Wohnmobil-Rookies bei der Tour de France
Die Radprofis fahren bei der Tour de France drei Wochen durch nur durch ein enges Spalier von Fans, sondern auch von Reisemobilen aller Couleur.
Die Tour de France ist eine als Radrennen getarnte Campingparty. Wir waren dabei – unser erstes Mal Wohnmobil mit drei Kindern im Ahorn Camp A690.
Jahr für Jahr pilgern Zehntausende Rennradfans in Reisemobilen zur Tour de France. Ich bin seit 1997 Rennradfahrer und arbeite als Redaktionsleiter beim ROADBIKE-Magazin. Schon mehrfach habe ich die Tour de France und andere Fahrradrennen besucht. Aber für meine Frau, unsere drei Jungs (6, 8 und 11 Jahre) und mich ist es das erste Mal, dass wir in einem Wohnmobil unterwegs sind.
Eine spannende Idee der ROADBIKE- und promobil-Redaktionen: einen Wochenendtrip in die Vogesen zum größten Radrennen der Welt mit einem Artikel über ein Reisemobil zu verbinden. Urlaub auf einem Hausboot, Urlaub in einem Mobilhome auf einem Campingplatz – all das haben wir schon erlebt. Aber mit einem Reisemobil unterwegs sein? Das ist Neuland für uns.
Erster Kontakt: Der Ahorn Camp A690 im Check
Unser fahrbares Zuhause für die 48 Stunden bei der Tour de France ist ein Ahorn Camp A690. Als mir meine Kollegin Samira das Fahrzeug donnerstags zu treuen Händen übergibt, bin ich ganz schön beeindruckt.
Von den Dimensionen, aber auch von den vielen Details: Stauraum überall, kleine, aber feine Küche mit Zwei-Flammen-Kochfeld von Can mit Piezo-Zündung, 89-Liter-Kühlschrank samt Eisfach, PV-Anlage auf dem Dach, Fernseher (den wir nicht genutzt haben), eine Toilette, die sich durch Verschieben einer Wand in eine Dusche verwandelt, vier überraschend großzügige Schlafplätze, die wir problemlos dank Schiebevorrichtung und zusätzlichem Kissen auf fünf Schlafplätze erweitern können... der erste Eindruck ist positiv!
- L x B x H: 699 x 232 x 314 cm
- Sitzplätze: 4, optional 5
- Schlafplätze: 4, optional 5
- Zul. Gesamtmasse: ab 3500 kg
- Preis: ab 62 500 Euro
Der Respekt ist groß, denn Samira schärft mir ein, die 11-Liter-Propanganflaschen während der Fahrt unbedingt abzudrehen, die Ladung sicher zu verstauen, die Batterie nicht unnötig zu belasten und die Fäkalienkassette nicht unterwegs im Autobahntoilettenhäuschen zu leeren. Viele Dinge, an die man denken muss – für Eingeweihte wohl selbstverständlich, für mich aber Neuland. So etwa auch die Bedienung der Handbremse, die so sein muss, wie sie ist, weil sonst Fahrer- und Beifahrersitz nicht zum Tisch hingedreht werden können.
Fahren lernen: Mit 3,5 Tonnen durch Stadt und Berg
Wer noch nie ein Reisemobil bewegt hat, verspürt vermutlich – wie ich – Respekt vor den Dimensionen. Der legte sich jedoch erfreulich schnell, das Fahren im Stadtverkehr, auf der Autobahn und selbst auf schmalen Bergstraßen entpuppt sich als kein Problem. Gewicht und Fahrzeughöhe verursachen jedoch selbst bei defensiver Fahrweise einen hohen Spritverbrauch.
Zwei Details fallen mir direkt auf: Der Flaschenhalter an der Beifahrerseite kann während der Fahrt nicht genutzt werden, da sonst der Seitenspiegel für den Fahrer verdeckt ist. Und die Aufbautür zum seitlichen Einstieg ist nur mittig per Hakenschloss gesichert – auf der Autobahn klappert sie oben und unten, gerade auf nasser Straße sind die Fahrgeräusche laut, immer wieder ertappe ich mich, den elektrischen Fensterheber zu betätigen, weil ich denke, das Seitenfenster sei offen...
Beladen wie die Profis – oder doch nicht?
