Wie und warum kann dieser Luxus-SUV schwimmen?
Jeder Elektromotor kümmert sich um ein Rad - auch für Vortrieb und Lenkmanöver im Wasser.
Yangwang, die Luxusmarke des chinesischen Konzerns BYD, hat den fast 1.200 PS starken Luxus-Hybrid U8 im Programm. Der SUV kann nicht nur fahren und klettern, sondern auch schwimmen.
Zum großen Modellangebot des chinesischen Autokonzerns BYD zählt nicht nur das Portfolio der Kernmarke von Kleinwagen bis zum großen SUV, sondern gehören auch Premiummodelle der Labels Denza (jetzt auch in Europa) und Fangchengbao. Doch damit nicht genug. Nochmals höher positioniert ist Yangwang als Marke für Luxusmodelle und Technologieträger. Internationale Aufmerksamkeit hat Yangwang spätestens mit der Rekordfahrt des elektrischen Supersportwagens U9 Extreme bekommen, der mit gemessenen 496,22 km/h als schnellstes (Serien-)Auto der Welt gilt.
Fünf Motoren, fast 1.200 PS
Auch der Yangwang U8, ein 5,32 Meter langer Oberklasse-SUV mit seriellem Hybridantrieb (Range Extender), sorgt mit einer besonderen Art der Fortbewegung für Schlagzeilen – und Klicks in den sozialen Medien: Der U8 kann bei Bedarf schwimmen.
Unter dem mächtigen Karosseriekleid stecken insgesamt fünf Motoren. Als Generator für die Energieerzeugung ist ein zwei Liter großer Vierzylinder-Benziner zuständig, wenn der 49,06 kWh große LFP-Akku leer ist. Die Batterie bestromt vier Elektromotoren. Jede dieser Maschinen leistet bis zu 220 kW (299 PS) und treibt ein Rad an. Die Systemleistung des Quintetts gibt Yangwang mit 880 kW / 1.197 PS an. Mit vollem Akku sollen, gemessen nach der chinesischen CLTC-Norm, bis zu 180 Kilometer Reichweite möglich sein. Wenn man im Anschluss den Sprit aus dem 75 Liter großen Tank voll ausnutzt, soll der U8 über 1.000 Kilometer Gesamt-Strecke erledigt haben.
Warum kann der U8 schwimmen?
Heute haben wir eine wesentlich kürzere Distanz geplant. Der U8 steht am Rand eines großen Wasserbeckens bereit. Die Wattiefe von 100 Zentimetern, also der Wert für die problemlose Tiefe einer Wasserdurchfahrt, interessiert uns heute nicht. 1,60 Meter tief ist der Pool, in den wir über eine Rampe hineinfahren. Währenddessen wird im Cockpit vom Fahrer der Schwimm-Modus aktiviert. Die Seitenfenster schließen sich automatisch, das große Panorama-Glasschiebedach wird als möglicher Notausstieg geöffnet. Der Moment, wenn die Räder die Bodenhaftung verlieren und das Auto zu schwimmen beginnt, ist kaum spürbar. Die Fronthaube liegt einige Zentimeter unter der Wasseroberfläche, die Gürtellinie bleibt aber knapp darüber. Zum Fische gucken aus dem Auto eignet sich der schwimmende Chinese also nicht.
Langsam geht es voran. Die Räder sorgen mit ihrer Bewegung auch unter Wasser für Vortrieb. Verblüffend: Die Richtung wird, wie an Land, mit einfachen Drehbewegungen am Lenkrad vorgegeben. Die Steer-by-Wire-Lenkung ohne mechanische Verbindung steuert unter Wasser nicht nur einen geringen Lenkwinkel, sondern die Drehrichtung der Räder. Hier kommt das System mit radnahen, einzeln ansteuerbaren Elektromotoren ins Spiel. Beispiel starke Links-Lenkung: Die beiden Räder auf der kurveninneren Seite drehen sich rückwärts, gegenüber geht es weiter in Vorwärtsrichtung voran. Vergleichbar ist das mit der schnellen Drehung eines Boots, wenn man die Ruder auf beiden Seiten in unterschiedlicher Richtung durch das Wasser drückt.
Der schnelle Richtungswechsel ist eine zentrale Funktion des Schwimm-Modus im Yangwang U8. Als Ausflugsdampfer für solvente Eigner wurde der SUV jedoch nicht konstruiert. Ein BYD-Sprecher erklärte während der Präsentation den ernsten Hintergrund. Statistiken zufolge kommen in China jedes Jahr rund 100 Menschen bei Überflutungen um, nachdem sie im Auto vom Wasser überrascht und eingeschlossen wurden. Der U8 soll also in dieser Situation einen schnellen Ausweg bieten. Maximal eine halbe Stunde soll das Auto schwimmen können.
Gleichzeitig will der Hersteller damit auch seinen Technologie-Anspruch demonstrieren. Antrieb und Karosserie des U8 sind derart gut abgedichtet, dass alle Komponenten und der Innenraum komplett trocken bleiben. Selbst der Benziner arbeitet unter Wasser, die nötige Luft wird über eine Öffnung unter der Windschutzscheibe zugeführt. Trotzdem sehen die Garantiebedingungen nach aktiviertem Schwimm-Modus einen Besuch bei der Vertragswerkstatt vor, wo das Auto kurz durchgecheckt werden muss.
Hybrid mit Offroad-Vorteil
Der aufwendige Antrieb des Yangwang U8 soll jedoch nicht nur im unwahrscheinlichen Fall einer Unterwasser-Einlage Vorteile bieten. Auch die mögliche "Panzerwende", bei der das Auto mit unterschiedlichen Drehrichtungen der Räder auf der Stelle drehen kann, ist kaum mehr als eine Show-Einlage (gibt es denn schon chinesische Actionfilme, in denen der Held einen U8 fährt und nur damit den Bösewichten entkommt?). Im Gelände hilft die Software zur Steuerung der vier Elektromotoren ebenfalls beim Vorankommen. Auf matschigem Untergrund mit tiefen Löchern und Furchen steuern wir den U8 zielgenau auf der selbstgewählten Linie, die Software kümmert sich fast in Echtzeit um die Verteilung des Drehmoments von bis zu 1.280 Nm. Im luxuriösen Innenraum knistert nichts, Luftpolster in den Seitenwangen der Vordersitze blasen sich bei Seitenneigung und Wankbewegungen blitzschnell auf, um für Seitenhalt zu sorgen.
