Wie Pössl den günstigen Campervan erfunden hat
Ein komplett ausgestattetes Wohnmobil mit Bad, Küche und Festbett für weniger Geld als ein nackter Lieferwagen? Wie Pössl die Preise drückte – und wie Käuferinnen und Käufer von dieser Strategie bis heute profitieren.
Wer heute nach einem bezahlbaren Wohnmobil sucht, landet unweigerlich beim Kastenwagen von der Stange. Sie sind wendig, alltagstauglich und vor allem: Sie kosten meist zehntausende Euro weniger als klassische, aufgebaute Wohnmobile.
Dass wir heute diese bezahlbare Auswahl haben, verdanken wir einer cleveren und aggressiven Preisstrategie die Mitte der 90er Jahre ihren Anfang nahm. Damals galt Camping mit Bad und Heizung noch als absoluter Luxus. Bis die Marke Pössl ein Preis-Paradoxon schuf, das die Branche auf den Kopf stellte.
Der "Slowenien-Trick": Wie man die Kosten halbiert
Mitte der 90er Jahre war das Problem beim Bau von Camper-Vans folgendes: Das nackte Basisfahrzeug (ein Fiat Ducato oder Peugeot Boxer) war im Einkauf in Deutschland so teuer, dass das fertige Wohnmobil am Ende ein Vermögen kostete.
Die Lösung von Pössl war ein genialer Einkaufs-Hack: Man kaufte die leeren Peugeot-Transporter nicht in Deutschland, sondern direkt in Slowenien. Diese Transporter-Exemplare waren vom Hersteller eigentlich nicht für den deutschen Markt bestimmt. Ihnen fehlten Ausstattungsdetails, die hierzulande bereits zum Serienstandard gehörten, etwa das Antiblockiersystem (ABS). Unter anderem deshalb waren die Kastenwagen dort deutlich günstiger zu bekommen.
Zweiter, cleverer Move: Statt die Transporter nach Deutschland zu holen, ließ Pössl sie direkt vor Ort beim slowenischen Hersteller Adria ausbauen. Die Kombination aus radikal günstigem Basis-Einkauf und den damals niedrigen Produktionskosten im Ausland führte zu einem absurden Angebot:
Als der Pössl Duo-Van ab 1996 in Deutschland auf den Markt kam, kostete das komplett fertig ausbaute Wohnmobil unter 50.000 D-Mark – und war damit tatsächlich billiger, als wenn ein Kunde einen leeren Transporter beim deutschen Peugeot-Händler gekauft hätte.
Kapazitäten nutzen statt Fabriken bauen
Dieser Fokus auf maximale Kosteneffizienz prägte den Markt der ausgebauten Kastenwagen dauerhaft. Als der Partner Adria die lukrativen Camper ab 2003 lieber unter eigenem Namen verkaufen wollte, brauchte Pössl allerdings eine neue Prouktion.
Statt für Millionen eine eigene Fertigung hochzuziehen (was die Preise für den Endkunden sofort wieder in die Höhe getrieben hätte), konnte Pössl die aktuelle Absatzkrise bei den aufgebauten Wohnmobilen nutzen. Beim namhaften Wohnmobil-Hersteller Dethleffs in Isny standen zeitweise die Bänder still. Pössl mietete sich quasi als "Lohnfertigungs-Kunde" ein. Der Vorteil für den Käufer: Man bekam plötzlich Pössl-Kastenwagen, die in der modernen Dethleffs-Fabrik gebaut wurden, aber durch die geteilten Fixkosten weiterhin zu Kampfpreisen angeboten werden konnten. Diese Baureihe nennt sich übrigens bis heute D-Line – das "D" steht für Dethleffs.
Modelle der D-Line: Pössl 2Win R, RS S, Roadcamp R, Roadcruiser, Roadcruiser Revolution, XL und Roadstar 600L.
Die Günstig-Strategie heute: Roadcar und Clever
Auch heutzutage, wo Pössl mit über 10.000 gebauten Fahrzeugen im Jahr unangefochtener Marktführer bei den ausgebauten Kastenwagen ist, lebt die Ursprungsidee vom konkurrenzlos preiswerten Camper weiter. Wer heute aufs Budget achten muss, profitiert von zwei Sub-Marken, die Pössl genau für diesen Zweck gegründet hat:
- Die "Back to Basics"-Marke (Roadcar): 2015 wurde Roadcar ins Leben gerufen, um den absolut günstigen Basic-Camper wiederzubeleben. Produziert wurde in den ersten Jahren im Capron-Werk in Sachsen – einer Fabrik der Ewin-Hymer-Group, die in der Branche dafür bekannt ist, Fahrzeuge sehr effizient, in hohen Stückzahlen vom Band laufen zu lassen. Inzwischen werden die Roadcar-Modelle aber zusammen mit der Pössl-D-Line bei Dethleffs in Isny hergestellt. Hier finden Sie aktuelle Tests und News zu Roadcar.
- Der Osteuropa-Preisvorteil (Clever Vans): Die 2012 gegründete Tochtermarke Clever lässt ihre Fahrzeuge größtenteils in Ungarn fertigen. Der Clou hier: Der Produktionspartner ist eigentlich ein Sitzhersteller. So spart man nicht nur Lohnkosten, sondern kann auch ganz eigene und dennoch günstige Sitzlösungen (wie Klappsitze für Familien mti drei oder vier Kindern) anbieten.
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