Beim Beladen wird uns schnell klar: Am Stauraum gibt's nichts zu meckern. Ob unter dem Seitensitz, in den Treppenstufen oder unter den Betten im Heck: Immer wieder entdeckten wir neue Fächer und Klappen, hinter denen man zusätzlich zu den Wandschränken Ausrüstung, Bekleidung, Spiele etc. verstauen kann. Ansonsten finden Tische, Stühle, Liegestühle, Wasserschlauch, Grill und Co. in der Heckgarage Platz. Die ist groß, beleuchtet und von zwei Seiten zugänglich. Am Heck lässt sich zudem ein Fahrradträger anbringen.
Schade: Obwohl ja fünf Personen großzügigen Schlafplatz finden, gibt es nur vier Gurtplätze – meine Frau muss separat per Pkw in die Vogesen reisen. Auf fünf Gurtplätze kann man zwar optional aufrüsten, benötigt dann aber wegen zusätzlicher Achslast einen C1-Führerschein.
Ankunft am Grand Ballon: Die größte Campingparty der Welt
Also ab dafür Richtung Frankreich. Habe ich geschrieben "größtes Radrennen der Welt"? Am Grand Ballon in den Vogesen kommt es mir eher so vor, als wäre es die größte Campingparty der Welt, getarnt als Radrennen.
Allein die Vielfalt rollender Schlafstätten beeindruckt uns sehr: Auf den 18 Kilometern von Cernay im Tal bis zur Passhöhe am Grand Ballon drängen sich am Straßenrand normale Pkw mit und ohne Markise und Zeltdach, Wohnwagen, teil- und vollintegrierte Reisemobile, Expeditionsfahrzeuge und Alkoven wie unser Ahorn Camp A690.
Kollege Lukas vom MOUNTAINBIKE-Magazin war schon am Donnerstag da und parkt eine Serpentine weiter oben. Wir ergattern Freitagmittag einen Stellplatz knapp zwei Kilometer vor der Passhöhe, und ich lerne, Auffahrkeile zu schätzen (damit richtet man den Camper am Hang gerade aus). 48 Stunden lang erleben wir nun ein Paradoxon: Zehntausende Menschen auf engstem Raum – und doch können wir jederzeit eine Tür hinter uns zuziehen und für uns sein. Unsere drei Jungs sind meist draußen unterwegs, denn es gibt ständig etwas zu sehen. Die Kontaktaufnahme ist leicht, die Stimmung fröhlich, friedlich, später frenetisch.
Wie uns die Nachbarn retten
Deutsche Fans beschallen mit einer Monstermusikanlage den halben Berg, Dänen, Norweger, Belgier und Niederländer feiern Seite an Seite mit Franzosen, Engländern, Deutschen und vielen weiteren Nationen. Lipowitz-Fans pinseln mit heiligem Eifer den Namen ihres Idols auf die Straße. Über allem liegt der Geruch von Grillfleisch. Wir tragen unseren Teil dazu bei, findet sich doch in den erstaunlichen Tiefen unseres Leih-Campers ein aufklappbarer Minigrill.
Der sorgt dafür, dass wir die enorme Hilfsbereitschaft der Camping-Community erleben dürfen: Die Würstchen sind erst halbgar, als unsere Gaskartusche schlappmacht – unaufgefordert hilft unser Stellplatznachbar aus Freiburg aus. Und gibt uns seine Kartusche. Wir können uns später revanchieren: Der Nachbar links benötigt einen Korkenzieher, den Nachbarn rechts bieten wir unseren Campingtisch an, als die mit vier Personen an einem Minitisch zu Abend essen. Man hilft sich.
Bis in den späten Freitagabend hinein kommen Reisemobile aller Art den Berg hinaufgefahren, quetschen sich in die engsten Lücken, schließen sich der großen Party, die hier gefeiert wird, an. Dann wird die Straße gesperrt, und es kehrt (etwas) Ruhe ein. Wir durchlaufen unsere Zu-Bett-Geh-Routine im Camper: auf die Toilette gehen, Händewaschen, Zähneputzen.
Den Wassertank haben wir noch zu Hause per Gartenschlauch aufgefüllt – mit vollem Tank soll man zwar nicht fahren, um Sprit zu sparen, habe ich gelernt, aber dadurch, dass man bei der Tour de France frei stehen darf, hat man eben keinen Strom- und Wasseranschluss.
