Der Luce war nicht der Erste
Der Ferrari Luce bekommt gerade Feuer von allen Seiten – aber er war bei weitem nicht der erste umstrittene Ferrari. Diese Modelle haben Ferrari-Fans ebenfalls auf die Palme gebracht. Und es gibt ein dem Luce recht ähnliches Modell, dessen Optik anscheinend niemanden stört.
Der Ferrari Luce steht aktuell im Auge eines beispiellosen Shit-Hurrikans. Anscheinend mögen ihn nur Design-Theoretiker – Leute, die auch die Optik der ersten Generation des Toyota Mirai mochten. Neu ist daran vor allem die Lautstärke – nicht das Prinzip: Auch früher waren Ferraris Fans mit Neuerscheinungen ihrer Marke nicht ganz so glücklich. Und würde das Auto kein Ferrari-Emblem tragen, wäre es vielleicht gar kein Aufreger – wie der 2017 vorgestellte und dem Luce ein bisschen ähnlich sehende Faraday Future FF91 beweist.
Wir haben die Ferrari-Modelle herausgesucht, mit denen die Fans nicht so richtig zufrieden waren – und den FF91. Die angebliche Seelenlosigkeit, die von Kommentatoren wahrgenommene unproportionierte Cab-Forward-Crossover-Form, das auf manche klobig wirkende Lenkrad und was Kritiker als billig anmutende und nicht zueinander passende Instrumente abkanzeln – die sozialen Medien laufen beim Luce heiß. Dafür sind soziale Medien schließlich da. Hier sind die Aufreger-Vorgänger des Luce.
Ferrari Mondial
Der von 1980 bis 1993 gebaute Mondial gilt in Fachkreisen oft als der am schlechtesten bewertete Ferrari bisher – der Luce ist allerdings blitzartig an ihm vorbeigezogen. Das 2+2-sitzige Mittelmotor-Konzept des Mondial erzwang einen unproportioniert langen Radstand und klobige seitliche Lufteinlässe, die das von Eleganz geprägte Pininfarina-Image beschädigten.
Aber die beim Mondial noch unbeholfen wirkenden seitlichen Lufteinlässe waren das Vorbild für eine spätere Legende: Die extrem breiten Flanken des Ferrari Testarossa sind längst ein ikonisches Designmerkmal. Zudem hat Ferrari beim von 1984 bis 1996 gebauten Testarossa gezeigt, dass man Reduktion kann. Von ‘Apple-Ästhetik’ wird gerade viel geredet. Im Luce wirkt das eher wie Behauptung als Ergebnis.
Ferrari 408 4RM
Der Ferrari 408 4RM von 1987 war ein rein experimentelles Allrad-Projekt – vorher gab es keinen Ferrari mit Allradantrieb. Technisch war der Entwurf nicht nur wegen des Allradantriebs interessant. Der Prototyp hatte einen Scheibenwischer mit nur einem Drehpunkt und eine selbstaufblasende Türdichtung. Das höhenverstellbare Fahrwerk ermöglichte in der niedrigsten Einstellung einen guten Luftwiderstands-Beiwert von 0,274.
Aber Puristen lehnten den 408 4RM wegen seiner kantigen, zerklüfteten und unförmigen Kunststoff-Karosserie gnadenlos ab. Nach dem Bau von zwei Prototypen, einem roten und einem hellgelben, verschwand das Projekt schnell und geräuschlos in den Archiven.
Ferrari F50
Der von 1995 bis 1997 gebaute Ferrari F50 ist ein hervorragendes und bis heute legendäres Auto. Aber er hatte ein Problem: seinen übermächtigen Vorgänger namens F40. Im Vergleich zu dessen messerscharfem Design stieß der F50 auf viel Kritik. Die zerklüftete Frontpartie mit den tiefen Luftöffnungen und die geschwungene Linienführung stufte die Fangemeinde in der Maranello-Sammlung als ästhetisch fragwürdig ein.
Ferrari California
Das von 2008 bis 2017 gebaute Klappdach-Cabriolet Ferrari California litt unter aerodynamischen und praktischen Zwängen. Um das Metalldach im Heck unterzubringen, geriet die Heckpartie extrem hoch, breit und plump, was dem Wagen den Ruf eines "Hausfrauen-Ferraris" einbrachte. Fans entdecken bei ihm Design-Parallelen zum F430 und zum 612 Scaglietti – und das Kopieren der schräg übereinander angeordneten Doppel-Endrohre vom Lexus IS-F warfen sie den Designern umgehend vor. Andererseits gefiel der California mit einem guten Klang. Das löste bei Fahrern Freude aus – erst recht bei geöffnetem Dach.
Ferrari 612 Scaglietti
Auch der von 2004 bis 2011 gebaute Ferrari 612 Scaglietti wirkt im Design ähnlich reduziert wie der Luce – aber deutlich eleganter. Und er hat 2+2 Sitze. Vier Türen gab’s bei Ferrari in Serie erst mit dem seit 2022 gebauten Purosangue – der Luce hat jetzt nachgezogen. Der 612 Scaglietti hatte es aber bei Ferrari selbst nicht leicht. Sprach man mit ehemaligen Ferrari-Ingenieuren, rollten sie beim Thema 612 Scaglietti mit den Augen – das fühlte sich an, als wenn das Modell gar nicht so richtig zu Ferrari gehören würde.
Dies unterstreicht auch die Farbwahl der Kunden: Zwei Drittel der ausgelieferten Exemplare waren nicht in rosso corsa lackiert – die meisten trugen ein dezentes silbergrau auf ihrem Aluminium-Blech. Trotz 540-PS-V12 unter der Fronthaube erwärmte der 612 Scaglietti die Herzen der Fans nicht so richtig. Ein günstiger Gebrauchter ist er deswegen aber nicht.
Faraday Future FF91
Das 2014 gegründete Elektroauto-Start-up Faraday Future hat 2017 seinen Crossover FF91 vorgestellt. Der neue Luce wirkt ein bisschen, als hätten sich seine Designer am FF91 orientiert. Und wie war das damals beim FF91? Das Auto sollte in unter 2,5 Sekunden von null auf 97 km/h (60 mph) beschleunigen und unter 300.000 Dollar kosten. Innerhalb der ersten 36 Stunden nach der Vorstellung hatten mehr als 64.000 Interessenten den FF91 reserviert. Das ungewöhnliche Design galt bei einem modernen Start-up als selbstverständlich.
