und Campingplätze hinweg ergeben sich zwei Durchschnittswerte für Stromkosten auf Camping- und Stellplätzen:
- Verbrauchsbasiert: 0,74 Euro pro kWh
- Pauschal: 4,10 Euro pro Tag
Zum Vergleich: Der deutsche Haushaltsstrompreis liegt bei 38,35 Cent pro kWh. Campingplätze verlangen also knapp das Doppelte. Klingt erst einmal unverschämt. Ist es aber nicht zwangsläufig.
Stromkosten auf dem Stellplatz: Mehr als nur Kilowattstunden
Denn Campingplatzstrom ist kein Haushaltsstrom. Betreiber finanzieren über den Strompreis weit mehr als die reine Energie. Stromsäulen müssen installiert, gewartet und repariert werden. CEE-Dosen verschleißen. Erdkabel kosten fünfstellige Beträge. Dazu kommen Münzautomaten, Zählerablesung und technischer Service. 10.000 Euro Investition pro Stellplatz-Parzelle veranschlagt der Deutsche Tourismusverband in seiner Planungshilfe für Reisemobilstellplätze in Deutschland. Zwischen 2.000 und 2.500 kostet die Stromsäule und ihre Anschlüsse. Finanziert wird das neben den allgemeinen Gebühren, die es oft gar nicht gibt, auch durch Aufschläge auf die Stromkosten.
Hinzu kommt die Saisonalität: Die Infrastruktur muss ganzjährig vorgehalten werden, verdient aber oft nur sechs bis acht Monate im Jahr Geld. Selbst die Bürgermeisterin von Greetsiel argumentiert mit diesen Kosten – und hat damit grundsätzlich recht. Ein Aufschlag auf den reinen Strompreis ist also gerechtfertigt. Die entscheidende Frage lautet: Wie hoch darf er sein?
Stromverbrauch im Wohnmobil pro Tag: Was Camper wirklich verbrauchen
Ab wann eine Strompauschale am Stellplatz zu hoch ist, hängt natürlich vom persönlichen Verbrauch ab. Den kann jeder Campenden nur für sich selbst und sein Wohnmobil ermitteln. Wissenschaftlich ermittelte Durchschnittswerte gibt es nicht, wohl aber einen Branchenkonsens aus mehreren Quellen: Der ADAC nennt über sein Portal PiNCAMP einen Richtwert von rund 5 kWh pro Tag. Fritz Berger kommt auf denselben Wert. CamperDays rechnet mit 4 kWh pro Nacht. promobil-Leser berichten oft von 4,5 kWh.
Daraus ergibt sich ein belastbarer Korridor: 4 bis 5 kWh pro Tag für den durchschnittlichen Camper. Die Bandbreite ist allerdings enorm – je nachdem, was an Bord läuft:
Größter ganzjähriger Einzelverbraucher über Landstrom: der Kühlschrank über Landstrom mit ungefähr 2 bis 3 kWh am Tag. Im Labortest von promobil verbrauchte der Kühlschrank bei 32°C Raumtemperatur sogar 5,7 kWh. Abhängig von der Jahreszeit können im Winter die Heizung und im Sommer die Dachklimaanlage aber deutlich mehr Strom schlucken. Im promobil-Praxistest verbrauchte eine Dometic FJX 2200 rund 1,8 kWh pro Testdurchlauf. Errechnet man aus den Herstellerdaten bei einer Stromaufnahme von 7,5 A und 230 Volt Spannung einen Verbrauch für fünf Stunden Kühlbetrieb, kommen 8,6 kWh zusammen.
Wann ist eine Strompauschale am Stellplatz zu hoch?
Jetzt wird es konkret. Bei einem Verbrauch pro durchschnittlichem Wohnmobil von circa 4,5 kWh Tag und dem Gewerbestromtarif von etwa 0,25 Euro in Deutschland 2025 ergeben sich also 1,13 Euro reine Stromkosten.
Wird bei den Stromsäulen und -kabeln am Stellplatz von einer Nutzungsdauer von 15 Jahren ausgegangen, verteilen sich die Bau- und Installationskosten auf 100 bis 167 Euro pro Jahr. Der Deutsche Tourismusverband geht von einer optimalen Auslastung von jährlich 173 Tagen pro einzelnen Stellplatz aus. Werden die Kosten darauf umgelegt, stehen am Ende zwischen rund 0,58 und 0,97 Euro am Tag.
Zusammengerechnet liegt der Betrag für Strom- und Infrastrukturkosten pro Belegungstag also zwischen ungefähr 1,71 Euro und 2,2 Euro. Die Betreiber müssen aber noch die Wartungskosten einkalkulieren und die Komfortcamper, die bis zu 10 kWh Landstrom am Tag ziehen. Die durchschnittliche Pauschale von 4,10 Euro, die sich aus den Daten der promobil Stellplatz-Datenbank ergibt, ist also auf keinen Fall überzogen.
Und Greetsiel? Die 8 Euro am Tag sind eigentlich nur gerechtfertigt, wenn ein Campende zu den absoluten Power-Usern von Landstrom gehören und die Klimaanlage zum Beispiel lange laufen lassen.
Faustregel: Alles über 5 Euro Tagespauschale ist für Durchschnittscamper in Deutschland schwer durch realen Verbrauch plus Infrastrukturkosten zu rechtfertigen. Eine Ausnahme bilden höchstens kostenlose Stellplätze mit Stromanschluss.
Strom auf dem Campingplatz: Tipps für Wohnmobil-Camper
Pauschale oder kWh-Abrechnung – je nach Modell sollten Camper ihre Strategie anpassen:
- Bei Pauschalabrechnung – Strom ausreizen: Wer pauschal zahlt, sollte möglichst viel über Landstrom laufen lassen. Kühlschrank von Gas auf Strom umstellen. Den Warmwasserboiler elektrisch aufheizen. E-Bikes laden. Die Bordbatterie über das Ladegerät vollladen. So holt man das Maximum aus der Pauschale heraus.
- Bei kWh-Abrechnung – bewusst sparen: Hier gilt das Gegenteil. Kühlschrank auf Gas betreiben. Heizung über Gas oder Diesel laufen lassen. Geräte nur bei Bedarf ans Netz. Jede eingesparte Kilowattstunde spart bares Geld.
Generell gilt: Ein Energiemessgerät als CEE-Zwischenstecker kostet zwischen 15 und 25 Euro – und macht den eigenen Verbrauch sichtbar. Wer seine persönlichen Kilowattstunden kennt, kann jede Pauschale sofort einordnen. Vor der Anreise lohnt sich ein Blick in die promobil-Stellplatzdatenbank: Dort steht, ob der Platz pauschal oder nach Verbrauch abrechnet.
Und wenn der Preis eindeutig zu hoch ist? Sachlich den Betreiber ansprechen. Eine Bewertung auf promobil.de hinterlassen.
