"Das Boot"-Star wird 85: Was macht eigentlich Jürgen Prochnow?
Diese eine große Rolle, die die Karriere eines Schauspielers, einer Schauspielerin zum einen begründet, sie andererseits für immer definiert und prägt, diese eine Rolle hatte auch Jürgen Prochnow. Dass sein "der Alte" genannte Kommandant aus Wolfgang Petersens Zweite-Weltkriegs-Klassiker "Das Boot" (1980) für ihn und seine Karriere eine Last gewesen sein könnte, der sprichwörtliche Fluch, mit dem er zeitlebens belegt gewesen sein könnte, davon will der Schauspieler nichts wissen.
Selbst heute nicht, da er am 10. Juni sein 85. Lebensjahr vollendet und noch immer und bei jeder Gelegenheit auf den gelassen-schweigsamen Kaleun angesprochen wird. Warum auch sollte der Film für Prochnow ein Fluch sein, hat die "einzigartige Produktion" doch dazu geführt, dass Prochnow sogar "in Amerika mit offenen Armen aufgenommen wurde", wie er 2020 in einem Interview mit der Nachrichten-Agentur teleschau verriet.
Dank "Das Boot" gehört Prochnow zu der nicht gerade großen Riege deutscher Filmschaffender, denen der Sprung über den Teich bis nach Hollywood gelang. Und wenn er sagt, dass er dort "mit wunderbaren Regisseuren und Schauspielern arbeiten durfte", dann meinte er auch Filmemacher wie David Lynch, mit dem er das Sci-Fi-Epos "Der Wüstenplanet" (1984) und das Mystery-Drama "Twin Peaks - Der Film" (1992) drehte. Oder Hollywood-Stars wie Ralph Fiennes und Juliette Binoche, an deren Seite er in "Der englische Patient" (1996) zu sehen war.
Natürlich gehört zur Reihe der Hollywood-Großen auch Wolfgang Petersen, dem "Das Boot" gleichfalls eine internationale Karriere ermöglicht hatte. Petersen prägte wie kein zweiter Regisseur seine Karriere. Schon vor dem Kriegsdrama arbeiteten die beiden zusammen, beim hochgelobten Thriller "Einer von uns beiden" zum Beispiel, oder dem stillen Schwarz-Weiß-Drama "Die Konsequenz", wo Prochnow Aufsehen erregend einen Homosexuellen spielte. Nach dem "Boot" drehten sie den umso lauteren Actioner "Air Force One" - mit Prochnow in einer Rolle, in der man Deutsche in Hollywood am liebsten sieht: als Schurke.
Deutscher Weltstar und Weltbürger
Nach Los Angeles hatte es Prochnow nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Menschen verschlagen. Seit Anfang der 1990er-Jahre lebte er in den USA. Das Leben im sonnigen Kalifornien hatte ihm genauso behagt wie der dortige Menschenschlag. "Als ich damals nach Amerika ging, fiel mir die ungeheure Freundlichkeit auf, die Kulanz der Leute", sagte er im teleschau-Gespräch. "Das war ein großer Unterschied zu Deutschland." 2003 wurde Prochnow in seiner Wahlheimat eingebürgert, seither ist er nicht nur deutscher, sondern auch US-Staatsbürger.
Dennoch hat es ihn zuletzt wieder nach Deutschland gezogen. 2017 kehrte Prochnow nach rund 25 Jahren mit seiner Frau Verena Wengler in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo er als Kind in den Weltkriegstrümmern aufwuchs. Bei seinem Großvater, der zu einer "sehr prägenden Männerfigur" für ihn wurde, so Prochnow, weil der Vater lange Zeit nicht anwesend, sondern in russischer Gefangenschaft war, von wo er 1947 erst zurückkehrte - ausgezehrt und abgemergelt.
Die Rückkehr nach Deutschland war zugleich Abkehr von den USA, wo Donald Trump Anfang 2017 seine erste Amtszeit als Präsident angetreten hatte. Die Entscheidung, auszuwandern, sei schon vor Trump gefallen, verriet Prochnow 2017 der "Süddeutschen Zeitung", doch Trump habe die Entscheidung "leichter gemacht". Er sei "wahnsinnig enttäuscht und verletzt" gewesen, fügte er hinzu, dass selbst einige seiner Freunde, die vorher für Obama waren, nun den Rechtspopulisten Trump gewählt hatten.
"Mit großem Erschrecken nehme ich wahr ..."
Die Flucht vor dem MAGA-Wahn in den USA endete in einem Land, in dem der Rechtsextremismus immer unverhohlener seine Fratze zeigt. "Mit großem Erschrecken nehme ich wahr", so Prochnow 2025 im Gespräch mit der "BZ", "dass Juden auf der Straße wieder angegriffen und in den Schulen gemobbt werden." Zu der Angst vor der Aushöhlung der Demokratie gesellte sich, so weit ist es gekommen, die Furcht vor dem Ende des Friedens. Prochnow: Dass "Putin vielleicht irgendwann vor Berlin steht und im eigenen Land wieder Neonazis auf dem Vormarsch sind, macht meiner Frau und mir viel Angst."
Lähmen lässt er sich von den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nicht. Auch beruflich nicht. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland tritt Prochnow vermehrt wieder in hiesigen Produktionen auf. In "Leanders letzte Reise" spielte er 2017 einen alternden Ex-Offizier. Im selben Jahr gab er in der Action-Komödie "Kundschafter des Friedens" einen Spion im Rentenalter. International vernetzt ist der Weltstar beruflich dennoch geblieben, wie man 2019 mit Terrence Malicks Drama "Das verborgene Leben" eindrucksvoll sehen konnte.
Arbeiten in zwei Welten - es ist als lebte Prochnow noch heute das "Leben eines freien Schauspielers" - wie schon in seinen Anfängen als Bühnendarsteller. Es ist, andererseits, ein freies Leben mit Einschränkungen. Seine "große Angst" sei es gewesen, nach "Das Boot" nur noch Nazi-Rollen zu bekommen, sagte er im teleschau-Interview. Nun, ausschließlich Nazis hatte Prochnow in seiner großen Karriere nicht spielen müssen, aber doch einige - zuletzt im Drama "The Last Rifleman" (2023) einen ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen. Prochnow hat viel erreicht, alles im Leben und im Beruf konnte aber auch er nicht haben.