Brisante ZDF-Doku über Jan Marsalek: Politiker spricht von "Geschichten aus dem Paulanergarten"
Erst vor einer Woche machte das BKA in Berlin eine mutmaßliche Spionin dingfest. Der Vorwurf lautet, die Frau sei "für einen Geheimdienst einer fremden Macht" tätig gewesen - gemeint war Russland. Derlei Verbindungen werden auch Jan Marsalek nachgesagt. Im Gegensatz zur Festgenommenen ist der einstige Wirecard-Vorstand seit dem Börsencrash des Finanzdienstleisters 2020 jedoch auf der Flucht. Recherchen von "Spiegel" und "ZDF Frontal" zufolge lebt der 45-Jährige in Moskau. Die Dokumentation "Wirecard - Russlands Top-Spion Jan Marsalek" nimmt dessen Spur auf.
In 45 Minuten nähert sich der Film von Volker Wasmuth dem gebürtigen Wiener an. Galt er in Schulzeiten noch als Sonderling - selbst seine Mutter bezeichnete ihn gemäß der ZDF-Doku als "präpotenten Zampano" -, stieg Schulabbrecher Marsalek schon mit 20 Jahren zum COO von Wirecard auf. "Er war nicht nur intelligent, sondern auch redegewandt", weiß die Kriminalpsychologin Kerry Daynes über den Charme von "Menschenfänger" Marsalek zu berichten. Journalist Lars-Marten Nagel ("Handelsblatt") gibt dem recht: "Marsalek kann Menschen in seinen Bann ziehen."
Marsalek hatte "lebensgroße Donald-Trump-Pappfigur" im Wirecard-Büro
Dank dieser Qualitäten baute sich der Top-Manager ein international tätiges Netzwerk auf, tütete Multi-Millionen-Deals für Wirecard ein - und bereicherte sich damit auch selbst. "Wir wissen, dass er Geschäfte angeleiert hat, bei denen er eine dreistellige Millionensumme aus Wirecard hinein in die eigene Tasche gelotst hat", berichtet Lars-Marten Nagel von den Ergebnissen von Investigativ-Recherchen.
Das viele Geld und die einflussreichen Figuren, die sich um Jan Marsalek scharten, führten schließlich zu einem laut "Financial Times"-Journalist Dan McCrum "entscheidenden Wendepunkt". 2014 machte den Manager seine damalige Freundin - mutmaßlich ein vom russischen Geheimdienst engagiertes Model - auf einer Glamour-Party in Nizza mit dem Russen Stanislaw Petlinski bekannt. "Hier war jemand, der einem ein Doppelleben angeboten hat. Ich glaube, dass er dankend angenommen hat", vermutet McCrum, der Marsalek attestiert: "Er liebt es, in geheime Pläne involviert zu sein."
Schon zuvor hatte Jan Marsalek in seinem Wirecard-Büro seiner Faszination für die Mächtigen der Welt und seiner Nähe zu Russland Ausdruck verliehen. An einem sonst spartanisch eingerichteten Arbeitsplatz seien eine "lebensgroße Donald-Trump-Pappfigur", unterschriebene Trump-Kappen und eine "kleine Kommode mit russischen Pelzkappen" hervorgestochen, wie sich in der Dokumentation ein anonymisierter Ex-PR-Berater von Wirecard erinnert.
Investigativ-Reporter vermutet: "Marsalek hat sich jahrelang auf die Flucht vorbereitet"
Die forensische Psychologin Kerry Daynes beschreibt Jan Marsalek als "skrupellos und scheinbar furchtlos" und kommt daher zum Schluss, er sei "einfach perfekt für einen Spion" geeignet. Als solcher sei er laut MI6-Agent Matthew Dunn zunächst nur "Handlanger und Kofferträger" für Russland gewesen. Doch mit seinem globalen Netzwerk samt einflussreicher Kontakte und den wertvollen Wirecard-Daten im Rücken gewann Marsalek rasch an Wert für die russischen Geheimdienste.
Eine von ihm angemietete Luxus-Immobilie im Münchner Nobelviertel Bogenhausen habe sich zum Drehkreuz von Ex-Agenten, Militärs, Geldwäschern und politischen Strippenziehern entwickelt, beschreibt es Paul Murphy ("Financial Times"). Der deutsche Investigativreporter Jörg Diehl charakterisiert die Villa als "Mischung aus Luxus-Herberge und Jungsbanden-Hauptquartier".
Mit diesem Leben zwischen hoher Arbeitsbelastung und Luxus war es im Sommer 2020 jedoch vorbei: Mit dem Börsencrash von Wirecard setzte sich Jan Marsalek noch am Tag der Finanzplatte per Flugzeug nach Minsk ab, um von dort nach Moskau weiterzureisen. "Er hat sich jahrelang auf die Flucht vorbereitet", erklärt Jörg Diehl. In der russischen Hauptstadt lebt er gemäß den Recherchen bis heute unter einer neuen Identität, beschafft vom russischen Geheimdienst. "Zweifellos haben die russischen Geheimdienste ihm bei der Flucht geholfen", kommentiert MI6-Agent Matthew Dunn in der Doku.
Grünen-Politiker sieht "Geheimdienstskandal" - und fordert Aufarbeitung
Doch damit nicht genug: Britische Einsatztruppen ließen im Februar 2023 in der ostenglischen Stadt Great Yarmouth bei einer Razzia ein Spionagenest auffliegen. Die "wahre Goldgrube an Beweisen" (Kerry Daynes) beinhaltete unter anderem Überwachungsdrohnen, 495 SIM-Karten und mehr als 200 Handys. Die Spur der geständigen und mittlerweile verurteilten Agenten führte zu Rupert Ticz nach Moskau - einem mutmaßlichen Tarnnamen Jan Marsaleks. Ermittler gehen davon aus, dass der einstige Wirecard-Manager von Moskau aus einen Agentenring leitet und europaweit Kreml-Gegner ausspioniert.
Bleibt die Frage, ob Jan Marsalek nicht schon viel früher auf dem Radar deutscher Geheimdienst hätte sein müssen. "Deutschland war nicht aufmerksam", urteilt Dan McCrum ("Financial Times"). BSW-Politiker Fabio de Masi, einst Teil des Wirecard-Untersuchungsausschusses, glaubt: "Die Behauptung, der BND hätte gar nicht gewusst, wer Marsalek ist, halte ich für Geschichten aus dem Paulanergarten."
Außerdem stellt er die These auf: "Mein Eindruck ist, dass die deutschen Sicherheitsbehörden überhaupt kein Interesse daran haben, weil sich dann ein paar unangenehme Fragen stellen würden." Klärungsbedarf über den Finanzskandal hinaus sieht auch Grünen-Mann Konstantin von Notz. Er fordert in der ZDF-Doku nicht nur, dass die deutschen Geheimdienste sich besser aufstellen sollten, sondern auch: "Ich glaube, dass man den Geheimdienstskandal noch einmal sauber aufarbeiten muss."