Zwischenzeitlich waren wir überrascht, dass die eigentlich Zuhause aufgeladene Batterie schon wieder halbleer war. Zum Glück füllt die PV-Anlage den Speicher ganz schnell wieder auf.
Ebenfalls positiv: Wir können den Ahorn Camp A690 toll verdunkeln. Jedes Fenster bietet Fliegengitter sowie Verdunkelung, dazu gibt es zur Fahrerkabine und zur hinteren Schlafstätte Vorhänge. Geschlafen haben wir auf den Lattenrostbetten sehr gut.
Renntag: Action, Adrenalin und ein Tisch, der alles kann
Am Renntag selbst kann man nicht wirklich von einer Ruhe vor dem Sturm sprechen – der Sturm ist von Dauer: Ab den frühen Morgenstunden kommen Heerscharen von Rennradfahrerinnen und -fahrer den Berg heraufgefahren, viele Fans sind auch zu Fuß unterwegs – eine wahre Völkerwanderung. Der Grund für den Ansturm: Am Grand Ballon kann man das Peloton dieses Jahr gleich zwei Mal sehen: zu Etappenbeginn auf der Hauptstraße, im Etappenfinale wenige Kilometer entfernt am schmalen Col du Haag.
Die Zeit bis es los geht, vertreiben wir uns draußen vor unserem Camper oder mit Kartenspielen innen. Praktisch: Der Tisch lässt sich drehen und je nach Bedarf (Essen vs. Spielen) anpassen, der notorisch leere Smartphone-Akku lädt in einer der zahlreichen Buchsen (Armaturen, Tisch, Betten).
Der Tag bietet für die Kinder unvergessliche Action: Zehntausende Radsportfans, unzählige Begegnungen, Fotoshooting mit Ex-Kollege Itte, der die Bilder für diesen Artikel schießt, und schließlich natürlich das Rennen. Angekündigt zunächst durch die Werbekarawane – jene knapp 200 bunten Sponsoren- und Themenwagen, die zwei Stunden vor dem Fahrerfeld das Publikum in Stimmung bringen und Millionen Giveaways verteilen.
Dann steigt die Spannung, das Fahrerfeld ist am Berg und kommt immer näher. Motorräder und offizielle Fahrzeuge fahren durch, die laut knatternden Helikopter kommen immer näher. Und dann sind sie da: eine Spitzengruppe zunächst, dann das Hauptfeld angeführt vom Deutschen Nils Politt, später kleinere Gruppen abgehängter Fahrer und die ganzen Teamfahrzeuge. Nach der Durchfahrt setzt eine erneute Völkerwanderung hinüber zum Col du Haag ein – und das Schauspiel widerholt sich. Im Fernsehen wird von Stadionatmosphäre gesprochen, Reels der Menschenmassen gehen viral.
Die Rückkehr: Was bleibt – und was wir nie wieder machen
Wir sitzen wenige Stunden später in unserem ausgeliehenen Reisemobil und lassen die Erlebnisse revue passieren. Um uns herum herrscht derweil Rückreiseverkehr: Wir gehören zu den wenigen, die noch eine Nacht am Berg verbringen, bald herrscht eine eigentümliche Ruhe nach dem Sturm. Und dann doch vor dem Sturm, denn in der Nacht rüttelt der Westwind in starken Böen an unserem nach Osten ausgerichteten Ahorn Camp A690.
Der nächtliche Sturm führt uns den Unterschied zwischen einem geschlossenen und einem gesicherten Fenster vor Augen: Bei einer besonders starken Böe reißt das Plastikglas des hinteren Dachfensters samt Bügel aus dem Rahmen, rumpelt mit ohrenbetäubendem Lärm über den Camper und landet auf der Straße. Anfängerfehler: Der Sicherungsbügel darf nicht nur geschlossen sein, sondern muss einrasten.
Wir kleben das Fenster mit einer Plastiksitzfolie ab, was aber nicht verhindern, dass auf der Heimfahrt Wasser eindringt. Glück im Unglück: Der Schaden lässt sich leicht beheben, zwei Tage später ist das Reisemobil nach einem kurzen Besuch in der Ahorn-Camp-Werkstatt wieder einsatzbereit.
