Sleepmaxxing: Wie das virale Konzept die Schlafqualität verbessern soll
Tagsüber aktiv, abends müde und nachts tief und fest schlafend - genau so sollte es eigentlich sein. In der Realität sieht es leider oft anders aus: In der Arbeit verbringen wir viel Zeit sitzend vor dem Bildschirm, Bewegung kommt häufig zu kurz, Koffein bringt uns durch den Tag und abends liegen wir erschöpft, aber doch nicht wirklich müde im Bett.
Ein Trend, der mehr Erholung und besseren Schlaf verspricht, kommt da wie gerufen. Schlaf-Influencer scheinen genau das richtige Rezept zu haben. Ihr Konzept nennt sich "Sleepmaxxing" und zielt darauf ab, dass das Maximale an Erholung aus der Schlafenszeit herausgeholt wird. Mit ihren Tipps kann man abends angeblich zügig einschlafen, nachts durchschlafen und morgens erholt aufwachen.
So präsentiert sich Gwyneth Paltrow bei Instagram
Wie wird der Schlaf optimiert?
Mit Sleepmaxxing ist also die optimale Nutzung der Schlafenszeit gemeint. Und wie soll das funktionieren? Influencer stellen verschiedene Methoden und Rituale vor, die für schnelleres Einschlafen und erholsameren Schlafen sorgen sollen. Dazu zählen etwa Tricks wie das Trinken eines Schlafcocktails, der Konsum bestimmter Lebensmittel oder bekannte Schlafhygiene-Regeln.
Einer der Tipps, die auf Social Media kursieren, ist das Trinken des sogenannten "Sleepy Girl Mocktails" vor dem Zubettgehen. Dieser Drink besteht aus Sauerkirschsaft, Magnesiumpulver und Limo oder Mineralwasser. Magnesium trägt zur Entspannung bei, kann aber auch Nebenwirkungen wie Durchfall auslösen. Sauerkirschsaft ist eine natürliche Melatoninquelle.
Manche Influencer versprechen sich aus ihren Schlaf-Strategien nicht nur maximale Benefits für die Erholung, sondern auch für die Schönheit. Der Schlaf auf dem Rücken bewirke, dass das Gesicht am nächsten Morgen symmetrischer und schöner wirke. Ein junger TikToker schläft aus diesem Grund sogar in einem extra schmalen Bett, damit er sich in der Nacht nicht drehen kann.
Zwei Kiwis als Abendsnack wirken sich angeblich positiv auf die Einschlafzeit und auf die Schlafqualität aus. Stimmt das wirklich? Tatsächlich berichten einige User von diesem Effekt. Aussagekräftige Studien dazu fehlen jedoch und mit Kiwis allein bringt man Schlafprobleme eher nicht in den Griff. Wirksam sind sie höchstens als Teil einer umfangreicheren Strategie.
White Noise soll den Dauerlärm in unseren Köpfen und zugleich echten Lärm von Außen übertönen. Mit "Weißem Rauschen" ist ein Geräusch gemeint, das dem des "Ameisenkrieges" auf Bildschirmen ähnelt. In Flugzeugen steht White Noise oft im Onboard-Entertainment-Programm zur Auswahl, damit Passagiere den Umgebungslärm ausblenden und besser einschlafen können.
In bestimmten Situationen wie etwa auf Langstreckenflügen ist White Noise sicherlich eine sinnvolle Einschlafhilfe. Zu Hause in unserer gewohnten Umgebung sollten wir aber eher für eine ruhige Umgebung sorgen anstatt uns mit weißem Rauschen zuzudröhnen. Alternativ können auch hochwertige Ohrenstöpsel helfen, wenn die nötige Ruhe fehlt.
Manche Sleepmaxxing-Influencer raten dazu, dass man zwei Stunden vor dem Schlafengehen gar nichts mehr trinkt. Dieser Tipp beruht aber eher auf subjektiven Erfahrungen denn auf handfesten Fakten. Manche Getränke, wie zum Beispiel ein Glas warme Milch, Kräutertee, Mandelmilch oder Sauerkirschsaft, können das Einschlafen sogar unterstützen.
Auch dieser etwas fragliche Tipp kursiert unter dem Hashtag Sleepmaxxing und auch Gwyneth Paltrow soll darauf schwören: Mouth Taping. Dabei wird der Mund zugeklebt, was dazu führen soll, dass man durch die Nase atmet. Die Nasenatmung ermöglicht angeblich eine bessere Sauerstoffaufnahme und verhindert Schnarchen. Nachgewiesen ist diese Wirkung jedoch nicht.
Tipps zur Schlafhygiene
Sleepmaxximizer teilen auch Tipps, die aus dem Bereich der Schlafhygiene kommen - und diese haben durchaus Hand und Fuß. Einer davon bezieht sich auf die Raumtemperatur. Diese sollte idealerweise zwischen 16 und 20 Grad liegen. Das heißt, man sollte Schlafräume im Winter nicht zu stark heizen und die Wärme im Sommer nach Möglichkeit draußen halten, etwa durch Abdunkeln.
Schlafhygiene beinhaltet viele weitere Regeln, die von Influencern aufgegriffen werden und die tatsächlich sehr nützlich sind. So sollte etwa die Bildschirmzeit vor dem Schlafengehen reduziert, für eine ruhige und dunkle Schlafumgebung gesorgt und der Tag möglichst aktiv gestaltet werden. Auch abendliche Routinen können beim Herunterfahren und Einschlafen helfen.
Nachts performen?
Das Problem am Sleepmaxxing-Trend ist, dass er Druck erzeugt - und das widerspricht sich grundsätzlich mit Entspannung. Wer unbedingt das Maximale aus der Schlafenszeit herausholen möchte, macht die Nachtstunden zu einem (weiteren) Lebensbereich, in dem abgeliefert werden muss - und das ist eigentlich nicht zweckmäßig. Sleepmaxxing führt den Gedanken fort, der auf Social Media in vielen Bereichen vorherrscht: Man kann alles schaffen, wenn man nur genug an sich arbeitet. Dabei kommt die Bedeutung von echtem Leerlauf oft zu kurz. Es muss nicht immer alles perfekt sein - auch nicht der Schlaf. Dass er das aber (angeblich) sein könnte, wenn man es nur genug wollte, setzt vielen Menschen unter Druck.
Den Schlaf zu verbessern ist in der Realität meist deutlich komplexer und langwieriger als es auf Social Media dargestellt wird. Selten reicht es, nur an einer Stellschraube zu drehen. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen, wie etwa Stress, Ernährung, Schlafumgebung und mehr. Eine Optimierung gelingt selten über Nacht und das Ziel sollte auch keine Perfektion sein.
Es spricht nichts dagegen, sich Inspiration von Sleepmaxximizern zu holen. Ihr Content sollte aber kritisch hinterfragt werden. Nicht alle Tipps beruhen auf Tatsachen. Viele Inhalte dienen nur dem Verkauf eines Produkts, der Selbstinszenierung oder dem Reichweitenaufbau. Das sollten Sie immer im Hinterkopf behalten.