Wann vernetzte Autos den Anschluss verlieren
Viele Autos hängen für Navigation, Notruf, Ortung und Fernzugriff am Mobilfunk. Wenn Netzbetreiber 4G-LTE-Netze zurückbauen, verlieren ältere Fahrzeuge womöglich wichtige Funktionen – in den USA früher als in Europa.
Ein Auto kann mechanisch tadellos funktionieren und digital trotzdem altern. Fällt das Mobilfunknetz aus, verlieren Besitzer je nach Modell den Zugriff auf Fernentriegelung, Fahrzeugortung, Live-Verkehrsdaten, Online-Navigation, Ferndiagnose oder Over-the-Air-Updates.
Nach einer aktuellen Analyse des Londoner Technologie-Marktforschungsunternehmens Omdia fahren heute weltweit rund 500 Millionen vernetzte Autos auf den Straßen. Bis 2035 könnte diese Zahl auf mehr als eine Milliarde steigen.
USA bereiten das 4G-Ende früher vor
Omdia rechnet damit, dass Mobilfunkanbieter in den USA ab etwa 2030 mit dem Rückbau von LTE beginnen könnten. Ein einheitliches Abschaltdatum gibt es bisher nicht. Die Netzbetreiber entscheiden selbst, wann sie Frequenzen neu verteilen und LTE durch modernere Technik ersetzen.
Der Zeitraum wirkt lang, reicht in der Autoindustrie aber kaum aus. Hersteller entwickeln Fahrzeuge mehrere Jahre vor dem Marktstart. Schon heute arbeiten ihre Teams an Modelljahrgängen, die erst gegen Ende des Jahrzehnts bei den Händlern stehen.
Europa folgt eigenen Zeitplänen
Europa steht nicht vor einem gemeinsamen 4G-Abschalttermin. Die Netze unterscheiden sich von Land zu Land, und jeder Anbieter verfolgt eigene Pläne. In vielen europäischen Märkten konzentriert sich die Branche zunächst auf das Ende von 2G und 3G.
LTE dürfte in Europa deshalb in vielen Regionen länger verfügbar bleiben als in den USA. Eine dauerhafte Garantie gibt es trotzdem nicht. Auch europäische Autobesitzer sollten prüfen, welche Mobilfunktechnik im eigenen Fahrzeug arbeitet und welche Dienste daran hängen.
Warum ein Update nicht genügt
Ein 4G-Modem empfängt keine 5G-Signale. Ein Software-Update kann die Steuerung, Benutzeroberfläche oder Netzsuche verändern, aber keine neue Funktechnik in das Auto einbauen.
Für eine 5G-Verbindung braucht das Fahrzeug passende Hardware. Dazu gehören unter anderem ein 5G-Modem, geeignete Antennen und eine Fahrzeugarchitektur, die den Austausch des Kommunikationsmoduls unterstützt. Bei vielen älteren Autos lohnt sich eine solche Nachrüstung für den Hersteller wirtschaftlich kaum.
Nicht jede Funktion fällt gleichzeitig aus
Der Ausfall betrifft nicht jedes Auto im selben Umfang. Manche Fahrzeuge nutzen den Mobilfunk nur für den Notruf und die Kommunikation mit der Werkstatt. Andere greifen für zahlreiche Komfortfunktionen auf die Verbindung zurück.
Besitzer verlieren dann möglicherweise den Fernzugriff per Smartphone-App, die Standortanzeige oder die Möglichkeit, das Auto aus der Entfernung zu verriegeln. Auch Dienste wie Online-Radio, Cloud-Profile, Wetterdaten, Echtzeit-Verkehr und automatische Software-Aktualisierungen können verschwinden.
Die klassischen Fahrzeugfunktionen bleiben dagegen meist erhalten. Motor, Getriebe, Bremsen, Licht und die meisten lokalen Assistenzsysteme arbeiten unabhängig vom Mobilfunknetz. Das Auto bleibt fahrbereit, doch seine digitale Ausstattung schrumpft.
3G-Debakel liefert einen Vorgeschmack
Die USA haben bereits gezeigt, wie hart eine Netzabschaltung Autobesitzer treffen kann. Nach dem Ende von 3G verloren Millionen Fahrzeuge vernetzte Dienste. Einige Hersteller boten Nachrüstlösungen oder Software-Anpassungen an, andere strichen Funktionen.
Der Sprung von 4G zu 5G betrifft voraussichtlich mehr Fahrzeuge. 4G verbreitete sich deutlich stärker als 3G und steckt in vielen Autos, die heute noch als moderne Gebrauchtwagen gelten. Ein Fahrzeug aus der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre kann beim nächsten Besitzer deshalb noch lange nach dem Ende der Herstellergarantie in Betrieb sein.
Gebrauchtwagenkäufer müssen genauer hinschauen
Kilometerstand, Wartungshistorie und Unfallfreiheit reichen bei vernetzten Autos nicht mehr als alleinige Kaufkriterien. Käufer sollten zusätzlich klären, welches Modem das Fahrzeug nutzt, welche Dienste der Hersteller daran bindet und wie lange der Anbieter diese Funktionen garantiert.
Auch die Vertragsbedingungen verdienen Aufmerksamkeit. Manche Dienste laufen nur während einer bestimmten Frist oder gegen eine monatliche Gebühr. Andere Funktionen hängen von einer eSIM und der Infrastruktur eines externen Netzbetreibers ab.
Der Verkaufswert hängt künftig deshalb nicht nur von Baujahr, Laufleistung und Ausstattung ab. Ein Fahrzeug mit moderner 5G-Hardware kann gegenüber einem ähnlich alten 4G-Modell einen Vorteil bekommen, wenn beide Autos ansonsten kaum Unterschiede bieten.
Hersteller brauchen eine belastbare Lösung
Automobilhersteller könnten Kommunikationsmodule austauschbar konstruieren und ihre Kunden früh über das Ende einzelner Netze informieren. Ebenso könnten sie Nachrüstmodule, verlängerte Servicezeiträume oder alternative Verbindungen anbieten.
Eine weitere Möglichkeit bestünde in einer gemeinsamen Infrastruktur der Hersteller und Netzbetreiber. Ein begrenztes LTE-Angebot für ältere Fahrzeuge könnte vernetzte Dienste länger am Leben halten. Dafür müssten die beteiligten Unternehmen allerdings technische Standards, Kosten und Verantwortlichkeiten untereinander regeln.
